Karneval: Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

Karneval: Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Karneval ist keine „fünfte Jahreszeit“ mehr, Karneval ist immer. Liebe, Triebe, Heiterkeit – die Deutschen festivalisieren ihre Freizeit und genießen sich selbst im Kollektivrausch.

Merkwürdige Dinge, die sich da alljährlich abspielen in den Tagen vor Aschermittwoch, auf den Straßen und Plätzen, in den Kneipen und Festzelten der rheinischen Metropolen. Menschen, die es sonst unerträglich finden, wenn sich in leeren Warteräumen ein Artgenosse neben sie setzt, die selbstverständlich Abstand halten, wenn sie unter Leute gehen, sind plötzlich wie verwandelt: Sie suchen den Kontakt, die Nähe, die Umarmung, die Berührung und das Berührtwerden durch Unbekannte. Überall dort, wo sie im Alltag ein Höchstmaß an Distanz und Diskretion wahren, wo sie sich in Zucht nehmen und peinlich jeden Körperkontakt meiden, drängen und pressen sie sich förmlich aneinander, haken sich unter, wiegen und schieben sich, schwingen Arme und Beine, überlassen sich bereitwillig dem Takt der Menge, dem Rhythmus der Lieder, der Woge der Gemeinschaft: Sie singen, schunkeln, tanzen und schwitzen, sie flirten miteinander, bützen und küssen sich, sie geben freche Trinksprüche aus, lassen Flaschen kreisen und rufen sich fröhlich „Helau“ und „Alaaf“ zu.

Ausflippen erwünscht

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Es sind die Schlachtrufe des Karnevals, die Fanfaren der Fastnacht, die seit dem Spätmittelalter den kulturellen Ausnahmezustand versprechen, die Lizenz zum kollektiven Ausflippen. Einmal im Jahr, für eine festgelegte Frist, darf das Volk sich eine „fünfte Jahreszeit“ gönnen, in der es drunter und drüber geht, in der die Autoritäten verlacht werden und die gutbürgerlichen Benimmregeln außer Kraft gesetzt sind, in der die herrschenden Fremd- und Selbstzwänge einer archaisch-dionysischen Triebungebundenheit weichen.

Der Karneval feiert die Erinnerung an unsere tribalistische Herkunft und den urwüchsigen Freilauf der Passionen, er preist die körperlich-kreatürliche Verschwendung in einer rationalen Welt der Geld- und Geschäftsbeziehungen – freilich nicht, um diese Welt zu beseitigen, sondern im Gegenteil: um sie jedes Jahr aufs Neue zu kräftigen. Der Karneval stabilisiert so die Ordnung, die er vorübergehend suspendiert. Er legitimiert den Alltag, indem er ihn für eine begrenzte Zeit aufhebt. Er zeigt uns die Grenzen des Erlaubten auf, indem wir sie ausnahmsweise übertreten.

Festivalisierung des Alltags

Was aber, wenn der Karneval zur Dauerübung wird, die „fünfte Jahreszeit“ zur Regel, die Auszeit zum Alltag? Den Deutschen – ausgerechnet! – scheint heute jeder Anlass recht, um ihn als karnevaleskes Gemeinschaftsereignis zu zelebrieren. Ganz gleich, ob Fasching, Public Viewing oder Loveparade, ob Weltjugendtag, Lena-Meyer-Landrut-Party oder iPad-Erstverkaufstag, ob Oktoberfest, Flashmob oder Opernnacht – wir sind nicht nur die Zuchtmeister Europas, sondern auch die größten Feierbiester der Welt. Offenbar geht beides glänzend zusammen: die Strenge, der Fleiß, das Sekundärtugendhafte – und der Überschwang, das Pathos, die Ausgelassenheit. Offenbar korrespondiert beides ganz vorzüglich: die Deflation unserer Leidenschaft im zweckrationalen Büroalltag und die Inflation unser freizeitlichen Ekstasen und Gefühlsstürme. Ja, offenbar kann das eine gar nicht ohne das andere gedeihen: individuelle Affektkontrolle und gemeinschaftliche Entrückung. Was also steckt hinter der Festivalisierung unseres Alltags? Sind Sensationslust, Rauschbedürfnis und Transzendenzwunsch die expressive Nachtseite unserer vernünftelnden Genügsamkeit?

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