Israel: Die stille Revolution der Strengreligiösen

Israel: Die stille Revolution der Strengreligiösen

, aktualisiert 27. März 2016, 16:05 Uhr
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Arbeit, Studium und Militärdienst statt Armut und Abgeschiedenheit – so lässt sich die neue Lebensform einzelner junger ultra-orthodoxer Juden in Israel beschreiben.

Quelle:Handelsblatt Online

Ultra-orthodoxe Juden in Israel schotten sich von der Gesellschaft ab. Sie studieren die Thora statt zu arbeiten. Doch das ändert sich, zumindest bei einigen. Junge Ultra-Orthodoxe gründen sogar Start-Ups.

JerusalemIn der abgeschotteten Welt der ultra-orthodoxen Juden Israels vollzieht sich eine stille Revolution: Immer mehr junge Leute interessieren sich neben dem frommen Leben für Technologie, einen Arbeitsplatz und ihre israelischen Landsleute. Experten warnen schon lange davor, dass es Israel auf lange Sicht wirtschaftlich ruinieren könnte, wenn die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe sich fast ausschließlich in die Welt heiliger Schriften zurückzieht, allgemeine Bildung ablehnt und mit vielen Kindern von staatlichen Sozialleistungen lebt.

Lange widerstanden die Ultra-Orthodoxen dem äußeren Druck – nun kommt der Ruf nach Reformen aus der Gemeinde selbst: Manche kehren ihr ganz den Rücken – jeder Zehnte wechselt zum gemäßigten Judentum oder in ein säkulares Leben. Doch andere wie der 25-jährige Avigdor Rabinowitch wollen ihre Gemeinde von innen verändern und das Selbstverständnis neu definieren. „Es ist eine neue Identität, die ich „israelische Haredim“ nenne“, sagt Rabinowitch, der Veranstaltungen für Gleichgesinnte organisiert. „Wir wollen wir selbst sein, uns aber auch neuen Welten öffnen. Wir wollen teilhaben und nicht nur vom Rand zusehen.“

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Generationen der Strengreligiösen entgingen in den vergangenen Jahrzehnten dem Militärdienst, inzwischen wollen immer mehr junge Haredim ihre Berufsaussichten verbessern und treten in eigens für sie gegründete Kampf- und Geheimdiensteinheiten ein: Nach Militärangaben meldeten sich im vergangenen Jahr rund 2300, verglichen mit 288 im Jahr 2007. Auch an den Hochschulen schrieben sich mehr Ultra-Orthodoxe ein.

Ähnlich die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: Während 2003 nur ein Drittel der Männer arbeitete, stieg diese Quote nach Angaben des Haredim-Experten Gilad Malach vom Israel Democracy Institute inzwischen über die 50-Prozent-Marke. Die Hauptverdiener sind traditionell die Frauen – ihre Beschäftigungsquote liegt bei fast 75 Prozent. „Es ist ein historischer Wandel“, erklärt Malach. „Früher schotteten sich die Haredim in Zeiten der Krise noch mehr ab, doch sie merken, dass dies nicht mehr funktioniert – gesellschaftlich, kulturell und finanziell.“

Die Haredim – hebräisch für Gottesfürchtige – stellen etwa acht Prozent der 8,5 Millionen Israelis. Viele Rabbiner befürchten, eine Annäherung an die Mainstream-Gesellschaft gehe zu Lasten von Gebet und Studium. Ihrer Ansicht nach halfen die jahrhundertealten Lerntraditionen, die spanische Inquisition zu überleben, die europäischen Pogrome, den Holocaust.

Jahrzehntelang hielten säkular geführte Regierungen diese Prinzipien aufrecht. Entweder sie waren auf die Ultra-Orthodoxen als politische Königsmacher angewiesen, oder sie fürchteten den Zorn der Rabbiner, die Zehntausende Demonstranten auf die Straßen schicken können. Vorstöße, die Strengreligiösen zum Militärdienst oder in den Arbeitsmarkt zu zwingen, scheiterten meist.

Zwar könnten ultra-orthodoxe Männer die Zustimmung zu Militärdienst oder Universitätsstudium bei ihren Rabbinern einholen, sagt der Haredim-Abgeordnete Menachem Elieser Moses. Doch religiöse Studien hätten immer Vorrang: „Das Thorastudium ist ein Ziel an sich. Nehmen Sie einen 18-Jährigen, der sich Wissen erst aneignen muss, und versetzen ihn in eine andere Welt – das ist ein Problem.“


Hunderte Start-Ups sind entstanden

Doch die extreme Ausgrenzung ist nach Ansicht der Reformer ein relativ neues Phänomen, das nur in Israel Fuß fasste und der Gemeinde schadete. „Traditionell arbeiteten die Ultra-Orthodoxen, und dahin müssen wir zurück“, betont Mosche Friedman vom Non-Profit-Unternehmen KamaTech, das Strengreligiöse in Israels boomende High-Tech-Branche eingliedert – eines der Gebiete, auf dem die Haredim am meisten Erfolg haben. Ihr intensives, methodisches Studium alter Texte erwies sich als gute Vorbereitung für Informatikberufe.

Friedman half bei der Gründung von mehr als 220 Haredim-Start-Ups. Als Nachfahre von Rabbinern ist er vertrauenswürdig: „Sie wissen, dass ich die Welt der Haredim nicht zerstören, sondern unterstützen will, indem ich den Leuten Arbeit verschaffe. Wenn wir zeigen, dass jemand bei Google arbeiten und gleichzeitig Haredim bleiben kann, dann kommen andere nach.“

Auch beim Militärdienst ist Überzeugungsarbeit nötig. Bei Israels Staatsgründung 1948 erhielten einige hundert begabte Studenten die Genehmigung, sich ausschließlich dem Religionsstudium zu widmen, um beim Wiederaufbau im Holocaust zerstörter jüdischer Schulen zu helfen. Doch mit dem Erstarken der ultra-orthodoxen Parteien stieg diese Zahl, so dass tausende Strengreligiöse dem Militärdienst entgingen. Andere Juden werden zu drei Jahren verpflichtet, was zu Ressentiments führt.

Die Bildungsreform ist für viele die größte Hürde. Wegen der hohen Geburtenraten sind mehr als ein Viertel aller israelischen Erstklässler Haredim, die in einem unabhängigen Schulsystem viel Religion und sehr wenig Mathematik, Naturwissenschaften oder Englisch lernen. Mit dem Ergebnis, dass sie später den Arbeitsmarkt meiden und dank staatlicher Wohlfahrt große Familien gründen.

Inzwischen gibt es eine Handvoll neuer „Jeschiwa-Hochschulen“, die religiöse Studien mit säkularer Bildung verbinden und ihre Schüler auf Immatrikulationsprüfungen vorbereiten. Eine davon ist die Chachme Lew in Jerusalem. Wegen der vielen Schulabbrecher in den traditionellen Jeschiwa-Schulen müsse die Jugend auch auf das Leben und den Arbeitsmarkt vorbereitet werden, sagt Rektor Bezalel Cohen. „Ich glaube, die Zukunft der Haredim hängt davon ab, was wir machen. Ich bin die größte Bedrohung fürs Establishment, weil ich eine Alternative biete.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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