Karl Einhäupl: "Die Rechtsprechung ist zynisch"

InterviewKarl Einhäupl: "Die Rechtsprechung ist zynisch"

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Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin.

von Anke Henrich

Der Mediziner Karl Einhäupl leitet eine der größten Kliniken Europas. Er fordert ein Recht auf würdevolles Sterben, weil auch die beste Palliativversorgung Grenzen habe.

WirtschaftsWoche Online: Herr Einhäupl, in den Kliniken der Charité werden jährlich fast 800 000 Menschen behandelt. Nicht nur heilen, auch sterben ist dort Alltag. Aus Ihrer Erfahrung betrachtet: Brauchen die Ärzte eine Neuregelung der Sterbehilfe oder agiert es sich in der herrschenden Grauzone nicht leichter, wie manche Mediziner sagen?
Karl Einhäupl: Betrachten wir es realistisch: Für dieses schwierige Feld wird es nie eine für alle befriedigende Regelung geben können.

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Zur Person

  • Karl Einhäupl

    Karl Einhäupl leitet seit 2008 die ruhmreiche Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie vereint die medizinischen Fakultäten der Humboldt- und der Freien Universität Berlin. 3700 Ärzte und Wissenschaftler arbeiten dort.
    Der Professor für Neurochirurgie war auch Vorsitzender des Wissenschaftsrats.

Warum?
Der Todeswunsch  Schwerstkranker zwingt eine in dieser Frage tief gespaltene Gesellschaft dazu, immer wieder einen mühsamen, für viele unbefriedigenden Konsens herstellen zu müssen. Aber derzeit ist die Lage auch für handelnde Ärzte besonders absurd: Laut höchstrichterlicher Urteile darf der Arzt einem Schwerstkranken Medikamente geben, um dessen Schmerz zu lindern, auch dann, wenn dies den Tod früher herbeiführt. Das selbe Medikament in der selben Dosierung darf er nicht mit der Intention verabreichen ihm damit beim erwünschten Suizid zu unterstützen. Zwar könnte ein Arzt dem Patienten ein Medikament übergeben, aber dann müsste er den Raum verlassen um sich nicht strafbar zu machen.

Das ist absurd.
Und ein zynischer Gedanke! Bei einem vollkommen gelähmten Patienten würde auch das nicht helfen. Bis heute wissen viele Ärzte nicht, was sie in welchem Bundesland in dieser Situation unternehmen dürfen und was nicht. Aus Angst sich strafbar zu machen werden sie dann im Zweifel oft gar nichts tun und darunter leiden die Patienten.

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Sollten wir also aktive Sterbehilfe zulassen?
Da schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Wir brauchen als Gesellschaft unbestritten die Norm: Niemand darf aktiv töten. Aber: Dürfen wir Schwerstkranke ausliefern, Qualen zu ertragen, für die es keine Heilungsaussicht gibt, die sich den Tod nachvollziehbar herbeisehnen, aber keinen Weg finden sich selbst von ihren Leid zu befreien. Da hilft auch nicht die berechtigte Forderung nach besserer Schmerztherapie oder mehr Palliativmedizin. Beides wird im Einzelfall das Problem nicht lösen. 

Käme es bei mehr Angeboten zur Sterbehilfe auch zu mehr Suiziden?
Nein, sicher nicht. Die Fallzahlen in denen eine Beihilfe zum Suizid von Patienten erbeten wird werden  ohnehin sehr gering sein.   Nur die Zahl derer, die sich in den Tod quälen, wird ohne eine angemessene Regelung zur  Sterbehilfe nicht sinken. Ich sehe es in meinem Freundeskreis. Dieses Thema belastet doch immer mehr auch Menschen, die noch zwei oder drei Jahrzehnte von ihrem eigenen Tod entfernt sind. Sie erleben, wie qualvoll das Sterben bei älteren Menschen sein kann und bekommen Angst. Zu wissen, es gibt Lösungen wenn es bei ihnen soweit ist, nimmt  auch diesen Menschen jetzt schon die Sorge.

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Sollten Glaubensgemeinschaften Einfluss auf die aktuelle politische Auseinandersetzung zur Sterbehilfe nehmen?
In der Öffentlichkeit sollten sie sich sogar positionieren, sie sind wichtig für die Meinungsbildung. Aber ihrer politischen Lobbyarbeit sollten sehr enge Grenzen gesetzt werden. Auch christliche Gemeinschaften müssen respektieren, dass sie ihre Meinung anderen nicht aufzwängen können. Und schon gar nicht Repressalien ausüben dürfen, im Sinne von: Wer Sterbehilfe beansprucht oder leistet, den grenzen wir aus unserer Gemeinschaft aus.

Heißt das im Umkehrschluss: Jeder Arzt sollte einem Schwerstkranken auf dessen Wunsch hin Sterbehilfe leisten?
Nein, auf keinen Fall. Niemand darf einen Arzt dazu zwingen, etwas zu tun, was er ethisch nicht vertreten kann. 

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Wie erklären Sie sich, dass in Deutschland für werdendes Leben gilt: Jede Schwangere wird eng medizinisch begleitet und hat sogar das Recht, ein schwerstkrankes Kind töten zu lassen, am Ende des Lebens aber wird der Mensch medizinisch noch immer oft im Stich gelassen wird?
Das ist in unserem gesellschaftlichen Handeln leider eine große Indifferenz zwischen dem Anfang und dem Ende des Lebens und die sollten wir zu Gunsten der Kranken auflösen. Wir müssen anerkennen: Das Leben ist eben nicht das höchste Gut unserer Gesellschaft. Wir schicken Soldaten in den Krieg und riskieren ihren Tod. Die Kirche hat dem oft genug zugestimmt.
Es gibt auch ein Recht auf ein würdiges Sterben.

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