Korruptionsvorwürfe: FIFA stellt Blatter und Platini ins Abseits

KommentarKorruptionsvorwürfe: FIFA stellt Blatter und Platini ins Abseits

von Jürgen Salz

Die gute Nachricht: Der Weltfußballverband ist mal selber aktiv geworden. Die Ethikkommission der FIFA suspendierte heute ihren Präsidenten Sepp Blatter sowie Michel Platini, Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa.

Es hat ja lange gedauert: Nachdem die US-Justizbehörden vor einigen Monaten FIFA-Funktionäre verhafteten, die Schweizer Bundesanwaltschaft vor wenigen Tagen ein Strafverfahren gegen Blatter wegen des Verdachts der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ einleitete, sich nun auch der Großteil der Sponsoren wie Coca Cola oder McDonalds vom Weltfußballverband abwendet – da setzt nun endlich die Ethikkommission der FIFA mal selbst ein Zeichen. Blatter und Platini sind für die nächsten 90 Tage von der Teilnahme an allen nationalen und internationalen Fußballaktivitäten ausgeschlossen. Beide sollen gegen den FIFA-Ethikcode verstoßen haben. Dabei geht es vor allem um eine dubiose FIFA-Zahlung an Platini in Höhe von zwei Millionen Schweizer Franken aus dem Jahre 2011 – angeblich für Beratertätigkeiten. Nach der Suspendierung kann der Franzose Platini seine Chancen, Blatter als Präsident zu beerben, fast vergessen.

FIFA-Skandale unter Sepp Blatter

  • Präsidentschaftswahl 1998

    Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

  • ISL-Skandal (1)

    Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

  • ISL-Skandal (2)

    Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

  • WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

    Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

  • WM-Vergabe (2)

    Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

  • Präsidentschaftswahl 2011 (1)

    Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

  • Präsidentschaftswahl 2011 (2)

    Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

  • WM-Tickets (1)

    Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

  • WM-Tickets (2)

    Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

  • WM-Tickets (3)

    2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Blatters Amtszeit wäre ohnehin am 26. Februar abgelaufen. Vizepräsident Isaac Hayatou, dem selbst korruptes Verhalten nachgesagt wird, übernimmt nun Blatters Amtsgeschäfte. Blatter selbst sieht sich freilich als verfolgte Unschuld. In einem Interview mit der „Bunten“, das vor der Suspendierung geführt wurde, barmt er: „Man verurteilt mich vor, ohne Beweise für irgendein Fehlverhalten meinerseits. Eigentlich ist das ungeheuerlich.“ Womöglich glaubt Blatter das ja selbst – und lebt längst in seiner eigenen Welt.

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Die Fakten zum FIFA-Skandal

  • Die Vorwürfe

    Mehr als zehn Personen werden im neuen Fußball-Skandal um den Weltverband FIFA vom US-Justizministerium beschuldigt. Ihnen wird unter anderem organisiertes Verbrechen, Überweisungsbetrug und verschwörerische Geldwäsche und die Teilnahme an Korruption im internationalen Fußball zur Selbstbereicherung zur Last gelegt.

  • Die Ermittlerin

    Loretta E. Lynch steht schon seit ihrer Zeit als New Yorker Staatsanwältin an der Spitze der Ermittlungen in den USA gegen die verdächtigten FIFA-Mitglieder. Die 55-Jährige ist mittlerweile Justizministerin der Vereinigten Staaten. Sie hat den Posten erst im vergangenen Monat übernommen, war am 27. April vereidigt worden. Lynch, im November vergangenen Jahres von US-Präsident Barack Obama vorgeschlagen, ist die erste Afroamerikanerin in diesem Amt.

  • Die FIFA

    Die Fédération Internationale de Football Association - kurz FIFA - wurde 1904 in Paris gegründet. Mittlerweile ist die FIFA auf 209 Mitglieder aus sechs Kontinental-Konföderationen angewachsen. Größte Einnahmequelle ist die alle vier Jahre ausgerichtete Fußball-WM mit einem Umsatz von rund fünf Milliarden Dollar. Höchstes Gremium ist der jährliche Kongress, die Vollversammlung aller Mitgliedsverbände. Der Kongress wählt alle vier Jahre den Präsidenten. Künftig bestimmt der Kongress auch den WM-Gastgeber - eine Folge der Korruptionsvorwürfe rund um die WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022. Bislang war das Exekutivkomitee dafür verantwortlich. Es ist die sogenannte Regierung der FIFA.

Tatsache ist: Während seiner Amtszeit als FIFA-Präsident hat es so viele Bestechungsvorwürfe und -fälle um WM-Vergaben, Fernsehrechte oder Ticketverkäufe gegeben, dass der Präsident schon längst hätte die Verantwortung übernehmen müssen – und zwar unabhängig davon, ob er tatsächlich davon gewusst hat oder gar aktiv war. Auch VW-Chef Martin Winterkorn musste ja gehen – obwohl nicht nachgewiesen ist, dass er all die Jahre über die Diesel-Manipulationen seiner Ingenieure auf dem Laufenden war.

Weitere Artikel

Dass Blatter nun von einem FIFA-eigenen Gremium suspendiert wird, ist schon mal ein Fortschritt. Doch ansonsten darf bezweifelt werden, ob die Selbstreinigungskräfte des Weltfußballverbandes ausreichen.

Es wird Zeit, über einen Vorschlag des Sportwissenschaftlers Stefan Szymanski nachzudenken. Der Oxford-Absolvent, der Sportmarketing an der Universität Michigan lehrt und bereits die EU-Kommission und die Uefa beriet, fordert schon seit längerem eine Aufspaltung der FIFA. Einerseits in eine Organisation, die sich um wohltätige Zwecke und Sportförderung kümmert – eine Art „Uno“ des Weltfußballs. Anderseits in eine kommerzielle Organisation, eine gewinnorientierte Kapitalgesellschaft, die sich um die WM-Vergaben und den Rechteverkauf, etwa an TV-Sender, kümmert – und die ihren Aktionären Rechenschaft schuldig ist und die nach allen Regeln der Corporate Governance kontrolliert wird.

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