Knauß kontert: Franco A. und der wunde Punkt der deutschen Politik

kolumneKnauß kontert: Franco A. und der wunde Punkt der deutschen Politik

Kolumne von Ferdinand Knauß

Über Probleme der Bundeswehr zu klagen, ist für Politik und Öffentlichkeit recht bequem. Den Kern der Affäre um den Oberleutnant, der zum Syrer wurde, übersieht man lieber. 

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Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Oberstleutnant Marc-Ulrich Cropp und Heeresinspekteur Jörg Vollmer

Der Fall des Oberleutnants Franco A. wird vielleicht für spätere Geschichtsschreiber der Regierungszeit von Angela Merkel einen willkommenen erzählerischen Einstieg bieten. So wie der als „Hauptmann von Köpenick“ verkleidete Landstreicher bis heute den verheerenden Militarismus der wilhelminischen Epoche entlarvt hat, offenbart diese Affäre beispielhaft, wie die politisch-publizistischen Reflexe des heutigen Deutschland funktionieren. Wie man sich mit Hingebung bestimmten Problemen widmet, während andere schnell unter den Teppich gekehrt werden. 

Der Fall selbst erscheint wie eine Posse. Ein Bundeswehr-Offizier gibt sich bei deutschen Behörden als Syrer „David Benjamin“ aus. Er wird unter diesem Namen als Flüchtling anerkannt, obwohl er kaum arabisch, sondern französisch spricht, und seine Behauptungen mit keinem einzigen Dokument, nicht einmal einem gefälschten, belegen kann. Er fliegt erst auf, als er in Wien mit einer Schusswaffe erwischt wird, mit der er offenbar Attentate plante.

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So richtig Fahrt nimmt die Geschichte aber in der Presse erst auf, als bekannt wird, dass er an der französischen Offiziersakademie St. Cyr eine rassistische Abschlussarbeit vorgelegt hatte und trotzdem Offizier werden durfte. Spätestens als Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor laufender Kamera daraufhin pauschal über „Probleme mit Haltung und Führung“ in der Bundeswehr klagt, wird daraus eine Medien-Debatte (wenn man das so nennen mag, denn kontrovers diskutiert wird eigentlich nichts) über zwei Themen: Ursula von der Leyens Führungsstil und den Rechtsextremismus in der Bundeswehr.

Von dem ursprünglichen Anlass der Aufregung ist kaum noch die Rede. Stattdessen hat der politische und mediale Betrieb es in wenigen Tagen geschafft, aus einem ganz neuartigen, noch bis vor kurzem wohl für unglaublich gehaltenen Fall zwei altbekannte Muster-Affären werden zu lassen. Rechte Umtriebe in der Bundeswehr und eine möglicherweise nicht mehr lange haltbare Ministerin. Auf dem Terrain kennen sich Politiker und Journalisten seit Jahrzehnten bestens aus.

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