Integration in Deutschland: „Als ob jeder über dich herzieht“

Integration in Deutschland: „Als ob jeder über dich herzieht“

, aktualisiert 11. April 2016, 10:37 Uhr
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Lehrbuch „Deutsch im Alltag“: Ein Migrant erzählt von seiner eigenen Integration in Deutschland.

von Itai MushekweQuelle:Handelsblatt Online

Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, die Anordnung im Supermarkt: Flüchtlinge treffen In Deutschland auf viel Neues. Ein Journalist aus Simbabwe erzählt von seinen Integrationsversuchen – und von einem „Kulturschock“.

BerlinBevor ich nach Deutschland kam, wusste ich alles über das Land nur aus dem Geschichtsunterricht meiner High School. Ich hatte über die Berliner Mauer gelesen und gehört – und es war faszinierend, sie im wirklichen Leben zu sehen. Aber das meiste, was wir zuhause in Simbabwe gelernt hatten, hatte mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Militärische Operationen der Nazis wie Operation Seelöwe oder Operation Barbarossa zum Beispiel. Dann wusste ich noch, dass gute Autos in Deutschland gebaut werden und das Land für sein Bier berühmt war.

Aber ausgesucht habe ich mir Deutschland nicht. Ich habe auch Simbabwe nicht freiwillig verlassen. Ich war für einen zweimonatigen Journalismuskurs in Berlin zusammen mit anderen jungen Kollegen aus der ganzen Welt – als ich erfuhr, dass ich nicht nach Simbabwe zurückkehren konnte, weil mein Name auf der schwarzen Liste von Präsident Robert Mugabes Geheimdienst stand wegen meiner kritischen Politikgeschichten gegen sein Regime.

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Es liegen Ozeane zwischen der Kultur und dem Lebensstil in Deutschland und den Heimatländern der meisten Flüchtlinge und Einwanderer. Zudem haben viele – so wie ich damals 2007 – nur wenig Kenntnisse über dieses Land. Da ist es nicht einfach, sich schnell anzupassen und die deutsche Sprache zu lernen. Aber ohne das nötige Wissen und Verständnis ist man gefangen in einem Irrgarten aus Dornen.

Ich habe mindestens ein Jahr gebraucht, um den Mut zu finden, mich endlich für meinen ersten Deutschkurs anzumelden. Als ich vor fast einem Jahrzehnt als junger Afrikaner aus Simbabwe in Deutschland landete, versetzten mich meine ersten täglichen Begegnungen in Berlin, dann Hamburg und später Köln in einen Kulturschock jenseits meiner Vorstellungskraft. Umgangsformen, Gesetze, Lebensstil: Alles war so völlig anders. Die Anordnung im Supermarkt, der Umgang mit Müll, die Einstellung zum Alkohol: alles.

Es fühlte sich an wie in einem Kinofilm, aber ich musste diese Verwirrung und Beklemmung bekämpfen, und zwar schnell. Alles um mich herum war schnell, und es ist immer noch schnell, so wie für viele andere auch, die schon seit Jahren in Deutschland sind. Denn die Deutschen sind kulturbeflissene Menschen mit einem exzessiven Interesse an Literatur und Theater, Musik und Kunst. Ohne dies alles zu schätzen – und das meiste gilt als Luxus dort, wo ich herkomme – ist man am Nullpunkt der Integration.

Ohne die nötigen Deutschkenntnisse, kann das Leben zur Hölle werden, denn es ist hart, Freunde oder wirkliche Berührungspunkte mit der Mainstream-Gesellschaft zu finden. Viele Flüchtlinge verlieren die Geduld und orientieren sich an den Flüchtlingsgruppen, was gefährlich und nicht zielführend ist. Wenn sich Deutsche ganz unschuldig miteinander unterhalten, fühlt es sich so an, als ob jeder um dich herum über dich herzieht. Du wirst misstrauisch, wo es gar keinen Grund für Misstrauen gibt. Wenn du die Sprache nicht sprichst, wirst du zum Fremden und die Scheu übermannt dich, lässt Dich zum Narren werden in Situationen, die ein einfaches deutsches Wort oder ein Satz gerettet hätten.

Einmal in Berlin habe ich im Supermarkt 30 Minuten lang nach Salz für mein Essen gesucht. Ein Kollege ebenfalls aus Simbabwe und ich hatten schon eine Woche lang Fleisch ohne Salz gegessen, weil wir nicht wussten, wie es auf Deutsch hieß. Und dann war die Produktanordnung in deutschen Supermärkten so speziell. Es ist ja nicht so, dass man dort, wo man Brot findet, auch Margarine oder Butter findet. Oder dass dort, wo das Fleisch liegt, auch die dazu passenden Gemüse und Früchte zu finden sind.

