Jamaika-Sondierungen: Klimaforscher fordern zügigen Beginn des Kohleausstiegs

Jamaika-Sondierungen: Klimaforscher fordern zügigen Beginn des Kohleausstiegs

, aktualisiert 09. November 2017, 17:17 Uhr
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Nach Meinung von Klimaforschern würde der Bau der noch geplanten Kohlekraftwerke die Anstrengungen zur Verringerung der Erderwärmung zunichte machen.

von Silke KerstingQuelle:Handelsblatt Online

Während in Berlin die Sondierungen für eine Jamaika-Koalition in die entscheidende Phase gehen, fordern Klimaforscher den raschen Beginn des Kohleausstiegs. Das sei aber nur der erste Schritt gegen das Klimachaos.

BerlinDie Grünen bekommen Unterstützung aus der Wissenschaft für ihre Forderung nach einem schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung. „Die Auswirkungen des Klimawandels treten immer deutlicher zu Tage“, sagte Mojib Latif, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima Konsortiums (DKK) und Forscher am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, am Donnerstag in Berlin. In Deutschland seien die Emissionen seit acht Jahren nicht gesunken, darum müsse die Politik dringend nachsteuern. „Der Kohleausstieg ist dafür der erste notwendige Schritt“, sagte Latif auf einer Veranstaltung des DKK.

„Die Koalitionsverhandler in Berlin haben es in der Hand, ob sie dem Klimachaos noch weiter die Tür öffnen – oder für Deutschland und die Welt Stabilität sichern“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Schellnhuber hält jede Tonne des klimaschädlichen CO2, die sofort eingespart werde, für entscheidend. Die Politik, sagt er, wolle niemanden wehtun. Deswegen würden zwar Ziele formuliert, notwendige Entscheidungen aber verschleppt. Ein Riesenproblem, denn: „Wer heute niemandem wehtun will, wird morgen allen wehtun.“

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Schon die heutige Erderwärmung um bereits ein Grad globale Mitteltemperatur habe auf der ganzen Erde spürbare Auswirkungen. „Wetterextreme nehmen zu und treffen auch uns in Deutschland, etwa Starkregen“, sagte Schellnhuber. Gerade in ärmeren Ländern aber könnten Dürren, Fluten oder Wirbelstürme ganze Folgenkaskaden auslösen. In Puerto Rico etwa habe einer der verheerenden Hurrikane dieses Herbstes innerhalb von Stunden die wirtschaftliche Entwicklung von Jahren zunichte gemacht. Solche Extremereignisse hätten natürlich auch Folgen für die Migration.

Auch Gernot Klepper, DKK-Vorstandsmitglied und Leiter der Forschungsabteilung „Umwelt- und Ressourcenökonomie“ am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, hält den baldigen Abschied von der Kohle für richtig. „Er muss ja nicht in zwei Jahren beendet sein.“ Wichtig für Klepper ist, dass für die Unternehmen Planungssicherheit geschaffen wird, aber ein „klarer Plan für den Ausstieg aus der Kohleverstromung“ zählt für ihn dazu.

Am Ende gehe es aber um mehr als um die Abschaltung von Braunkohlekraftwerken in Deutschland. „Wir brauchen eine globale Veränderung unseres Wirtschaftssystems“, sagte Klepper, der sich klar für neue gesetzliche und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen aussprach. Zentrales Element ist für den Ökonomen ein Preis für die Emissionen von Treibhausgasen, allgemein als CO2-Preis bekannt. Ein solcher Preis sei der dringend benötigte Beschleuniger der Energiewende in Deutschland und weltweit. Ohne ihn sei die Energiewende zwar auf dem Weg, „aber sie ist viel zu langsam“.


Kohlekraftwerke machen Ergebnisse des Klimagipfels zunichte

Noch existieren weltweit Pläne für mehr als 1000 neue Kohlekraftwerke. Wenn sie gebaut würden, wäre alles, was in Paris beschlossen wurde, zunichte, so die Einschätzung des DKK. Auf dem Klimagipfel vor zwei Jahren in Paris war beschlossen worden, die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen, möglichst sogar 1,5 Grad nicht zu überschreiten.

Die meisten der geplanten Kraftwerke rechneten sich betriebswirtschaftlich ohnehin nur, weil sie subventioniert würden. „Würden ihnen auch noch die Gesundheits- und Umweltkosten zugerechnet, wäre sofort klar, dass Kohle keine kostengünstige Lösung für die Energieprobleme der Welt ist“, heißt es in einer Stellungnahme des DKK zur diesjährigen Weltklimakonferenz in Bonn. Wenn Deutschland in den Schwellenländern dafür werben wolle, die Ausbaupläne für Kohlekraftwerke einzustellen, dann sollte es auch bereit sein, voranzugehen und die eigenen Kohlemeiler zügig abschalten.“

Die Wirtschaft ist uneins, was den Kurs der künftigen Bundesregierung in Sachen Klimaschutz angeht. Da gibt es einerseits ein Bündnis großer Unternehmen, das mehr Engagement im Klimaschutz fordert. Andere sorgen sich um die Kosten durch mehr Klimaschutz. Das zeigten auch die Reaktionen am Donnerstag auf die geplante Reform des europäischen Emissionshandels ab 2020. „Klimaschutz wird auf europäischer Ebene für unsere Unternehmen eine noch größere Herausforderung als bisher“, kritisierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Unsere Unternehmen befürchten massiv steigende CO2-Preise.“

Die Einigung innerhalb der EU am frühen Donnerstagmorgen sieht unter anderem vor, dass deutlich mehr CO2-Zertifikate aus dem Markt genommen werden als bisher. Das Bundesumweltministerium dagegen lobte, dass mit der Einigung ein zentrales Problem des bisherigen Emissionshandels beseitigt werde. Bislang habe es nicht genug Anreize für Investitionen in klimafreundliche Technologien gegeben, da es keine Knappheit am Markt gegeben habe.

Der Emissionshandel ist das zentrale Klimaschutzinstrument der EU, um in den Sektoren Industrie und Energie die CO2-Emissionen zu reduzieren. Alle zur Teilnahme verpflichteten Anlagenbetreiber müssen für jede emittierte Tonne CO2 Verschmutzungsrechte, so genannte Zertifikate, nachweisen. Die Menge an Zertifikaten wird Jahr für Jahr gekürzt. Das System soll Anreize schaffen, Energie effizient zu einzusetzen. Umweltverbände halten die Kürzungen bei den Zertifikaten nach wie vor zu gering. Außerdem ist ihnen ein Dorn im Auge, dass große Mengen an Zertifikaten nicht verkauft, sondern an die Unternehmen verteilt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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