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Innovationspolitik: Elite-Forscher unzufrieden mit der Regierung

von Max Haerder (Berlin)

Egal ob steuerliche Forschungsförderung, High-Tech-Strategie oder Elektromobilität: Die deutsche Wissenschaft stellt der Bundesregierung ein durchwachsenes Zeugnis aus. Die kontert mit Bekenntnissen, Bündnissen und mehr Geld.

Bundesforschungsministerin Quelle: dpa
Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) Quelle: dpa

Futuristisch, gewagt, elegant. Das Axica-Tagungszentrum am Brandenburger Tor ist ganz nach dem Geschmack der Anwesenden. Wie geschaffen für eine Konferenz, in der es um Innovation, um Erfindergeist und Wirtschaftswachstum, kurz: um Zukunft gehen soll. Über Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wölbt und zerfurcht sich die kühne Deckenkonstruktion des Stararchitekten Frank O. Gehry. Vor ihr in der ersten Reihe haben prominente Gäste wie der Stifterverbands-Präsident Arend Oetker und der Ex-SAP-Chef und heutige Acatech-Präsident Henning Kagermann Platz genommen. Beide sind Mitglieder der Forschungsunion, einem hochkarätigem Zusammenschluss von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, den Schavan heute zum zweiten Mal ins Leben gerufen hat.

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„Wer Innovation will, braucht Zusammenarbeit“, sagt die Ministerin passend zum Anlass. Sie ist stolz, sie hat Geld und Aufmerksamkeit mitgebracht, es ist ein guter Tag. Auf der „Cluster-Konferenz 2010“ werden fünf Forschungscluster mit zweistelligen Millionenbeiträgen ausgezeichnet – darunter etwa Logistikexperten in Dortmund oder Biotechnologie in München. „Es konnte viel Dynamik erzeugt werden“, bilanziert Schavan. Ihre Botschaft: Deutschland forsche wie nie. „Der Ehrgeiz in Deutschland ist gewachsen, als Standort gut wegzukommen.“

Forschungsförderung lässt auf sich warten

Mit der Neuauflage der Forschungsunion oder dem Spitzencluster-Wettbewerb will Schavan ihre so genannte High-Tech-Strategie weiter vorantreiben. Seit 2006 fördert der Bund ausgewählte Forschung, etwa in den Bereichen Gesundheit, Klima, Mobilität oder Nanotechnologie. Weitere drei Milliarden Euro sollen alleine bis 2013 fließen, heute schon mal einige Millionen. Ein guter Tag eben.

Der gestrige war es nicht. Keine 24 Stunden vor dem Auftritt der Ministerin hatte Deutschlands Wissenschaftselite eine geteilte Bilanz der bisherigen Anstrengungen vorgelegt. „Wir sind unzufrieden“, fasste Dietmar Harhoff, Professor an der LMU München und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), zusammen.

Die EFI soll – wie die Wirtschaftsweisen – einmal im Jahr über die Forschungs- und Innovationsbemühungen der Regierung urteilen. Das tat sie am Mittwoch zum dritten Mal - und warnte deutlich. Es gäbe, so Harhoff, eine „Bedrohung für die Innovationskraft des Landes“.

Eine mögliche Antwort auf die Bedrohung steht im Koalitionsvertrag: die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. Kosten könnten die forschenden Unternehmen dann in Zukunft von der Steuer absetzen. Die Wirtschaft wartet händeringend auf eine solche Unterstützung in der Krise, aber die Politik zögert noch. „Wir arbeiten noch“, hatte Angela Merkel gestern lapidar kommentiert. Die EFI-Forscher drängen zur Eile: Die Absicht sei gut, aber die Umsetzung fehle schmerzlich. Im besten Fall zehn Prozent der Forschungskosten sollten direkt von der Steuerschuld abzugsfähig sein. Die gefährliche Abwanderung von Forschungsabteilungen in ausländische Töchterunternehmen müsse endlich gestoppt werden -  in 21 der 27 OECD-Länder gibt es eine solche Förderung.

Bei der von Schavan so hoch gelobten High-Tech-Strategie sehen die Experten noch mehr Handlungsbedarf. Zwar müsse dieses Programm unbedingt fortgeführt werden, allerdings viel konzentrierter als bisher, forderte Harhoff. Bislang erstreckt sich die Strategie auf insgesamt 17 Forschungsbereiche – für die Experten deutlich zu viele. Ein Kommerzialisierungsfonds in dreistelliger Millionenhöhe würde zudem dafür sorgen, Erkenntnisse der Hochschulforschung schneller und erfolgreicher in marktreife Produkte zu übersetzen. Die Lücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sei weiterhin zu hoch.

