Kapitalismuskrise: Der Bankrott der Marktwirtschaft

Kapitalismuskrise: Der Bankrott der Marktwirtschaft

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Früher war alles besser. Die bürgerliche Ordnung der 60er wirkt für viele nur noch wie eine Legende aus längst versunkener Zeit

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Die bürgerliche Weltsicht ist durch die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die galoppierende Staatsverschuldung aus den Fugen geraten. Dabei werden die Werte der Marktwirtschaft dringender denn je gebraucht.

Wenn es in diesen grundstürzend revolutionären Wochen und Monaten etwas gibt, das die Menschen in Kairo, Tunis, Damaskus und Tripolis mit den Menschen in New York, London, Berlin und Athen verbindet, dann ist das wohl ihre Sehnsucht nach Form und Gewissheit, nach Alltag und Trivialität. Munter, höflich, wohlwollend und rechtschaffen sein, ein wackerer und brauchbarer Mensch; ein ruhiges, angenehmes und aufgeräumtes Leben führen als Arzt, Anwalt, Händler oder Kaufmann, unbedrängt von Gewalt, Korruption und angemaßter Herrschaft – offenbar ist die große bürgerliche Utopie des europäischen 19. Jahrhunderts, „in der Freyheit heil’gem Schutz“ (Friedrich Schiller) ein Leben in Anstand und Wohlstand zu führen, Anfang des 21. Jahrhunderts endgültig zu einem universellen Anliegen geworden.

Legende aus längst versunkener Zeit

Der entscheidende Unterschied zwischen dem geldwirtschaftlich gelähmten Westen und dem revolutionär bewegten Nahen Osten besteht darin, dass die "heil’ge Ordnung“ einer bürgerlichen Ökonomie, in der "tausend fleißige Hände“ sich regen und jeder "seiner Stelle“ sich freut, den Bewohnern der finanzmarktkapitalistischen Kampfzonen wie eine Legende aus längst versunkener Zeit vorkommt, während sie der arabischen Welt vorläufig nicht mehr als eine vage Verheißung ist. Anders gesagt: Der säkularisierte Westen hat sich an einer affektgeladenen Geldkonfession, Shareholder-Value-Religion und Finanzmarktfrömmigkeit berauscht und dabei den Kompass bürgerlicher Vernunft verloren, der religionsnahe Osten hingegen bedarf dringend der rationalen Orientierung. Ironie der Geschichte! Ausgerechnet in dem Moment, da die Menschheit die letzten Bastionen wider die Marktwirtschaft, Zivilität und Selbstbestimmung schleift, erschöpft sich die monetäre Kraft des kapitalistischen Westens zur Erschließung neuer Mittelschichten. Und damit geht auch die stille Autorität des zivilisatorischen Fortschritts zur Neige, mit der die USA und Europa bisher so erfolgreich den Export ihrer bürgerlichen Konsumkultur betrieben haben.

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Sprach- und Hilflosigkeit

Mitten hinein in den mühsam verschleppten Bankrott eines verausgabten Kreditkapitalismus trompetet nun die Linke den 28. Aufguss ihrer Systemkritik. Offenbar ist sie angesichts der Fülle europäischer Rettungsschirme und amerikanischer Geldexpansionen der Meinung, immer schon irgendwie recht gehabt zu haben mit ihrer sozialistischen Dreieinfältigkeit (Arbeiterausbeutung, Unternehmerverachtung, Reichtumsverdammung). Stattdessen preist sie als Alternative zum Kapitalismus beispielsweise ein "kampferfülltes Leben“ in Kuba und speziell Fidel Castros angeblich erfolgreiche Gesundheitspolitik. Das Schlimme an dieser Groteske ist: Sie wirkt gar nicht mehr grotesk in einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen drei Jahren offenbar stillschweigend darüber verständigt hat, dass Spekulanten böse sind, der Kapitalismus die Reichen bereichert und „die da oben“ sowieso machen, was sie wollen.

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