Jürgen Thumann im Interview: "Diese linken Maulhelden"

Jürgen Thumann im Interview: "Diese linken Maulhelden"

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BDI-Präsident Jürgen Thumann

BDI-Präsident Jürgen Thumann über die von Politikern herbeigeredete Systemkrise, Fehler in den Chefetagen und drohende Konjunkturrisiken.

WirtschaftsWoche: Herr Thumann, führende Politiker von CDU und SPD kritisieren das Verhalten deutscher Wirtschaftsführer. Trägt die Wirtschaft eine Mitschuld an dem Linksruck in Deutschland?

Thumann: Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an. Wenn ein Politiker in seinem Amt Fehler macht, dann spreche ich ja auch nicht von einem Versagen „der“ Politik. Was wir beobachten konnten, ist das Fehlverhalten Einzelner in der Wirtschaft. Wer dies aber zum Anlass nimmt, eine Systemkrise herbeizureden, der zerstört selbst die Grundlage unserer freiheitlichen Demokratie.

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Tatsache ist aber, dass eine wachsende Zahl der Deutschen das Vertrauen in gesellschaftlich verantwortliche Unternehmensführung verloren hat. Ein SPD-Politiker unterstellt deutschen Managern „asoziales“ Verhalten.

Dieses Bild ist doch völlig verzerrt. Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen beiden Jahren mehr als eine Million zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Das ist gesellschaftliche Verantwortung. Momentan werden jeden Tag im Durchschnitt 1600 Arbeitsplätze geschaffen. Die Politik redet aber zu wenig von diesen Leistungen. Viele melden sich zum Thema Wirtschaft nur dann, wenn irgendwo Arbeitsplätze abgebaut werden. Zu viele beteiligen sich munter am Verbreiten von Vorurteilen über „Neo-“ oder „Superkapitalismus“, der angeblich ein Wettrennen nach unten, niedrigere Einkommen und soziale Ungerechtigkeit verursache. Tatsache aber ist: Die Wirtschaft wächst, neue Jobs entstehen, eine Million Stellen sind unbesetzt. Hoher Bedarf besteht unverändert bei hoch qualifizierten Facharbeitern und Ingenieurpositionen. Die werden gut bezahlt, die Unternehmen reißen sich um solche Leute. Für mich ist völlig unverständlich, wie Teile der Öffentlichkeit und demokratischen Parteien sich von den Parolen der Linkspartei ins Bockshorn jagen lassen.

Und Vorwürfe von Steuer- und Bilanztricks bei Unternehmen, um Steuern zu sparen...

Im Vergleich zu 2004 zahlen wir 91 Milliarden Euro mehr Steuern, wovon 42 Milliarden auf Lohn- und Einkommensteuer entfallen. Bei solchen Leistungen für die Gesellschaft bin ich nicht bereit, die Wirtschaft zu schelten. Vielmehr muss sich die Politik fragen, warum trägt sie durch weiter steigende Steuern und Abgaben dazu bei, dass von den in den vergangenen drei Jahren um 40 Milliarden Euro gestiegenen Arbeitnehmerentgelten nur 16 Milliarden beim Bürger hängen geblieben sind.

Aber die Gewinne der deutschen Unternehmen sprudeln doch. Wie wäre es, wenn die Unternehmen auch ihre Belegschaften an der guten wirtschaftlichen Entwicklung durch entsprechende Lohnerhöhungen teilhaben lassen?

Viele Unternehmen tun dies. Bei der laufenden Tarifrunde bin ich für eine moderate Grunderhöhung. Die einzelnen Unternehmen können darüber hinaus je nach individueller Ertragslage durchaus hohe Einmalzahlungen an ihre Mitarbeiter leisten. Hohe Tarifabschlüsse wirken dagegen auch in Folgejahren und gefährden bei einer trüberen Konjunktur Arbeitsplätze.

Inwiefern?

Mit ihren Steuer- und Abgabenerhöhungen hat die Politik in den vergangenen beiden Jahren dafür gesorgt, dass der Aufschwung bei den Beschäftigten netto kaum angekommen ist. Hier sehe ich die Wirtschaft in der Tat in der Verantwortung: Wir müssen für eine steuerliche Entlastung der Arbeitnehmer kämpfen. Auch die kalte Steuerprogression muss die Politik endlich ernst nehmen. Denn der Staat bestraft denjenigen, der mehr leisten will.

Gehört zur sozialen Marktwirtschaft nicht auch, dass Manager sich mit Gehältern und Abfindungen nicht völlig von Belegschaften abkoppeln?

Augenmaß ist gut. Aber ich bin strikt dagegen, dass Politiker die Managergehälter per Gesetz oder Verordnung begrenzen. Das ist allein Sache der Kapitalgeber. Ich räume ein, dass in einigen Fällen das rechte Maß abhanden gekommen ist. Ich appelliere deshalb an die Verantwortung der Aufsichtsräte, die übrigens häufig paritätisch mit Arbeitnehmervertretern besetzt sind, bei der Festlegung der Gehälter Augenmaß zu zeigen.

