IWH-Chef Ulrich Blum : "Der Osten muss auf eigenen Füßen stehen"

IWH-Chef Ulrich Blum : "Der Osten muss auf eigenen Füßen stehen"

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IWH-Chef Ulrich Blum

von Bert Losse

IWH-Chef Ulrich Blum über die Perspektiven der neuen Länder – und warum Inflation den Solidarpakt sprengen könnte.

WirtschaftsWoche: Herr Blum, die neuen Länder haben eine exzellente Infrastruktur, die Versorgung mit Konsumgütern ist in Ost und West fast identisch. Die Arbeitslosigkeit aber bleibt hoch. Aufbau Ost – Top oder Flop?

Ulrich Blum: Das Ergebnis ist ambivalent. Sicher gibt es noch immer gravierende strukturelle Defizite in Ostdeutschland. Es ist aber auch unglaublich viel erreicht worden...

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...was Bund, Länder und Sozialkassen gewaltige Summen gekostet hat.

Ja, es hat eine gewaltige Umverteilung gegeben. Dabei darf man aber eines nicht vergessen: Per Saldo sind seit der Wende 1,8 Millionen Menschen von Ost nach West abgewandert, die meisten jung und überdurchschnittlich qualifiziert. Diese Menschen erwirtschaften heute im Westen ein Sozialprodukt von 70 bis 80 Milliarden Euro jährlich. Dieser Aspekt kommt mir bei der Transfer-Debatte zu kurz.

20 Jahre nach dem Mauerfall liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf erst bei 71 Prozent des Westniveaus. Warum verläuft der Aufholprozess so schleppend?

Ein zentrales Problem ist die kleinteilige Wirtschaftsstruktur. Es gibt im Osten kaum große, expansionsfähige Mittelständler – und keine einzige Konzernzentrale. Headquarter sorgen in der Regel für gut 30 Prozent der Wertschöpfung eines Unternehmens. Wenn aber in einer Region überwiegend verlängerte Werkbänke stehen, fehlt es an nachhaltigen Jobs und Innovationskraft. Die privaten Forschungsausgaben liegen im Osten nur bei einem Fünftel des Westniveaus!

Was muss geschehen, damit der Osten endlich aufschließt?

Wir brauchen einen neuen Technologiezyklus. Es gibt historisch keine einzige unterentwickelte Region in der Welt, die es ohne Technologiesprung nach oben geschafft hat. Ein Beispiel, das gut zu Ostdeutschland passt, sind die Südstaaten der USA. Dort waren die Arbeitskosten anfangs durch die Sklaverei niedrig. Nach dem Sezessionskrieg übernahmen Gebietsfremde die Herrschaft, die Eliten wanderten ab. Der Aufschwung kam mit dem Entstehen der Tuch- und Lebensmittelindustrie und des Flugzeugbaus.

Welchen Sektoren trauen Sie in den neuen Ländern eine Katalysatorfunktion zu?

Zum Beispiel den erneuerbaren Energien, den nachwachsenden Rohstoffen und der grünen Gentechnik. Vor dem Krieg kam gut ein Drittel des weltweiten Samenexports aus Mitteldeutschland, daran kann man anknüpfen. In der Solartechnik ist der Osten bereits ein zentraler Player auf dem Weltmarkt, rund 17 Prozent der weltweit produzierten Solarzellen stammen von dort.

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