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Internet: Die rückwärtsgewandte Netzpolitik der CDU

von Sebastian Matthes

Nach dem Erfolg der Piratenpartei entdeckt die Politik das Netz: Die CDU will es bändigen – die Wirtschaft widerspricht. Kritiker sprechen schon vom "Kauder Strike".

Piratenpartei Flaggen Quelle: DPA
Piratenpartei Flaggen Quelle: DPA

Seit die Jungpolitiker der Piratenpartei vor rund zwei Wochen den Berliner Senat geentert haben, setzt die CDU alles daran, den Netzapologeten auch bundesweit über die Fünf-Prozent-Hürde zu helfen. Anstatt sich mit den unkonventionellen Positionen der Politik-Neulinge ernsthaft zu befassen, flüchten Unions-Vertreter in die Netzopposition: So will Siegfried Kauder (CDU), der zufälligerweise auch Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände ist, demnächst einen Gesetzentwurf gegen Musikpiraterie vorlegen. Er will Copyright-Sünder, die wiederholt beim illegalen Herunterladen von Musik erwischt werden, aus dem Netz sperren. Ohne richterlichen Beschluss und ohne Verhältnismäßigkeit, wie Kritiker bemängeln. Beste Wahlkampfhilfe für die Piratenpartei.

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Nur wenige Tage vor Kauders Vorstoß machte ein Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion die Runde. Abgeordnete schreiben darin, im Netz dürfe es kein grundsätzliches Recht auf Anonymität geben, „eine anonyme Teilhabe am politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess ist abzulehnen“. Schade nur, dass auf dem Papier nicht einmal die Namen der Verfasser genannt sind. Kritiker jedenfalls sehen den Vorstoß als einen Angriff auf die Meinungsfreiheit im Netz.

Wähler gewinnen

Nicht nur die Internet-Community ist angesichts dieser Vorschläge entsetzt. Auch CDU-Politiker beharken sich via Twitter über die Pläne und markieren ihren Unmut mit dem Schlagwort „Kauder Strike“. Einer von ihnen ist CDU-Netzpolitiker Thomas Jarzombek. Er habe den Eindruck, sagt Jarzombek, „dass sich so manche Rechts- und Innenpolitiker gegen das Netz positionieren, weil sie glauben, damit Wähler gewinnen zu können“.

Diesem unbeholfenen Vorgehen will der CDU-nahe Wirtschaftsrat nicht länger tatenlos zusehen: „Deutsche Politiker sehen im Internet vor allem die Risiken – nicht aber die Chancen“, sagt Wirtschaftsrats-Generalsekretär Wolfgang Steiger. Dabei sei die Informationstechnologie „der Maschinenbau des 21. Jahrhunderts“. Die Branche wachse in Deutschland jedes Jahr um acht Prozent, beschäftige 360.000 Mitarbeiter und setzte 110 Milliarden Euro um. Kein Wunder: Eine Umfrage unter 10.000 Mitgliedsunternehmen des Wirtschaftsrats ergab, dass ein Großteil von ihnen glaubt, ihr Geschäft sei ohne das Netz kaum noch möglich.

Wenn Steiger aber auf die Netzpolitik blickt, sieht er vor allem vertane Chancen. So ringt die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft seit Monaten um eine Position – ohne Ergebnis. Um der Politik auf die Beine zu helfen, hat der Wirtschaftsrat nun ein Expertengremium berufen – mit Vertretern aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft. Dieses Gremium hat nun einen ersten Forderungskatalog aufgestellt.

Bemerkenswert ist, dass sich der Wirtschaftsrat darin klar gegen Vorschläge aus den Reihen der Union positioniert. Die Experten fordern beispielsweise, den ohnehin schon starken Datenschutz in Deutschland nicht weiter zu verschärfen – sondern die Regeln international anzugleichen.

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2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 07.10.2011, 12:44 UhrRobert

    Mit den Piraten könnte die Zeit von Schwarz-Rot oder Rot-Schwarz zum Dauerzustand werden. So abschreckend dürfte das für viele Politiker nicht sein.

  • 07.10.2011, 02:14 UhrNiemand will ne MAUER bauen: ich liebe Euch alle!

    Siegfried Kauder letztens im ZDF interview: "Es ist Mode geworden, die Freiheitsrechte des bürgers in den Vordergrund zu stellen."
    Das nach dem selben neuen Schema frei nach Goethe umgedeutet, wie Merkels sicherlich ganz und gar nicht zufällige neuerliche augenzwinkernde Ableitung der "Sicherheit für den bürger" aus Art.1 GG, der Menschenwürde, u.a bei bKA-Jubiläumsfeier vor kurzem :-)

    Damit kann dann, wie bei Genossen H. und M. der liebgewordenen FDJ-Jugendtage, eine jederzeitige anlasslose "fürsorgliche Zuwendung" nach Gutdünken der "Staatsorgane" dem bürger als "besicherungsubjekt des Staates" gegenüber, immer als nur rein keusche Umsetzung der so leibhaftig gewordenen "Freiheit in Sicherheit und Verantwortung", dann gegen jeden Zweifel erhaben aus Art.1 GG bVerfG-kritiksicher herbeigezaubert werden!
    Alles klar?

    Wie sagten noch weise führende Onkelz von Tante Erika mal:
    "ich liebe Euch doch alle! Ja wirklich!" - "Wer will eine Mauer bauen?! Niemand will eine Mauer bauen!"

    Auf, auf, sehenden Auges zu neuen postdemokratischen Ufern der neuen gelenkten Demokratie entgegen, in der Reichweite begrenzt neuerdings lt. bVerfG nur noch durch den "letztendlich" "Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers" und den blauen Himmel darüber!

    Solche bauernschlau totalen Kausalitäten, dazu auch noch allseits "dienst- und organbefreundet" wohl orchestriert, fielen nich mal dem einen oder anderen Sprach- und Wortsinngewandten längst vergangener deutscher "sehr sicheren" Epochen im feuchtesten Traum ein!

    Ein nächster Agitations- und Propagandcoup durch feist brachiale Umdeutung der Sinnhaftigkeit, begrifflichkeit und Grundidee von Verfassung, Recht und Gesetz!

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