Knauß kontert: Es geht um die Kultur, Dummkopf!

kolumneKnauß kontert: Es geht um die Kultur, Dummkopf!

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Nürnberg bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025, doch ein Aktionsbündnis will davor erst die Stadtmauer abreißen.

Kolumne von Ferdinand Knauß

Eine skurrile Aktion gegen die Nürnberger Stadtmauer zeigt exemplarisch: Die wichtigsten Fragen der Zeit sind kultureller, nicht nur ökonomischer Natur. In der Politik fehlt dafür das Verständnis.

Nürnberg ist die einzige deutsche Großstadt, die noch eine fast vollständige mittelalterliche Stadtmauer besitzt. Doch die soll jetzt endlich „weg“, fordert ein örtliches Bündnis von Kulturaktivisten. Denn sie stehe, wie es auf der Website des Bündnisses „Noris ohne Mauer“  heißt, für „Engstirnigkeit“. Diese habe „viele KünstlerInnen … dazu veranlasst, Nürnberg zu verlassen.“

Über die Grenzen von Mittelfranken ist die satirische Aktion bisher medial nicht hinausgekommen. Aber die Kunstaktivisten von Nürnberg haben die Zeichen der Zeit erkannt: Sie haben die wohl entscheidende Konfliktlinie der Gegenwart auch außerhalb der ehemaligen freien Reichsstadt identifiziert: nämlich die kulturelle Rolle von Begrenzungen.

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Es geht in der zunehmend „multikulturellen“ Gesellschaft zunehmend um kulturelle Fragen. Sie werden von manchen erwartungsfroh und von anderen mit Angst gestellt. Was ist (unsere) Kultur? Wer oder was sind also „wir“? Wer gehört dazu und wer nicht? Muss (unsere) Kultur beschützt oder noch weiter geöffnet werden? Und wenn ja, wie?

Die Kulturaktivisten des Bündnisses "Noris ohne Mauer" wollen die Nürnberger Stadtmauer - als Symbol für Rückwärtsgewandtheit und Kleingeistigkeit - einreißen. Die Stadt soll die zeitgenössische Kunst stärker fördern.

Die Kulturaktivisten des Bündnisses "Noris ohne Mauer" wollen die Nürnberger Stadtmauer - als Symbol für Rückwärtsgewandtheit und Kleingeistigkeit - einreißen. Die Stadt soll die zeitgenössische Kunst stärker fördern.

Oder sind all diese Fragen falsch und überflüssig, weil, wie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz kürzlich behauptete, „eine spezifisch deutsche Kultur, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei? Aber selbst wenn das zutreffend wäre, würde es nichts an der Feststellung ändern, dass ein großer Teil der Deutschen (und ein noch größerer Teil der meisten anderen Nationen) unter dem Phantomschmerz eines angeblich nicht identifizierbaren Verlusts leidet.

In einer durch und durch befriedeten, den historischen Wurzeln entwachsenen, „offenen“ Gesellschaft wie der unsrigen, wird Kultur vor allem als Ergebnis von Dialog, Begegnung und Hybridisierung dargestellt. Das ist richtig und unbestreitbar, aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Zur historischen Wirklichkeit gehört auch die dunkle Bedingung jeder Kultur: die Notwendigkeit der Abgrenzung und des Schutzes vor Gefahren. Wo immer Zeugnisse historischer Kulturen sich offenbaren, ob in China, im Vorderen Orient oder im alten Europa, stets gehören dazu auch Wälle und Mauern.

Erst wenn die äußeren Gefahren beseitigt waren (oder schienen), verzichtete man darauf allmählich. Die Stadtmauer von Nürnberg ist deswegen kein Zeichen historischer Engstirnigkeit, sondern sie war jahrhundertelang die Bedingung dafür, dass hinter ihr sowohl der materielle Wohlstand (durch Handel mit Italien und dem Vorderen Orient) als auch die Künste (Albrecht Dürer, Hans Sachs) ungestört florieren konnten.

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Blick von der Fürstenloge zur Bühne des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth. Quelle: dpa Picture-Alliance

Die große Mehrheit der Politiker in den Landeshauptstädten und Berlin hat die zentrale Bedeutung dieser Fragen nach Kultur und Identität noch nicht begriffen – oder geht darauf zumindest nicht ein. Sie betrachten ihren Job weiterhin wie ihre Ziehväter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als ökonomisch motivierte Aufgabe. Wenn eines die deutschen Wahlkämpfe des Jahres 2017 kennzeichnet, dann ist es der Versuch der Parteien, sich auf bekanntem Terrain mit erprobten Waffen gegen die alten Feinde zu schlagen.

Es soll um ökonomische Fragen gehen, um Arbeitsplätze, Steuern, Wachstum. Und auch da, wo es um Sicherheit und Bildung geht, werden diese letztlich mit denselben, alt hergebrachten Maßstäben betrachtet: nämlich denen der Statistik. Erfolg lässt sich demnach mit Zahlen und in Ranglisten belegen. Laschet will als Ministerpräsident NRW wieder „nach vorne“ bringen im Vergleich mit anderen Bundesländern. Er will also gute Zahlen liefern – wie ein Manager.

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