Kleiner Parteitag der Grünen: Zuspruch oder Zumutungen?

Kleiner Parteitag der Grünen: Zuspruch oder Zumutungen?

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Kleiner Parteitag bei den Grünen: Zuspruch oder Zumutungen?

von Cordula Tutt

Bei der Ökopartei ist schon Wahlkampf: Parteichef Özdemir und der Kieler Vizeregierungschef Habeck konkurrieren um den Spitzenplatz im Bund 2017.

Als erster steigt Parteichef Cem Özdemir in den Ring. Die Bühne beim kleinen Parteitag der Grünen in Berlin gleicht an diesem Samstag einem Boxring, direkt ringsum und etwas unterhalb sitzt das Publikum, auch der Widersacher. Bei den Grünen ist schon Wahlkampf. Es kann nur einen Mann im Spitzenteam zur Bundestagswahl 2017 geben. Özdemir will dieser Anführer werden. Doch er ist nicht der einzige, auch der Kieler Umweltminister Robert Habeck hat Chancen. Es sind zwei Kandidaten mit sehr unterschiedlichem Naturell und Zielen. Habeck wird seine Rede später mit dem Ausdruck "Verdammte Hacke!" beginnen.

Die Strategie des 50-jährigen Özdemir wird schnell klar. Er streichelt die Seele der Parteileute und teilt gegen die anderen aus. Im Hemd, grauen Jeans und Sneakers steht der da und spricht von der Einschulung seines Sohnes, die er am Morgen noch mitgenommen hat. Anders als er selbst, der Gastarbeitersohn, solle sein Filius einmal alle Möglichkeiten in der Schule haben, Bildung und Chancengleichheit nicht nur in Deutschland seien eins der wichtigsten Ziele für die Grünen. "Da haben wir noch eine Menge zu tun." Der erste Applaus.

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Die Grünen starten an diesem Tag in eine Urwahl. Unter vier Anwärtern sollen die knapp 60.000 Parteimitglieder ein Spitzenduo für die Bundestagswahl 2017 aussuchen. Die Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt gilt als gesetzt, sie ist die einzige Frau. Um den anderen Platz kämpfen Özdemir und Habeck. Auch der Co-Fraktionschef im Bundestag, Anton Hofreiter, will Spitzenmann werden. Ihm werden aber weniger Chancen zugerechnet. Im Januar 2017 soll das Spitzenduo feststehen.

Dann spricht Özdemir gegen das Schlamassel und Verschwendung am Berliner Flughafen, zur AfD, gegen die man einen Kulturkampf führe, und über viel Internationales von den Taliban über Marine Le Pen zum US-Wahlkampf. Dann wieder Deutschland: Den CSU-Chef Horst Seehofer nennt Özdemir den "Streithansel" in der Flüchtlingsdebatte. "Horst - ein bisserl weniger bruddeln und schimpfen, ein bisserl mehr schaffen, dann klappt es mit der Integration", fordert er laut. Was SPD-Chef Sigmar Gabriel erreichen wollen mit seinen widersprüchlichen Kommentaren zum Thema "verstehe ich nicht". Wieder Applaus.

Özdemir sagt alles, was Grüne gerne hören. Doch Chancen im Kampf um den Spitzenplatz im Bund 2017 hat auch der Kieler Vizeregierungschef und Umweltminister Habeck. Der 47-Jährige setzt eher auf unangenehme Forderungen. Er will den Grünen Sektiererdebatten austreiben, etwa solche um den Veggie Day oder andere Alltagsverbote. Er tritt als Außenseiter an und verlangt, dass die Grünen sich auf Regierung trimmen. Keine Klientelpolitik oder Milieutreue mehr, sondern Offenheit für neue Gruppen und für Kompromisse. Habeck sitzt im Sakko und mit verschränkten Armen da, manchmal macht er sich Notizen. Auch er wird später noch um Unterstützung und vor allem um Bekanntheit kämpfen. Sonst hat er gegen den Parteichef keine Chance.

Der eine gibt den Grünen heute Zuspruch, der andere setzt auf Zumutungen - auch als Lehre aus dem schlechten Abschneiden bei der Bundestagswahl 2013, als die Sonnenblumen-Partei erst viele Wähler vergrätzte und sich anschließend auch nicht zu einer Koalition mit der Union durchringen konnte.

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"Verdammte Hacke!" also. Habeck beginnt seine Rede mit Mecklenburg-Vorpommern, wo die Grünen nach der verlorenen Wahl aus dem Parlament fliegen und die AfD Erfolge feiert. Die rechtsgerichtete Partei stelle alles in Frage, wofür die Grünen kämpften. Er fordert von seinen Leuten, die Angst vor der AfD abzulegen: Nicht "oje, oje" sei nun angemessen, sondern ein "Jetzt geht's los!". Die Grünen müssten Angebote für viele Menschen in der Gesellschaft machen, damit diese nicht einfachen Parolen der AfD folgten. Schließlich empfänden viele heutzutage ein Gefühl großer Unsicherheit.

Krisen, Kriege, Flüchtlinge, soziale Unsicherheit. Habeck meint, die Grünen müssten Sicherheit vermitteln, ohne die liberale Gesellschaft aufzugeben. Mehr Geld für Polizisten im Etat sei gut, auch aus grüner Sicht. Auch mehr soziale Sicherheit - also Grundrente und Grundeinkommen. "Raus aus dem Milieu", verlangt er von seiner Partei, die vor allem in Innenstadtvierteln viele Anhänger hat. Und "Kampfeslust, das ist unsere Aufgabe!" Habeck ist während seiner Rede aufgeregter als Özdemir, er verhaspelt sich manchmal. Doch der Applaus fällt länger aus.

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