Karl-Theodor zu Guttenberg: Doktorarbeit im einstweiligen Ruhestand

KommentarKarl-Theodor zu Guttenberg: Doktorarbeit im einstweiligen Ruhestand

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche

von Henning Krumrey

Großer Zapfenstreich im Innenhof des Bundesverteidigungsministeriums. Karl-Theodor zu Guttenberg verabschiedet nicht sich, sondern nur seine Promotion in den einstweiligen Ruhestand. So hat sich der CSU-Minister schließlich noch stets von Problemfällen getrennt. Ein Kommentar von Henning Krumrey.

Wer den Schaden hat, das kennt man ja, spottet jeder Beschreibung. Natürlich muss das Heeresmusikkorps am heutigen Freitagabend nicht antreten. Seine Entscheidung, den Doktortitel zunächst nicht mehr zu führen, verschafft ihm etwas Luft und Zeit. Am Donnerstagabend hatte Kanzlerin Angela Merkel den Baron einbestellt, um sich die Lage – und vor allem das Risiko weiterer Enthüllungen – erläutern zu lassen. Längst hat sich das veröffentlichte Guttenberg-Bild gewandelt – im wahrsten Sinne. Konnten den Medien in den vergangenen Wochen die Konterfeis des Aufsteiger-Ministers gar nicht strahlend genug sein, schaut jetzt ein sorgenzerfurchter, bedröppelter Amtsinhaber aus den Zeitungsseiten. Journalisten wählen die Bilder bewusst zur Situation aus, auch das verstärkt jede publizistische Wirkung.

Natürlich handelt es sich bei der Attacke der Dissertationsprüfer um eine Kampagne gegen zu Guttenberg. Denn niemand liest ohne Not dessen Doktorarbeit; das macht nur, wer gezielt etwas sucht. Und niemand erinnert sich dann heute beim Lesen rein zufällig an einen vier Jahre alten FAZ-Text, mag er auch noch so auffällig formuliert gewesen sein. Und so kommen die ersten erfolgreichen Fahnder ja auch aus dem Umfeld der gescheiterten hessischen SPD-Ministerpräsidentenkandidatin Andrea Ypsilanti.

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Aber: Schön dumm, wenn man Anlass oder Material für die Kampagne selber liefert. Und die nun so gefledderte Doktorarbeit ist ja keine Jugendsünde eines faulen oder unorganisierten Mittzwanzigers, der vielleicht im Endspurt bis zur Abgabe seines Werkes ein wenig geschludert hat. Guttenberg aber hat seine Arbeit 2006 eingereicht, im Alter von 34 Jahren. Da war er bereits der führende Außenpolitiker seiner Partei, der eine weitere politische Karriere anstrebte. Dass einen im ruppigen Geschäft der Spitzenpolitik Fehler einholen – seien es schlampige, fahrlässige oder vorsätzliche – hätte zu Guttenberg wissen und berücksichtigen müssen – gerade im Google-Zeitalter.

Am Mittwoch hatte Guttenberg laut FAZ erklärt: "Sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu." Aber wie soll man diesen Satz lesen und betonen? Zum einen: Wenn noch niemand bisher auf die Idee gekommen ist, Helfer des Abgeordneten KT seien aktiv geworden – wieso kommt er auf die Idee? Und zweitens: Niemand hat an der „wissenschaftlichen Erarbeitung“ mitgewirkt – was soll das heißen? An der handwerklich-technischen Erarbeitung vielleicht doch? Soll das im Klartext heißen: Gedacht habe ich selbst, aber das Material haben andere zusammengetragen und abgetippt? Aber vielleicht sucht man als Journalist ja auch viel zu oft das Doppeldeutige?

Das Internet jedenfalls ist voll von Guttenberg-Meldungen. Es tauchen nicht nur immer neue Kopie-Fundstellen auf, sondern auch äußerst kreative Formen der satirischen Problembewältigung. Vermeintliche oder echte Leser der Dissertation vermelden, die Arbeit sei ein „Schnäppchen für Sparfüchse“, denn mit 88 Euro koste sie deutlich weniger als ein Jahresabonnement der ausgewerteten Neuen Zürcher Zeitung.

Und muss in Frankfurt jetzt der Kopf der Allgemeinen Zeitung in "Dr. FAZ" geändert werden, weil man mit deren Feuilleton-Geschwurbel promovieren kann? Und, als sei das alles des Spotts nicht genug, finden sich bei Amazon die Lebenserinnerungen seines gleichnamigen Großvaters, einst Staatssekretär in der Adenauer-Regierung. Der Titel des Werks, ausgerechnet: "Fußnoten".

Merkel kann eine Kabinettsumbildung derzeit überhaupt nicht brauchen – sie brächte die gesamte Statik des Kabinetts ins Wanken. Die CSU könnte nur schwerlich einen Nachfolger für Guttenberg aufbieten. Auch in der CDU würde dies schwierig. Allzweckwaffe Thomas de Maizière käme zwar in Frage, aber der soll – bei Bedarf oder nach der Bundestagswahl – schon Finanzminister Wolfgang Schäuble beerben. Wechselte de Maizière in den Bendlerblock, dürfte die CSU den Innenminister stellen. Am ehesten käme der derzeitige Amtsinhaber in München in Frage, Joachim Herrmann. Der hat wenigstens inzwischen Verwaltungserfahrung. Ärger brächte das freilich in der CSU-Landesgruppe, die bei der Postenvergabe leer ausginge.

Etwas Zynisches hat die ganze Debatte auch noch: Die Aufregung jetzt ist größer als vor gut einem Jahr, als immer neue Details über das Bombardement der Tanklaster in Kunduz bekannt wurden. Größer auch als nach den tödlichen Unfällen auf  dem Segelschulschiff Gorch Fock; und erst recht größer als die Meldungen über tote deutsche Soldaten in Afghanistan. Natürlich: Das eine ist Guttenbergs dienstliche Verantwortung, die peinliche Promotionsarbeit dagegen seine ganz private, persönliche. Trotzdem: Die Toten sind in der politischen Debatte im Vergleich zum richtigen Zitieren, zur Geschichte der Fußnoten:

Fußnoten der Geschichte.

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