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Kolumne: Tiefer Schock

Renate Köcher über das Verhältnis der Deutschen zur Aktie.

Innerhalb von nur vier Jahren hat der Dax um rund 150 Prozent zugelegt, der MDax sogar um mehr als 200 Prozent. Wer jedoch erwartet hatte, dass diese beeindruckende Wertvermehrung die deutschen Anleger verstärkt zur Aktie bekehren würde, der wartet bisher vergebens. Dieser dynamische, seit Jahren andauernde Aktienboom lässt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung völlig kalt – ganz anders als Ende der Neunzigerjahre. Damals nahm unter dem Eindruck der nach oben schießenden Kurse das Interesse an Aktien sprunghaft zu. Statt 19 Prozent interessierten sich plötzlich nahezu zwei Fünftel der Bevölkerung für diese Form der Geldanlage. Parallel verdoppelte sich auch die Zahl derjenigen, die Aktien oder Anteile an Aktienfonds besaßen. In dieser Zeit schien nicht nur für die Wirtschaft mit der „New Economy“ eine neue Ära anzubrechen, sondern auch für die vorsichtigen deutschen Anleger. Sie, die jeder spekulativen Anlageform bisher misstraut hatten, witterten plötzlich unwiderstehliche Chancen und stürzten sich – oft kreditfinanziert – in regelrechte Anlageabenteuer. Statt Risiken zu minimieren, wie es dem Naturell deutscher Anleger entspricht, wurden die Verlustrisiken maximiert und der Aktienmarkt mehr wie eine Lotterie gesehen – nur mit einer vermeintlich ungleich höheren Gewinnchance. Diese Phase der Irrationalität verdient es, im Nachhinein noch einmal gründlich aufgearbeitet zu werden – nicht zuletzt die Rolle der Experten und Gurus, der Banken und Fonds, der Medien und Manager, die sich teils, wie die privaten Anleger, von dieser Euphorie infizieren ließen, teils selbst Motor dieser Entwicklung waren. Wer bis zu diesem Zeitpunkt an die Rationalität wirtschaftlicher Prozesse glaubte, muss unter dem Eindruck der gigantischen Luftbuchungen und Fehlallokation von Ressourcen für alle Zeiten gelernt haben, welche Rolle Hoffnungen und Emotionen in der Wirtschaft spielen. Der darauf folgende Zusammenbruch der Märkte zeigte zwar, dass irrationale Phasen unausweichlich ihre Korrektur erfahren, umso gnadenloser, je größer zuvor die unbegründete Euphorie war. Das ist für sich genommen durchaus beruhigend, verhinderte jedoch durch den anschließenden Schock produktive Lerneffekte bei den Anlegern. Die deutschen Anleger haben aus der Euphorie der „New Economy“ und dem anschließenden Zusammenbruch der Kurse nicht den Schluss gezogen, dass sie nach falschen Kriterien in die falschen Papiere investiert hatten. Vielmehr fühlten sich die meisten Neuaktionäre in ihrem ursprünglichen grundsätzlichen Misstrauen gegenüber spekulativen Anlagen bestätigt und zogen sich entsprechend wieder gänzlich vom Aktienmarkt zurück. Noch nie war der Anteil der ehemaligen Aktionäre in Deutschland so hoch wie heute – nach einem dreijährigen Boom des Aktienmarktes. Früher bewegte sich dieser Anteil in der engen Bandbreite zwischen fünf und sieben Prozent. Heute sind es zwölf Prozent der Bevölkerung, die einmal in Aktien investiert waren, sich aber daraus zurückzogen und auch von den eindrucksvollen Kurssteigerungen nicht wieder zu spekulativen Anlagen bewegen ließen. Der Rückzug der enttäuschten Anleger wird auch nicht durch Neuaktionäre kompensiert. Während des Aktienbooms Ende der Neunzigerjahre interessierten sich 18 Prozent der gesamten Bevölkerung – rund elf Millionen – erstmals für Aktien. Heute macht der Anteil derjenigen, die sich unter dem Eindruck der mehrjährigen Kurssteigerungen erstmals dieser Anlageform mit Interesse zuwenden, lediglich zwei Prozent der Bevölkerung aus; dieser Anteil ist noch wesentlich geringer, als er in relativ unspektakulären Phasen vor dem New-Economy-Boom war. Dies zeigt, wie tief der Schock sitzt. Er hat die Aversion deutscher Anleger gegenüber risikobehafteten Anlageformen befestigt, sodass sie heute weitgehend resistent gegen die Botschaft der Märkte sind, dass es auch gesunde Aufwärtstrends mit wesentlich begrenzteren Risiken gibt als zu Ende der Neunzigerjahre. Es war ein Unglück, dass viele sich erstmals mit Aktien in einer Phase befassten, die von Goldgräberstimmung und Spiellaune geprägt war und nicht von der nüchternen Analyse von Branchen- und Unternehmensentwicklungen und der weltwirtschaftlichen Rahmendaten. Bisher deutet wenig darauf hin, dass viele Anleger in absehbarer Zeit ihre Zurückhaltung aufgeben werden. Nur bei der Minderheit, die in Aktien investiert ist, wächst zurzeit auch die Bereitschaft, sich verstärkt in dieser Anlageform zu engagieren. 2002 reizte es lediglich jeden vierten Aktionär beziehungsweise Aktienfondsbesitzer, verstärkt in Aktien zu investieren, jetzt sind es 38 Prozent. Die Scheu der deutschen Anleger vor risikobehafteten Anlagen beeinflusst nicht nur das zur Verfügung stehende Risikokapital, sondern auch die mittel- und langfristige Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Da die von der Mehrheit bevorzugten risikolosen Anlageformen über die Jahrzehnte eine deutlich niedrigere Rendite verzeichnen als Aktien, vergrößert sich zwangsläufig der Abstand im Vermögen von sicherheitsorientierten und risikobereiten Anlegern. Auch das Anlageverhalten trägt somit dazu bei, dass eine Minderheit der Bevölkerung weit überdurchschnittliche Vermögenszuwächse verzeichnet. Eine rationalere Haltung zu risikobehafteten Anlageformen könnte einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Einkommen und Vermögen zumindest begrenzt stärker im Gleichklang entwickeln.

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