Konjunktur auf der Kippe: Aus der Traum vom ewigen Boom

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Konjunktur auf der Kippe: Aus der Traum vom ewigen Boom

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Wie heftig wird der Konjunkturabschwung?

von Malte Fischer und Thomas Glöckner

Die schwächere Weltwirtschaft, die Russland-Krise und die Probleme in vielen Kernländern der Euro-Zone machen der deutschen Wirtschaft schwer zu schaffen. Die Konjunktur droht zu kippen. Damit steigt der Druck auf die Europäische Zentralbank, die Geldpolitik weiter zu lockern.

Eigentlich ist es für die Bankanalysten kein besonderes Ereignis, wenn die Beamten des Statistischen Bundesamtes einmal im Quartal die Zahlen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft bekannt geben. Denn die Daten betreffen die Vergangenheit und werden meist im Vorfeld gut abgeschätzt. Doch Donnerstag vergangener Woche war es anders. Nicht nur, dass die zur Veröffentlichung anstehenden Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal diesmal durch eine groß angelegte Revision der Statistik mit außergewöhnlicher Unsicherheit behaftet waren (siehe Kasten). Mit Spannung blickten die Auguren auch darauf, ob die aktuelle Krise in Russland bereits erste Bremsspuren hinterlassen hat.

Als dann um kurz nach acht Uhr morgens die neue BIP-Zahl über die Bildschirme flimmerte, trauten viele Analysten ihren Augen nicht: Deutschlands Wirtschaft war im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft. „Die Zahlen haben enttäuscht“, sagt Klaus Bauknecht, Volkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank in Düsseldorf. Aufgrund von Witterungseffekten hatten Beobachter zwar mit einem schwachen zweiten Quartal gerechnet. „Doch die Zahlen deuten auf einiges mehr hin als nur den Einfluss des Wetters“, urteilt Bauknecht.

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Das BIP wird neu berechnet

  • Neue Kalkulations-Vorschrift

    Ab September wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der EU nach einer neuen Regel kalkuliert. Das Statistische Bundesamt hat das deutsche Wirtschaftswachstum bereits im zweiten Quartal 2014 nach der neuen Vorschrift berechnet – und gleichzeitig auch die Daten zurück bis 1991 angepasst.

  • Das Ergebnis

    Im Durchschnitt fällt das nominale BIP nun rund drei Prozent höher aus als bisher.

  • Was hat sich geändert?

    Die quantitativ wichtigste Änderung betrifft die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Bisher wurden die Ausgaben hierfür als Vorleistungen behandelt, künftig gehen sie als Investitionen in die BIP-Berechnung ein. Letzteres gilt auch für die Anschaffung militärischer Waffensysteme. Selbst illegale Aktivitäten wie der Verkauf von Drogen steigern ab jetzt als Schätzwert das Bruttoinlandsprodukt.

  • Die Folgen

    Obwohl dem Anstieg des BIPs ein rein statistischer Effekt zugrunde liegt, hat die Umstellung auch politische Auswirkung. So dient das Bruttoinlandsprodukt als Referenzgröße für die Verschuldungskriterien der Euro-Länder (höchstens drei Prozent Defizit, 60 Prozent Schuldenstand). Das höhere BIP lässt also mehr Spielraum für Neu- und Gesamtverschuldung, frühere Kredite wirken harmloser. Die neue Schuldenstandsberechnung steht noch aus. Nach einer Prognose der Deutschen Bank sinkt der Wert für Deutschland für 2013 von 78,4 Prozent auf rund 76 Prozent.

Vor allem die Unsicherheit wegen des Konflikts um Russland und die Ukraine hat sich wie Mehltau auf die Stimmung und Investitionsbereitschaft der Unternehmen gelegt. Dazu kommt, dass auch aus den Ländern der Euro-Zone, den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands, schlechte Nachrichten kommen. Die Wirtschaft der Währungsgemeinschaft hat im zweiten Quartal stagniert.

Der ifo-Geschäftsklimaindex ist gesunken

Für die WirtschaftsWoche hat das ifo Institut in München exklusiv 460 Unternehmen aus den wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft befragt. Rund ein Drittel gab an, die geopolitischen Unruhen sowie die schwächelnde Konjunktur in wichtigen Handelspartnerländern stellten die größten Risiken für ihre Geschäfte dar.

Erneuter Einbruch des BIP.

Erneuter Einbruch des BIP. Für eine Vergrößerung auf das Bild klicken

Der ifo-Geschäftsklimaindex, wichtigster Frühindikator für die deutsche Konjunktur, ist im Juli das dritte Mal in Folge gesunken – ein untrügliches Zeichen für eine Konjunkturwende nach unten. In der vergangenen Woche schmierte zudem der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Index der Konjunkturerwartungen der Akteure an den Finanzmärkten ab. Der Einbruch war so heftig wie im Juni 2012, als die Angst vor dem Auseinanderbrechen der Währungsunion die Märkte in Atem hielt. Geht Deutschland, dem Powerhouse Europas, die Luft aus, hat dies weitreichende Konsequenzen – vor allem für die Europäische Zentralbank (EZB). Sie gerät immer stärker unter Druck, die geldpolitischen Schleusen noch weiter zu öffnen.

Wachstum schürt Optimismus

Dabei hatte das Jahr eigentlich gut begonnen. Mit einem satten Wachstum von 0,7 Prozent schürte die Wirtschaft Optimismus bei Analysten, Unternehmern und Verbrauchern. Sicher, der milde Winter hatte die Wirtschaftsleistung um rund 0,3 Prozentpunkte künstlich nach oben gehievt. Daher hatten Experten mit einer Gegenbewegung gerechnet. Die aber fiel nun heftiger aus als erwartet.

Die Börse hatte die schlechten Konjunkturdaten bereits vorweggenommen. In den vergangenen sechs Wochen verlor der Dax in der Spitze 1000 Punkte, der Euro verbilligte sich seit Anfang Mai um rund vier Prozent auf nunmehr 1,33 Dollar. Die Angst vor einem Konjunkturcrash hat die Investoren in vermeintlich sichere Staatsanleihen getrieben. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen purzelte am Donnerstag vergangener Woche unter die Marke von 1,0 Prozent – ein neues Allzeittief.

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