Die Krisendiskussion befördert haben außerdem Massenentlassungen bei Nokia, Siemens, BMW oder Henkel, obwohl dort große Gewinne gemacht werden.

Ich kenne die betriebswirtschaftlichen Details dort nicht. Aber bestimmte Fertigungen lohnen sich schlichtweg nicht mehr. Das Nokia-Werk in Bochum ist die letzte Handy-Produktion in Deutschland, da war es doch eher erstaunlich, dass Nokia dieses Werk so lange betrieben hat. Aber diese Fälle von Entlassungen zeigen einmal mehr die selektive negative Wahrnehmung einer Wirklichkeit, die viel besser ist.

Nämlich?

Dass viel mehr Beschäftigte eingestellt als entlassen werden. Wir haben in Deutschland mit 40 Millionen Erwerbstätigen so viele wie nie zuvor. Wir dürfen nicht nur auf einige Großunternehmen schauen, die weniger einstellen. Blicken wir auf die vielen Tausend kleinen und kleinsten Unternehmen, die der Jobmotor in Deutschland sind. Bei großen Unternehmen, die oft stärker im internationalen Wettbewerb stehen, haben es bestimmte Massenfertigungen im Hochlohnland Deutschland schwer. Das bedeutet aber nicht Deindustrialisierung und Verarmung durch die Globalisierung. Ganz im Gegenteil: Tausende von deutschen Unternehmen zeigen mit hochspezialisierten Produkten und Innovationen, dass wir auch weiterhin im Hochlohnland Deutschland produzieren können. Der BDI hat dieses Systemkopf-Phänomen übrigens gerade ausführlich untersucht. Wir erleben gerade – wie Bundesaußenminister Steinmeier kürzlich in der WirtschaftsWoche sagte – eine „Renaissance der Industrie in Deutschland“.

Ist also Furcht vor der Globalisierung Unsinn?

Wir Deutschen gehören objektiv und insgesamt zu den Gewinnern der Globalisierung. Nicht die Unternehmen, die im harten Wettbewerb der Globalisierung erfolgreich wirtschaften und ins Ausland gehen, zerstören den Standort, sondern diejenigen in Politik und Öffentlichkeit, die uns abkoppeln oder neue Schutzzäune errichten wollen. Ein eingezäuntes Deutschland wäre nur noch ein Markt von 80 Millionen Menschen. Jetzt aber können deutsche Unternehmen die Märkte von Milliarden Menschen in Europa, Amerika oder Asien nutzen. Ohne diese Märkte könnten wir Deutschland dichtmachen. Wir alle, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik, müssen diese Vorteile viel stärker kommunizieren. Aber leider erliegen einige Politiker immer wieder der Versuchung, Werksbesuche nur dann zu unternehmen, wenn es schlechte Nachrichten gibt.

Stattdessen prügeln Politiker von Linken, SPD und selbst der Union auf die Wirtschaft ein. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Da wünsche ich mir schon mehr Ehrlichkeit und Mut. Am schlimmsten sind die linken Maulhelden, die jetzt einfach Mindestlöhne fordern und so die Arbeitsplätze von gering Qualifizierten gefährden. Abgesehen davon hebeln solche Leute die Tarifautonomie und damit ein tragendes Element der sozialen Marktwirtschaft aus.

Die aktuelle Systemdebatte führen wir zu einer Zeit, in der es Deutschland konjunkturell sogar ganz gut geht. Wir haben Wachstum und Arbeitsplatzaufbau. Was wird denn werden, wenn wir wieder in einen Abschwung kommen?

Die Politik hat die vergangenen zwei guten Jahre in keiner Weise genutzt, um das Haus wetterfest zu machen.

Sehen Sie denn dunkle Wolken am Konjunkturhimmel? Bisher hält der BDI noch an bis zu zwei Prozent Wirtschaftswachstum für 2008 fest, während die Bundesregierung schon auf 1,7 Prozent reduziert hat.

Wir werden unsere nächste Prognose zur Hannover-Messe im April veröffentlichen. Allerdings kann ich schon jetzt sagen, dass das von uns prognostizierte Wachstum von bis zu zwei Prozent kaum noch zu erreichen ist. Leider entwickeln sich wichtige Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft unerfreulich. Der extrem schwache Dollar macht unserer Exportwirtschaft zu schaffen. Inzwischen gehen Aufträge verloren, einige Unternehmen versuchen sich mit Teilfertigungen im Dollar-Raum zu helfen. Das kann letztlich den erfreulichen Beschäftigungsaufbau hier im nächsten Jahr stoppen. Und wenn wir jetzt nicht in der Tarif-, Steuer- und Abgabenpolitik vernünftig gegensteuern, droht sogar wieder steigende Arbeitslosigkeit.

Welche Gefahren sehen Sie noch aus der anhaltenden Finanzkrise auf uns zukommen?

Bei der Finanzkrise haben wir noch nicht einmal die Talsohle durchschritten. Da müssen wir uns wohl noch auf einiges gefasst machen. Glücklicherweise laufen die Kapazitäten gegenwärtig auf Hochtouren, und viele unserer Unternehmen verfügen noch über hohe Auftragspolster.

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