Allein die Sprache zu lernen, ist eine immense Anstrengung. Die Entschlossenheit dazu ist wichtig – dann lehrt das tägliche Leben. Und das Fernsehen. Kinderprogramme haben mir sehr geholfen. Und eine ehemalige Nachbarin aus Polen gab mir den wertvollen Rat, viel mit Kindern zu sprechen, denn von ihnen lernst du schnell viel, ohne dass dir deine Fehler peinlich sind. Auch eine Freundin aus Simbabwe, die als Teenager mit ihrem Vater – einem Fußballspieler – nach Deutschland gekommen war und ihr Sohn halfen mir in dieser Zeit.


„Es sind die vielen kleinen kulturellen Unterschiede“

Vieles verblüffte mich in Deutschland – etwa, dass man Alkohol in der Öffentlichkeit trinken konnte, ohne Ärger mit der Polizei zu bekommen. In Simbabwe ist Trinken in der Öffentlichkeit ein Vergehen, das dir eine Nacht in der Zelle und immense Geldbußen einbringen kann. Aber ich musste lernen, in welcher Umgebung in Deutschland genau getrunken wird. Denn auch wenn es nicht bestraft wird, habe ich damals, als ich noch Alkohol trank, gemerkt, dass es den Leuten unangenehm war, wenn ich in der Bahn Alkohol trank. Es sind die kleinen Details, die man kennen muss.

Auch beim Abfall, zu dem wir in Afrika eine ganz andere Einstellung haben. Ein Journalistiklehrer in Hamburg erklärte einem Mitstudenten aus Sambia, dass dieser seine leerer Kekspackung in den Mülleimer werfen muss, sonst würde er zu Unordnung und Verschmutzung auf den Straßen beitragen. In Lusaka, wo der Student herkam, ist es überhaupt kein Problem, seinen Abfall hier und dort fallen zu lassen – ebenso wenig in Simbabwe. Es ist wichtig, das Neuankommende solche Normen beigebracht bekommen.

Nicht jeder in Europa empfängt Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika mit offenen Armen und einem Lächeln. In Serbien und Ungarn haben sich Bewohner Medienberichten zufolge über das Chaos und die Müllberge beschwert, die die Asylsuchenden auf ihrer Route zurücklassen. Plastikflaschen und Kartons, leere Verpackungen und unangetastete Verbandsmaterialien waren auf den Fotos in den Sozialen Medien zu sehen. Und erzeugten Panik vor hygienischen Problemen.

Es sind die vielen kleinen kulturellen Unterschiede, die nicht übersehen werden dürfen, wenn es darum geht, wie man Flüchtlinge bei der Integration unterstützen kann. In Afrika können Männer zum Beispiel zum Urinieren hinter einen Baum gehen in der Öffentlichkeit. In der westlichen Kultur hat ein solches Verhalten nichts zu suchen. Dann gibt es gewichtige Themen wie den Missbrauch von Frauen und häusliche Gewalt. In Asien und Afrika sind Frauen immer noch unterdrückt – und ihren Ehemännern raucht der Kopf beim Gedanken an die Emanzipation und den Schutz durch das Gesetz der Frauen, wenn sie den Westen betreten. So manche Frau, vor allem aus Afrika, meldet ihren Mann nicht bei den Behörden, aus Angst, dass dann die Familie auseinander gerissen wird. 

Die Liste geht fast endlos weiter: Flüchtlinge müssen die Kultur der Pünktlichkeit lernen, dass sie in der Öffentlichkeit keinen Lärm machen dürfen oder dass sie nicht grausam zu Tieren sein dürfen, um nur ein paar Punkte zu nennen. Ein enger Freund in Düren wurde an Wochenenden spät abends häufig von der Polizei besucht, weil er sein Radio immer voll aufdrehte zum Ärger seiner Nachbarn. Es dauerte, bis er verstand, dass seine Musik als Belästigung verstanden wurde, etwa für Ältere oder kleine Kinder.

Die Bundesbehörden versuchen ihr bestes, die Flüchtlinge zu ermutigen sich zu integrieren und Deutsch zu lernen. Aber es könnte mehr getan werden. Kultur- und Integrationszentren können denen, die neu ankommen, besonders helfen, indem sie einen Ort bieten, an dem du dich in einfachem Deutsch unterhalten kannst. Diese Zentren könnten in der Form der deutschen Touristeninformationszentren, die es fast in jeder Stadt gibt, ausgebaut werden. Auch in digitalen Zeiten, in denen Apps beim Deutschlernen helfen, sind solche Kulturzentren wichtig, um das Interesse und den Enthusiasmus an der deutschen Kultur zu wecken.

In ihnen macht der Migrant oder Asylbewerber bereits einen ersten inoffiziellen Integrationskurs. Denn sozialer Kontakt und Freundschaft gibt Asylbewerbern das Selbstvertrauen, das sie brauchen, um Deutschland zu einer zweiten Heimat fern der Heimat zu machen.

Es dauert lange, bis man es am Ende richtig hinbekommt in Deutschland. Und bis sich eine Gelassenheit einstellt, weil du weißt, dass du nicht länger mehr ein Flegel bist. Bei mir hat es mindestens fünf Jahre gedauert, bis es soweit war.

Quelle:  Handelsblatt Online
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