Kassen wehren sich : Deutschlands Ärzte sollen weniger operieren

Kassen wehren sich : Deutschlands Ärzte sollen weniger operieren

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Langer Marsch statt rasche OP: Schmerzen in der Hüfte setzten Christian Neiser zu. Der Arzt empfahl ein künstliches Gelenk, der Landshuter stellte stattdessen seinen Alltag um

von Cordula Tutt

Operieren ist teuer, nützt aber nicht immer den Patienten. Neue Anreize für Hospitäler und Versicherte sollen die hohe Zahl chirurgischer Eingriffe in Deutschland vermindern.

Im Sommer zuvor war Christian Neiser noch auf die Zugspitze gewandert. Bis auf 2962 Meter. Der heute 65-jährige Landshuter ist agil, sportlich – und empfand die Schmerzen, die ihn 2010 plagten, als Zumutung. "Ich konnte nachts kaum schlafen, tagsüber nicht sitzen. Egal, wie, ich hatte nur Schmerzen." Eine Arthrose in der rechten Hüfte quälte ihn ein halbes Jahr. Er ging zum Arzt. "Der Orthopäde sagte mir nach dem Röntgen, da komme nur eine Operation infrage."

Schneller schnippeln in Deutschland

Schneller schnippeln in Deutschland

In Deutschland erhalten jährlich rund 300 000 Patienten ein neues Hüftgelenk, mehr als 210 000 ein künstliches Knie. Das ist internationaler Rekord. Wer unter Gelenkverschleiß leidet, willigt meist ein, durch eine Operation für zwei Monate außer Gefecht zu sein, danach aber hoffentlich wie früher wieder Tennis spielen oder wandern zu können. Anders als in Großbritannien, den Niederlanden oder Skandinavien gibt es weder bei Fachärzten noch für Operationen nennenswerte Wartezeiten. Private und gesetzliche Kassen zahlen.

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Ernährungsumstellung statt OP

Christian Neiser sträubte sich. "Ich wollte eine Operation nicht hinnehmen", sagt der Hüftgeplagte. Der Orthopäde habe erwidert, das Kassenhonorar gebe langwierige Hilfe bei der Umstellung des Lebensstils nicht her. Neiser suchte Selbsthilfegruppen im Internet, stellte die Ernährung um und verzichtet seither auf Kaffee und fast ganz auf tierisches Eiweiß. "Die erste Woche war furchtbar, dann ging es bergauf", erinnert sich der Bayer, der Gesundheitsartikel vertreibt. "Jetzt spüre ich meine Hüfte ab und zu, aber Schmerzen habe ich keine mehr."

Neisers Methode taugt kaum als Blaupause fürs Gesundheitssystem. Doch Umsteuern tut not. Ein Eingriff scheint für Mediziner wie Patienten allzu naheliegend. Noch hält sich der Eindruck bei Versicherten, dass viel Medizin viel helfen muss. Für Ärzte verspricht die Chirurgie eine planbare Therapie, die besser vergütet wird als anderes, was auch noch den Einsatz Betroffener verlangt. Das gilt für viele Fächer, für Orthopäden, Kardiologen, aber auch für HNOler oder Geburtshelfer.

Eine künstliche Hüfte bringt 10.000 Euro

Ein Grund sind fragwürdige Anreize. Ein Orthopäde, der ein Rückenleiden ohne Chirurgie behandelt, bekommt rund 30 Euro im Quartal. Eine Wirbelsäulen-Operation bedeutet für ein Hospital aber 12 000 Euro, eine künstliche Hüfte bringt etwa 10 000 Euro. Fürs Entfernen der Mandeln bei Kindern zahlen Kassen gut 2000 Euro. Eine Untersuchung per Katheter, der von der Leiste durch Adern zum Herz geschoben wird, bedeutet 1000 bis gut 2000 Euro.

"Für manche Operationen werden übersteigerte Preise in unbegrenzter Menge bezahlt", klagt Wulf-Dietrich Leber, der beim Spitzenverband gesetzlicher Krankenkassen (GKV) für Kliniken zuständig ist. Die Pauschalen, die die gesetzlichen Versicherungen seit 2003 an die rund 2000 Spitäler zahlen, haben das verstärkt. Wurde früher nach Liegetagen vergütet, versuchen Kliniken nun, Patienten schnell zu entlassen – und die Betten neu zu füllen.

Verstärkt wird der Umsatz per Skalpell, weil viele Chefarztverträge Boni für eine hohe Zahl an Eingriffen vorsehen. Auch Belegärzte mit eigenen Praxen und Patienten steigern die Umsätze. Bevor eine unwirtschaftliche Klinik schließt, hält sie sich manchmal jahrelang durch die eingespielte Zuweisung örtlicher Ärzte über Wasser.

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