Klausurtagung: Frostschäden bei der CSU

Klausurtagung: Frostschäden bei der CSU

Auf ihrer Klausurtagung vermeidet die CSU das Wort Krise und versucht, als die starke Volkspartei dazustehen, die sie früher einmal war. Das gelingt nur vordergründig. Aus Wildbad Kreuth berichtet WirtschaftsWoche-Redakteurin Katharina Koufen.

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Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner: Kreuth und der Tegernsee gehören zu ihrem Wahlkreis

Das Leben ist kein Ponyhof, aber auf den ersten Blick wirkt es doch so. Am Eingang zum Tal, in dem sich das historische Wildbad Kreuth befindet, galoppieren vier Haflinger-Pferde durch den Schnee. Ein Vater zieht sein Kind auf dem Schlitten über die dick verschneite Wiese, zwei Langläufer kommen vorbei. Gegen das gleißende Licht der Sonne könnte man sogar die Polizisten für herumstehende, warm eingepackte Winterurlauber halten.

Auch ein paar hundert Meter weiter herrscht noch Idylle. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner steht gemütlich draußen auf der für Normalsterbliche gesperrten Zufahrtstraße zum Tagungszentrum und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. „A geh, wer kommt denn da daher?“ begrüßt sie strahlend jeden, der vorbei kommt und den sie kennt. Sie kennt alle: Die Fraktionskollegen natürlich, die Journalisten, aber auch die Büromitarbeiterin eines Abgeordneten, „die wohnte früher als Kind bei mir gegenüber“. Kreuth und der Tegernsee gehören zu ihrem Wahlkreis, ihre Familie lebt im gediegenen Rottach-Egern.

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Keine Entspannung in der CSU

Kaum hat Aigner ihren Sonnenplatz verlassen, zeigt sich, dass viele in der CSU derzeit nicht sehr entspannt sind. Edmund Stoiber und Karl-Theodor zu Guttenberg treffen ein, beide gewohnt aufrecht-zackig und mit eiligem Schritt. Der im Nachhinein heilig Gesprochene und der aktuelle Messias kommen gemeinsam, was sofort zu Gerüchten führt: Haben sich die beiden unter vier Augen getroffen oder sind sie nur zufällig gleichzeitig angekommen? Worüber wurde geredet? Könnte Stoiber gar den jungen Hoffnungsträger dazu auserkoren haben, seinen Rivalen, den Parteichef und Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu stürzen oder ihn zumindest gegen den Chef aufhetzen, so wie er damals gestürzt wurde, im selben Wildbad Kreuth, vor drei Jahren? Später wird CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich einige Journalisten eigens zu einem Hintergrundgespräch laden, um solche Gerüchte, natürlich, als „völligen Unsinn“ aus der Welt zu räumen.

Guttenberg gilt als Thronfolger für den Parteivorsitz. Manche wollen ihn sogar zum Vizekanzler machen und zum nächsten Kanzlerkandidaten. Noch ist er der Star der Partei, aber auch sein Glanz hat an Strahlkraft verloren, seit Details über den Angriff deutscher Soldaten auf einen Lastwagen in Afghanistan bekannt wurden und er wenig geschickt agierte. Und Stoiber, der nach seiner Entthronung geradezu verklärt wurde - seine Nachfolger waren bald noch unbeliebter - gerät wegen der Landesbankkrise zunehmend in die Bredouille, war er es doch, der die Expansion der BayernLB nach Osteuropa forcierte. Der Kauf der Österreichischen Bank HGAA kostet die Steuerzahler jetzt 3,7 Milliarden Euro.

CSU "strotzt" vor Kraft

Um den VIP-Faktor zu erhöhen, werden die Journalisten von den Polizisten hinter Absperrungsbänder gedrängt - so etwas ist neu im familiären Wildbad, wo sich nur das historische Tagungsgebäude, eine Kapelle und einige Nebengebäude befinden. Stoiber geht trotzdem zu den Mikrofonen. Er wird zur Krise der BayernLB gefragt. „Ich habe öffentlich erklärt, wie sehr ich die Entwicklung der Landesbank bedauere und wie schmerzhaft sie für mich ist“, sagt er theatralisch und eilt weiter Richtung Klausurraum.

Zwischen der „Entspannten“ und dem „Theatralischen“ stehen in der CSU gefühlsmäßig Parteichef Seehofer und Landesgruppenchef Friedrich. Beide geben sich lässig. „Krise?“ fragt Friedrich so ahnungslos er kann. „Als gestern Journalisten auf mich zu kamen und mich nach der Krise fragten, wusste ich gar nicht, was gemeint war. Zuerst dachte ich, es geht um die Finanzkrise.“ Die CSU und vor allem seine Landesgruppe, also die Bundestagsabgeordneten, „strotzen vor Kraft“. Überhaupt scheint „Kraft“ das Schlüsselwort dieser Tagung zu sein, die Botschaft, die hängen bleiben soll. Auch bei Seehofer kommt bald jeder Satz  „voller Kraft“, „mit aller Kraft“ oder „kräftig“ daher.

Sein Auftreten hinter den verschlossenen Türen der Klausurtagung erinnere allerdings eher an einen Fußballtrainer, „der in der Pause erklären muss, warum seine Mannschaft noch keine Tore geschossen hat“, berichtet ein Parteikollege. Ein anderer beschwert sich, er vermisse die Kritik am Führungsstil der Bundeskanzlerin. Angela Merkel (CDU) müsse klar zeigen, wofür die Union eigentlich steht, dass sie nach wie vor eine echte Volkspartei ist. „Stattdessen verbietet sie jede Art von Profilierungsversuchen sofort.“

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