Koalitionsgespräche: Wowereit brüskiert Grüne

Koalitionsgespräche: Wowereit brüskiert Grüne

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Klaus Wowereit und CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel

von Henning Krumrey

Partner auf den zweiten Blick: CDU-Mann Henkel kommt Klaus Wowereit gerade recht. Wowereits Schwenk von Grün zu Schwarz zählt doppelt: Er macht sich bundespolitisch salonfähig und dezimiert den nächsten Konkurrenten.

Fröhlich hat sich Klaus Wowereit an die Grünen herangepirscht, hat sondiert und sondiert – und noch mal sondiert. Nach drei Treffen des Abtastens dann die für beide Parteien erlösende Nachricht: Koalitionsverhandlungen, Rot-Grün kann kommen. Das war am Dienstag vergangener Woche. Einen Tag später, nach der ersten richtigen Gesprächsrunde, ist die Liaison zwischen Sozialdemokratie und Umwelttruppe in der Hauptstadt schon wieder gescheitert, bevor sie überhaupt richtig besprochen war.

Gelernt ist gelernt. Schon einmal hatte Wowereit mit den Grünen gekuschelt und dann mit anderen regiert: mit den Ex-Kommunisten von der Linkspartei, die damals noch PDS hieß, nachdem sie sich nicht mehr SED nannte. Von Juni 2001 bis Januar 2002 hatte er einen rot-grünen Minderheitssenat geführt, nachdem er die damalige große Koalition mit der CDU aufgekündigt hatte. Nach der anschließend fälligen Neuwahl aber blieb er nicht den Grünen treu – was rechnerisch möglich gewesen wäre –, sondern schnappte sich die PDS.

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Brüskierennder Bürgermeister

Nun läuft dasselbe Spiel, nur anders herum. Diesmal brüskiert der Genosse zwar wieder die Grünen, wählt nun aber die CDU. Denn mit der kann er die Erweiterung der Stadtautobahn A 100 bauen. Persönlich hat sich Wowereit der Asphaltmagistrale verschrieben, das Stuttgarter Bahnhofsdesaster vor Augen; mit den Ökos an der Seite hätte die A 100 sein S 21 werden können.

Die Christdemokraten können so viel unverhofftes Glück kaum fassen. In jahrelanger, mühevoller, innerparteilicher Wühlarbeit hatte sich die Hauptstadt-CDU ins 20-Prozent-Ghetto intrigiert. 1999 lag sie mit dem Regierenden Eberhard Diepgen noch bei 40 Prozent. Etliche gescheiterte Wahlgänge und abgewiesene personelle Hilfsangebote von außen später wären sie jetzt schon froh, ab und zu den stellvertretenden Dienstwagen des Bürgermeisters nutzen zu dürfen.

Da lacht der ewige Wowi

Denn in den vergangenen zehn Jahren fehlte der CDU in der Hauptstadt jede Machtperspektive. Die Linksphalanx stand sicher. Allenfalls, auch das so ein schwarzer Kurzzeit-Traum, hätte sich die Partei unter die Fittiche der grünen Mutter Courage Renate Künast flüchten können, wenn die stark genug geworden wäre, um selbst als Chefin ins Rote Rathaus einzuziehen. Grün-Schwarz hätten die Ökos akzeptiert, Schwarz-Grün nicht. Hätte, wäre, könnte – hat aber nicht.

Nun also mit Wowi. Für den ist der Schwenk von Grün zu Schwarz die machtpolitische Ideallinie. Bisher stets als SPD-Linker und Sozialisten-Freund apostrophiert, kann er sich so vielleicht auf den letzten Drücker noch bundespolitisch salonfähig machen. Denn er hat etwas, was die drei anderen Kanzlerkandidaten – Parteichef Sigmar Gabriel , Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück – nicht haben: Er hat schon Wahlen gewonnen, drei genau genommen. Die anderen haben zusammen auch drei – verloren. Kommt er an den etablierten Bundes-Genossen nicht mehr auf der Zielgeraden vorbei, kann er zumindest in der Heimat Vorteile abschöpfen. Denn nach der Linkspartei, die im Schatten des Regierenden immer weiter ins Hintertreffen geriet, kann Wowereit nun die Christdemokraten wieder dezimieren, die mit ihrem neuen Spitzenmann Frank Henkel gerade etwas Hoffnung schöpften. In großen Koalitionen profitiert meist der Partner, der die Spitze stellt. Ist die CDU wieder gestutzt, blieben für die nächste Legislaturperiode in Berlin immer noch die Grünen.

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