„Drohpotenzial für die deutsche Autoindustrie“

Hart ins Gericht gingen die EFI Experten mit einem der Lieblingsthemen der neuen Regierung, der Elektromobilität. Der Stand der deutschen Elektroforschung habe „Drohpotenzial für die deutsche Autoindustrie“, warnte Harhoff. Der technische Rückstand - vor allem bei Batterien und Elektronik – sei eine Tatsache, die Modellregionen für Testprojekte zu weit gestreut. Ob Deutschland, wie von der Bundesregierung angestrebt, bis 2020 zu einem Leitmarkt für Elektroautos werden könne? Da sind die Experten skeptisch. „Wahrscheinlich ist der Leitmarkt China“, so Harhoff. Eine Ohrfeige für die Regierung, die sich mit einem „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“, 500 Millionen Euro Fördergeldern aus den Konjunkturpaketen und einem großangelegten Elektrogipfel im Mai eigentlich als Vorreiter präsentieren will.

Annette Schavan hat dazu ihre eigene Interpretation. Der Bericht bestätige trotz Kritik vor allem den eingeschlagenen Kurs. Er unterstreiche „die hohe Bedeutung von Bildung und Forschung in den Plänen der Bundesregierung.“ Vor der versammelten Wissenschaftselite im Herzen Berlins nutzt Schavan ihren Auftritt deshalb auch zu einer kleinen Grundsatzrede. Bessere Lehre an den Unis schaffen,  zentrale Fragen der Zukunft beantworten, die Krise bekämpfen. Schavan zieht lieber die großen Linien: „Wir werden in einigen Jahren sagen, hiermit Quellen des Wachstums erschlossen zu haben.“ Hiermit, kein Zweifel, sie wird ihre Politik meinen.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 26.02.2010, 08:01 UhrAnonymer Benutzer: Jungunternehmer

    Hiermit eine Liebeserklärung an meine Vorposter.

    Absolut richtig. Es ist ja nicht so dass keine Förderung durch den Staat erfolgt, da wird partiell ja auch gute Arbeit geleistet.

    Aber allein die Denkweise von beamten die nach einer 100% Lebensrisikoabsicherung streben, gruselt jeden Unternehmer und innovator. Unsere ehemals Soziale Marktwirtschaft mutiert zusehends zur Planwirtschaft durch dieses permanente staatliche Nicht-los-lassen können. Wenn der Staat Milliarden in Subventionstöpfen bereit stellt, erschafft er auch Firmen die sich an diesen "Markt" anpassen. Was es inzwischen an Firmen gibt die sich nach Subventionstöpfen als Kunden ausrichten anstatt an ihren Kunden für ihre Produkten und Dienstleistungen, das geht auf keine Kuhhaut.

    Deswegen es würde uns mehr bringen, wenn die Parteien sich um ihr eigenes Demokratieverständnis mal kümmern würden. Parteien die unter Fraktionszwang agieren - sind für mich nicht glaubhaft. Für mich ist das ein Haufen neurotischer Zwangspatienten, die überall und alles absichern und kontrollieren wollen. Und die Agitatiins- und Argumentationsweise der Parteien bestätigt meine Einschätzung jeden Tag auf's neue.

    Deswegen - kann man da nur noch Piraten wählen. Zumindest so lange bis der bürger wieder in die Politik ein- und durchgedrungen ist, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

  • 25.02.2010, 22:17 UhrAnonymer Benutzer: Mariposa

    Der große Fehler staatlicher industrie- und Forschungspolitik besteht doch darin, dass meist - je nach politischer Richtung - Hobbys gefördert werden. Der Hobbyflieger Strauss machte sich für die Flugzeugindustrie stark, heute bestimmen grüne Soziologen und Pädagogen wie die Umwelttechnik der Zukunft auszusehen hat, frei von jedweder Kompetenz. Schafft endlich ein Umfeld für junge Gründer, sorgt dafür, dass das Dasein als Jungunternehmer angesehener ist, denn als Angestellter im Großkonzern oder in der beamtenlaufbahn. Laßt junge Menschen auch mal am Sonntag in der Garage an einer Zukunftsentwicklung herumbasteln ohne sofort wegen Ruhestörung etc. die sofortige Einstellung zu erwirken. Dann klappt das auch mit der innovation und viele ideen werden in die Tat umgesetzt. Manche verschwinden auch wieder in der Versenkung aber genau dies ist der Prozess den wir brauchen und nicht noch ne`staatliche Förderung die letztlich nur dem Aufbau der bürokratie dient.

  • 25.02.2010, 20:38 UhrAnonymer Benutzer: Liberty1

    Es ist erstaunlich, wie das elektrische Licht, Automobile und fast alle anderen Erfindungen möglich waren, ohne dass es eine Förderung durch Regierungen gab. Forschungen von Unternehmen von der Steuer absetzbar zu machen ist absoluter blödsinn. Oder glauben wir wirklich, dass es uns diese Unternehmen mit niedrigeren Preisen zurückzahlen werden? Wann lernen die Politiker, dass ihre ständigen Eingriffe in die Wirtschaft die ganzen heutigen Probleme erst heraufbeschwört haben? Wann werden wir wieder eine schlanke Regierung haben, die sich nur auf das wesentlichste konzentriert, anstelle Geld von A nach b zu schieben? Glauben diese Menschen am Ende wirklich, sie seien die "Experten", die alles besser wüssten?

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