Klimaschutz: Kaum Anreiz zum Energiesparen durch Gebäudesanierung

Klimaschutz: Kaum Anreiz zum Energiesparen durch Gebäudesanierung

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Energiesparen durch Gebäudesanierung: Thermogramm eines Wohnhauses. Rechts eine Skala mit verschieden Farbabstufungen, die Auskunft über die jeweilige Temperatur des abgebildeten Objektes geben

Die Bundesregierung lockt Hausbesitzer mit Anreizen zur Gebäudesanierung, um Energie zu sparen. Doch die Programme verfehlen ihre Wirkung.

Mit einer wollig-warmen roten Pudelmütze bedeckt standen die Litfaßsäulen den Winter über vor dem Berliner Reichstag. Die Botschaft: „Ziehen Sie Ihr Haus warm an!“ Inzwischen ist die Kampagne des Bauministeriums an einen weniger prominenten Ort verlegt, bei sommerlicher Hitze wäre die Pudelmütze vor dem Parlament deplatziert. Dabei ist der Zeitpunkt für die Sanierung der eigenen vier Wände derzeit nicht schlecht. Je höher die Energiepreise steigen, desto mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Dämmung und Heizungstausch helfen nicht nur gegen kühle Jahreszeiten, globale Erwärmung und beim Klimaschutz – sie schonen auch das Portemonnaie.

Die Argumente klingen zwar überzeugend – ziehen aber offenbar nicht. Trotz hoher Energiepreise, Werbe-Kampagnen und günstiger Kredite: Die Gebäudesanierung erreichte 2007 einen historischen Tiefstand. Der deutsche Markt für Heizsysteme etwa brach im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel ein, so der Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik.

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Die Branche spricht bereits von einem Modernisierungsstau. Dieser hat viele Gründe – die meisten liegen in staatlicher Hand. Nach hitzigen Debatten über die Klimapolitik sind Hausbesitzer verunsichert, welche Gesetze und Verordnungen auf sie zukommen. Zwar hat der Bundestag gerade das Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz beschlossen, in dem steht, dass nur Neubauten anteilig mit Alternativen zu Öl und Gas beheizt werden müssen. Doch ob die geplante Finanzspritze von jährlich 500 Millionen Euro als Anreiz reicht, auch den viel bedeutenderen Altbaubestand zu modernisieren, bezweifeln Experten, denn: Die Förder-Richtlinien sind unklar, das Mietrecht hinderlich. Außerdem zahlen sich die hohen Kosten der Sanierung oft erst nach Jahrzehnten aus – viel zu spät für die Mehrheit der Eigentümer, die sich bereits im Rentenalter befindet.

Dabei macht energetisches Aufrüsten heute mehr Sinn als je zuvor. Die Energiepreise haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, die Rechnung für Strom und Gas steigt ständig an – so sehr, dass Sozialdemokraten inzwischen einen Sozialtarif für einkommensschwache Haushalte fordern. Auch die EU-Kommission denkt über Finanzhilfen nach. Energieexperten sehen die Entwicklung eher positiv: Ein weiterer Preisanstieg um 40 bis 50 Prozent führt, so das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dazu, dass sich eine Sanierung auf den sogenannten Sieben-Liter-Standard von Anfang an lohnt.

Sieben-Liter-Standard? Das bedeutet, dass ein Haus weniger als sieben Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr verbraucht. Dieser Wert elektrisiert Sparer und Klimaschützer gleichermaßen. Allein der Austausch alter Heizungen und eine moderne Wärmedämmung würden jährlich 31,2 Megatonnen Kohlendioxid sparen. Im Gebäudebereich stecken beim Klimaschutz die größten Potenziale – mit 342 Megatonnen CO2 entsteht hier etwa ein Drittel der gesamten Emissionen.

Die gute Nachricht: Energieeffizienz-Maßnahmen sind weitaus wirtschaftlicher als etwa Subventionen für Solarenergie oder Kraft-Wärme-Kopplung. Knapp 90 Prozent der CO2-Vermeidungshebel im Gebäudebereich sind einer Studie von McKinsey zufolge wirtschaftlich. Gelingt es, das Potenzial von 63 Megatonnen CO2 bis 2020 zu heben, könnten die Emissionen gegenüber dem heutigen Stand um 20 Prozent gesenkt werden. Nun die schlechte Nachricht: Um alle Gebäude auf den Sieben-Liter-Standard zu bringen, müssten etwa 200 Milliarden Euro investiert werden.

Davon ist Deutschland weit entfernt: Der Staat fördert die Klima-Sanierung zwar über die KfW Bankengruppe. Die Fördermittel von etwa 600 bis 700 Millionen Euro reichen jedoch kaum aus. Wird das Programm bis 2020 verlängert, bezuschusst die öffentliche Hand die Sanierung mit insgesamt acht bis neun Milliarden Euro – das entspricht 4,0 bis 4,5 Prozent der gesamten Investitionskosten. Das Ergebnis ist demzufolge kümmerlich: Bisher wurden mithilfe der Fördermittel des Bundes jährlich nur 77.000 Wohnung energetisch saniert – gerade mal 0,2 Prozent des Bestandes.

Dass Vermieter und Eigenheimbesitzer beim Energiesparen nicht Gas geben, liegt am typischen Sanierungszyklus. Gebäude werden in der Regel nur alle 30 bis 40 Jahre saniert. „Nur wenn die Bauarbeiter ohnehin zur Instandsetzung anrücken, lohnen sich die Investitionen in den Klimaschutz“, sagt IW-Umweltexperte Hubertus Bardt. Oft werde aber auf den Einbau einer neuen Heizung oder den Austausch der Fenster verzichtet, um Mieter nicht durch eine mögliche Mieterhöhung zu verlieren. Vor allem Wohnungsgesellschaften mit ärmeren Mietern und hohem Leerstand, etwa in Ostdeutschland, müssen damit rechnen, dass ihre gerade sanierten Wohnungen zunächst einmal Ladenhüter bleiben.

Anders ist der Fall bei Selbstnutzern. Wer in den eigenen vier Wänden lebt, ist prinzipiell eher bereit, kurzfristig viel Geld zum Beispiel für doppelverglaste Fenster auszugeben, um langfristig zu sparen. Allerdings stoßen auch private Eigentümer schnell an Liquiditätsgrenzen; sie sind noch weniger bereit, sich für energetische Sanierung zu verschulden. Das größte Hindernis: die langen Amortisationszeiten von teilweise bis zu 25 Jahren. Investitionen, die sich erst lohnen, wenn der Hausbesitzer sein Haus gar nicht mehr selbst nutzen will oder kann, und die beim Verkauf keinen höheren Preis erzielen, fallen meist von vorneherein flach.

Um die Energiespar-Potenziale im Gebäudebereich heben zu können, fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zuverlässige, einfache und zeitlich begrenzte Anreize. In einem internen Papier verlangt die Initiative „Wirtschaft und Klimaschutz“ mehr Transparenz bei der Förderung mit KfW-Geldern, zinsgünstige Darlehen sowie eine Liberalisierung des Mietrechts – damit die Kosten der Sanierung besser an den Mieter weitergegeben werden können. Helfen würde dem Papier zufolge auch eine bessere individuelle Beratung etwa durch Energie-Contracting. „Aufklärung ist wichtig, oft fehlt das Problembewusstsein“, sagt Claudia Wörmann, Klimaexpertin des BDI.

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