Konjunktur: Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist in Gefahr

kolumneKonjunktur: Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist in Gefahr

Kolumne

Demographischer Wandel, Digitalisierung, Effizienssteigerung - die deutsche Wirtschaft hat sich verändert. Europas größte Volkswirtschaft muss aufpassen, dass sie ihren wirtschaftliche Erfolg in Zukunft nicht gefährdet.

Noch ist die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark. Vor allem im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten sind wir bislang sehr gut aufgestellt. Doch auf uns lauern einige Gefahren. Beispielsweise investiert Deutschland seit Jahren viel zu wenig in den Bereich Bildung und Forschung. Ein weiteres Problem ist das zu geringe Produktivitätswachstum und damit die Gefahr überproportional steigender Produktionskosten. Und schließlich ist der zu schwache private Konsum eine Gefahr für die Zukunft der deutschen Wirtschaftskraft.

Die deutsche Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren langsam verändert. Anfang der Neunzigerjahre betrug der Anteil der Dienstleistungen an der Wirtschaftsleistung rund 62 Prozent und der des produzierenden Gewerbes zusammen mit dem Baugewerbe lag bei 37 Prozent. Seitdem hat sich die Wirtschaft immer mehr hin zum Dienstleistungssektor entwickelt. Von den rund 2900 Milliarden Euro an Waren und Dienstleistungen, die im Jahr 2014 produziert wurden, waren bereits 69 Prozent Dienstleistungen und nur noch 31 Prozent Industriegüter und Bauleistungen.

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Diese strukturelle Veränderung vollzog sich jedoch vor allem in den Neunzigerjahren. Seit 2000 hat sich die Zusammensetzung der Wirtschaft in Bezug auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche nur noch geringfügig geändert.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse


Diese Veränderungen der Neunzigerjahre haben Auswirkungen auf die Produktivität und damit auch auf das zukünftige Wirtschaftswachstum. Kapitalintensivere Bereiche wie das produzierende Gewerbe können in der Regel durch eine höhere Effizienz der eingesetzten Maschinen und Herstellungsprozesse leichter einen Produktivitätszuwachs pro Kopf erreichen, als dies im Dienstleistungsgewerbe möglich ist.

Verschiebung der Wirtschaftsleistung

Zwar haben die Verbreitung von Computern und schnellere Kommunikationsmöglichkeiten auch Produktivitätszuwächse im Dienstleistungssegment gebracht, jedoch sind hier dauerhafte hohe Produktivitätsgewinne schwieriger. Es besteht also die Gefahr, dass durch die Verschiebung der Wirtschaftsleistung vom produzierenden Gewerbe hin zu mehr Dienstleistungen das Wachstum früherer Jahre nicht mehr erreicht werden kann.

Die Stärken Deutschlands

  • Exportorientiert

    Deutschland ist zwar nicht mehr Exportweltmeister, liegt jedoch ganz vorne im internationalen Vergleich. Deutschland liegt an dritter Stelle, wenn es um den Export von Gütern, Dienstleistungen und Investitionen im Ausland geht. Deutsche Güter werden weltweit nachgefragt, so ist die Bundesrepublik wenig anfällig, wenn die Konsumlaune im Inland oder im europäischen Ausland nachlässt.

  • Schützend

    Wer in Deutschland etwas entwickelt, kann sich sicher sein, dass seine Eigentumsrechte per Gesetz gewahrt werden. Das beschert Deutschland den dritten Platz im Bereich Schutz des geistigen Eigentums, außerdem liegt die Bundesrepublik in Sachen Ausgaben für das Gesundheitssystem, Innovationsumfang und Grüne Technologie auf dem vierten Platz.

  • Effizient

    Deutschland gelingt es sehr effizient, seine Bürger und Unternehmen zu schützen. So punktet die Bundesrepublik mit der Inneren Sicherheit, mit dem Schutz des geistigen Eigentums - und mit einer effizienten Kontrolle der Kapitalmärkte. In allen drei Kategorien belegt die Bundesrepublik den 5. Rang.

  • Ausbildend

    In Sachen Produktivität und Effizienz liegt Deutschland im internationalen Vergleich ganz vorne. In den Bereichen Ausbildung, kleine und mittlere Unternehmen, Fortbildung der Mitarbeiter und Produktivität der Mitarbeiter liegt die Bundesrepublik an der Spitze und belegt in den vier Kategorien den ersten Platz.

  • Ausgeglichen

    Die deutsche Wirtschaft ist breit gefächert. Ob Autos, Technologie oder Dienstleistungssektor, hierzulande sind viele verschiedene Industrien angesiedelt. Das erhöht zum einen die Attraktivität des Landes, zum anderen senkt es aber auch die Gefahr, dass Deutschland aufgrund Probleme einer einzelnen Industrie selbst in Schwierigkeiten gerät. Mit seiner breiten Aufstellung in unterschiedlichen Branchen liegt Deutschland international auf Rang 2.


Eine internationale Vergleichsstudie der OECD über die Wachstumsbeiträge der verschiedenen Wirtschaftssektoren zeigt, dass in den letzten Jahren die realen Produktivitätsgewinne (also pro gearbeitete Stunde) im Dienstleistungsbereich niedriger ausfielen als im produzierenden Gewerbe. Deutschland konnte seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 sogar weder im Dienstleistungssektor noch im industriellen Bereich nennenswerte Produktivitätszuwächse mehr verzeichnen. Vergleicht man dieses Ergebnis mit anderen Eurostaaten, bildet Deutschland zusammen mit Italien, Finnland und Luxemburg die Schlussgruppe.

Dagegen konnten Reform-Staaten wie Spanien, Portugal und Irland wieder zu ihren Vorkrisenniveaus aufschließen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Deutschland in den vergangenen Jahren vor allem von den Verbesserungen durch die Agenda 2010 profitiert hat. Daher muss Europas größte Volkswirtschaft auch aufpassen, dass sie nicht allzu viel „Speck“ ansetzt, um diesen wirtschaftliche Erfolg in Zukunft nicht zu gefährden.

Wirtschaftsstandort Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit

Deutschland hat sich auf den Reformen der Vorjahre ausgeruht. Stück für Stück verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit. Mittelfristig wird Deutschland an Wachstumsdynamik verlieren, wenn nicht gegengesteuert wird.

Schiffe im Hamburger Hafen Quelle: dpa


Um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft sicherzustellen, ist hierzulande die Investition in „Human-Kapital“, also Bildung und Forschung, zwingende Voraussetzung. Hier zeigen Studien der OECD, dass Deutschland im internationalen Vergleich noch erhebliches Aufholpotential hat. Entsprechend einer Studie aus dem Jahr 2012 erreichen nur 20 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern (OECD-Durchschnitt beträgt 37 Prozent), während 22 Prozent der jungen Erwachsenen ihre Ausbildung mit einem niedrigeren Bildungsabschluss als ihre Eltern beenden. Das ist mehr als der OECD-Durchschnitt von 13 Prozent.

Die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildung belaufen sich laut dieser Studie in Deutschland auf 5,3 Prozent des BIP. Dies entspricht zwar einem leichten Anstieg gegenüber dem Niveau von 2005, ist aber immer noch deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt von 6,2 Prozent. Auch der Anteil der Bildungsausgaben an den öffentlichen Ausgaben insgesamt liegt mit 10,5 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt von 13,0 Prozent.

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