Kapitalismuskritik: Zwergenaufstand im Kaffeehaus

Kapitalismuskritik: Zwergenaufstand im Kaffeehaus

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Zwergenaufstand

von Dieter Schnaas

Der Geist der Empörung ist zurück. Die Erfolgstitel des Frühlings rufen auf zur Revolte – und adressieren die Sehnsucht der Leser nach Normalität.

Vor knapp 20 Jahren, kurz nach dem Fall der Mauer, sah der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ heraufziehen. Die politische Systemfrage, so Fukuyama, habe sich mit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten erledigt – den Rest ihres Daseins werde die Menschheit mit der Verbreitung der Demokratie, der Kultivierung ihrer Sitten und der Verfeinerung ihrer technisch-zivilisatorischen Errungenschaften verbringen. Es war damals viel von Hegel die Rede, dem Säulenheiligen des deutschen Idealismus. Für ein paar glückliche Monate schien die geistige Welt der Ideen mit der materiellen Welt der Ereignisse zu verschmelzen und tatsächlich „Vernunft in der Weltgeschichte“ zu sein. War nicht der Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus der schönste Beweis dafür, dass der Weltgeschichte „ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ innewohnt?

Hegel hatte gut reden. Ihm wurde die Gnade des frühen Todes (1831) zuteil. Als Kind der Aufklärung mochte er wohl noch glauben an eine Welt, die sich laufend perfektioniert. In gewisser Weise war er damit der letzte große Denker des 18. Jahrhunderts. Wie die meisten seiner Vorgänger verstand er unter Fortschritt vor allem die politische, rechtliche und institutionelle Vervollkommnung des gottgleichen Staates. Die Wucht der industriellen Revolution aber, das definitive Ende des 1000-jährigen Feudalzeitalters, der Epochenbruch des Kapitalismus mit seinen radikalen Umformatierungen der Lebensweisen und Seinsmodi – Geld statt Gott, Stadt statt Land, Fabrik statt Handwerk, Disziplin statt Gehorsam –, das alles hat Hegel allenfalls erahnt. Nur so viel fürchtete er: Die bürgerliche Gesellschaft werde es mit Überproduktion, Arbeitslosigkeit und Armut zu tun bekommen – und also mit einem „Pöbel“, der von „innerer Empörung gegen die Reichen, gegen die Gesellschaft, die Regierung“ getrieben ist.

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Alter Geist der Empörung

Und tatsächlich: Der Geist der Empörung wurde zur Signatur des 19. Jahrhunderts. Es war eine Blütezeit der Manifeste und Pamphlete, der Flug- und Denkschriften, der Aufrufe zu Umsturz, Aufruhr, Rebellion. Karl Marx und Friedrich Engels befanden sich bereits 1848 auf der Höhe der industriellen Zeit. Keiner hat das Beschleunigungsgesetz der kapitalistischen Moderne so früh und scharf gesehen wie das berühmte Autorenkollektiv im Kommunistischen Manifest: „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit der Bewegung zeichnet die Bourgeois-Epoche vor allen früheren aus… Alles Ständische und Stehende verdampft.“

Willenlose Subjekte

Seit Marx und Engels wissen wir, dass der Kapitalismus nicht nur die soziale Frage aufwirft, sondern auch seine bürgerlichen Profiteure zu verzehren droht, weil er uns allen – Unternehmern, Managern, Lohnabhängigen – Flexibilität, Anpassung und Wendigkeit abverlangt – und weil er unsere Gewohnheiten, Kontinuitäten und stabilen Beziehungen ins „eiskalte Wasser egoistischer Berechnung“ taucht. Der Soziologe Max Weber hat ein halbes Jahrhundert später das Bild vom „stahlharten Gehäuse“ geprägt – und vom „überwältigenden Zwang“ gesprochen, mit dem der Kapitalismus sich seine willenlos funktionierenden „Wirtschaftssubjekte“ erzieht.

Die Kritik am Kapitalismus steht spätestens im 20. Jahrhundert nicht mehr verlässlich links; sie wandert in die bürgerlichen Bücherstuben und wendet sich ins Innerliche: Thomas Mann etwa beklagt bereits 1918 die „Umwandlung des deutschen Bürgers in den bourgeoisen Erwerbs- und Leistungsmenschen“. Es ist seither nicht nur an Frankfurter Lehrstühlen und in deutschen Feuilletons schick, den Kapitalismus mit pathologischem Vokabular zu umwölken – und sich als Konsumobjekt Selbstentfremdung zu attestieren. Alles in allem aber bleibt jede noch so fundamentale Systemkritik Episode, weil das Wohlstandswachstum durch begründungslose Allgemeinverständlichkeit zu überzeugen weiß.

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