Kämpferische Grüne : Künasts Karriere: Merkel in Laut

Kämpferische Grüne : Künasts Karriere: Merkel in Laut

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Renate Künast, Berlins Regierender Buergermeister Klaus Wowereit: Bald könnte Künast den SPD-Bürgermeister aus dem Amt drängen

Renate Künast könnte Berlins SPD-Mann Klaus Wowereit aus dem Amt des Regierenden Bürgermeisters drängen. Für die Wirtschaft wäre die kämpferische Grüne ein Experiment.

Verstellen kann sie sich schlecht: Wenn Renate Künast gereizt ist oder die Geduld dahinschmilzt, zieht sie die Stirnfalte steil, ihr Mund wird schmal, die Arme verbarrikadieren den Oberkörper. Wie ein 1,64 Meter großes Kraftwerk kurz vorm Dampfablassen. Das Ventil öffnet sie in Bundestagsdebatten, Interviews, Talkshows. Die Fraktionschefin der Grünen gilt als Schnelldenkerin und Scharfsprecherin, die gern laut dazwischenruft.

Beim Tag der Deutschen Industrie in Berlin verfiel Künast immer mal wieder in ihre abwehrende Power-Pose. Ihr Auftritt mit einer der Hauptreden beim Hochamt des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) war neu und schwierig – für beide Seiten: "Ich erwarte keinen Applaus, würde aber welchen nehmen", schaltete sie sofort auf Angriff.

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Der Beifall aus der Krawattenriege war so höflich wie kurz. Reichlich Zuneigung bekommen Künast und Co. jedoch von den Wählern. Die Anwältin mit der semmelblonden Igelfrisur ist auf Rang vier der beliebtesten Politiker in Deutschland vorgerückt. Inzwischen gilt sie als heiße Anwärterin auf das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin – sie wäre die erste grüne Ministerpräsidentin.

Erklärung bis Jahresende

Freunde und Weggefährten sagen: Sie wird angreifen. Beim Landesparteitag Anfang November dürfte sie erklären, dass sie den hemdsärmeligen Sozialdemokraten Klaus Wowereit aus dem Amt drängen möchte – so wie einst Angela Merkel den roten Macho Gerhard Schröder aus dem Kanzleramt vertrieb. Wäre sie nicht bereit, so Künasts Unterstützer, hätte die machtbewusste 54-Jährige längst abgewinkt. Sie selbst wehrt noch ab: "Es fragen mich zu viele, ich sage aber nichts." Die Landeswahl sei ja erst im September 2011, bis Jahresende wolle sie sich erklären.

Immerhin hat sie bereits zwei enge Vertraute in den Hauptstadt-Verband der Partei entsandt, um das Team für Wahlprogramm und Wahlkampfplanung zu leiten. Kleiner Schönheitsfehler: Scheitert ihr Angriff, stünde sie wohl nicht als Oppositionschefin im Abgeordnetenhaus bereit, sondern bliebe in der Bundespolitik, die ihr Chancen nach der nächsten Bundestagswahl verheißt. Eine solche Rückfahrkarte freilich böte politischen Gegnern das Argument, Künast wolle ins Geschichtsbuch, bei Misserfolg aber ihre Karriere nicht gefährden.

Aber die Chancen auf die Macht stehen gut. Altkanzler Gerhard Schröder hatte einst die Rollen Koch und Kellner klar verteilt. In Berlin und Baden-Württemberg müssen die Sozialdemokraten nun überlegen, ob sie grünen Küchenchefs als Servicekräfte dienen wollen. Nicht nur in beiden Ländern liegen die Genossen hinter den Ökos, sogar bundesweit erreichen die Grünen in einer Forsa-Umfrage mit 25 Prozent Unterstützung einen Höchstwert – zwei Punkte vor der SPD.

"Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden"

In Berlin, Künasts Heimat seit 33 Jahren, kämen die Grünen nach Forsa-Maß auf 30 Prozent der Stimmen. Damit landen sie vor Wowereits SPD mit 26 Prozent, der mitregierenden Linkspartei und der CDU. Die FDP wäre mit drei Prozent Splitterpartei. Die Grünen könnten sich den Partner aussuchen. Die CDU-Führung um Landeschef Frank Henkel signalisiert: Wir sind bereit.

Volker Ratzmann, Berliner Fraktionschef der Sonnenblumen-Truppe und Vater von Künasts Patenkind, lobt die Frontfrau als pragmatisch wie vielseitig: "Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden."

Seiner Partei rät Ratzmann, im Wahlkampf mit Ökonomie zu punkten: "Berlin wird seine sozialen Probleme nur in den Griff bekommen, wenn wir mehr Wirtschaftskraft in die Stadt leiten. Wir wollen weg vom Bild, Berlin würde immer nur am Tropf von Bund und Ländern hängen."

Grafik: Wählerpräferenz im Bund und Berlin

Was würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre

Da wäre die Spitzenfrau, die im bürgerlichen Charlottenburg ein Dachgeschoss bewohnt und bis 2000 Landespolitikerin war, aus Sicht von Unternehmern durchaus geeignet. Eric Schweitzer, Chef der Recyclinggruppe Alba, urteilt: "Ich schätze Frau Künast als verlässliche, faire Gesprächspartnerin." Beide treffen sich häufiger. Schweitzer, auch Präsident der örtlichen Industrie- und Handelskammer, nennt die Grünen "deutlich wirtschaftsfreundlicher" als früher. Sie hätten zuerst die Chancen erkannt, die grüne Technologien böten. "Daran hat Frau Künast entscheidend mitgewirkt."

Freilich gäbe es bei einem Wahlerfolg der Grünen nach rund 20 Jahren in der Landesopposition auch harte Konflikte: Die Ökopartei will einen Ausbau der Autobahn 100 im Süden der Stadt stoppen und ein Klimaschutzgesetz durchbringen, das alle 20 Jahre alten Heizungen verbietet – auch die in Büros und Fertigungshallen.

Die ehemalige Sozialarbeiterin Künast hat einen langen Weg hinter sich. Realschule wie Fachhochschule musste sie sich erst erkämpfen. In Berlin arbeitete sie zunächst im Männergefängnis Tegel und studierte dann Jura.

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