Kreditaffäre Wulff: Präsident gegen Pressefreiheit

KommentarKreditaffäre Wulff: Präsident gegen Pressefreiheit

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Bundespräsident Christian Wulff telefoniert (Archivbild).

von Henning Krumrey

Bundespräsident Wulff steht für Kontinuität über den Jahreswechsel hinweg. Denn trotz der neuen Zahl im Kalender geht es alles weiter wie Ende 2011. Die Medien graben, und sie werden fündig. Und über das Staatsoberhaupt werden immer neue Details bekannt, die sich kein Politiker leisten sollte – und ein Bundespräsident schon gar nicht.

Nicht nur, dass immer mehr Fragen sich zum Dumping-Kredit der BW-Bank für Bettina und Christian Wulff auftun – beispielsweise jene, warum die Nachbesserungen und nachträglichen Normalisierungen immer erst erfolgen, wenn die Journalisten auf der Fährte sind. Nun wurde publik, dass das Staatsoberhaupt mit Drohungen und Einschüchterungen versucht hat, die ursprüngliche Berichterstattung der Bild-Zeitung zu verhindern.

Er warnte – unverständlich, aber gut verstehbar – auf der Mailbox des Chefredakteurs Kai Diekmann vor dem „endgültigen Bruch“ zwischen ihm und der Bild-Zeitung, sollte diese die „unglaubliche Geschichte“ über die Wulff’sche Hausfinanzierung tatsächlich bringen.

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Wobei sich – rückblickend betrachtet – „unglaublich“ nicht auf den Wahrheitsgehalt bezogen haben muss, sondern im Sinne von „nicht zu fassen“ zu verstehen ist. Denn das Unglaubliche am Privatkredit der befreundeten Unternehmergattin ist ja gerade, dass alle recherchierten Ungereimtheiten tatsächlich stimmen: von den günstigen Konditionen bis zur Mitreisen des Gatten in Wulffs Wirtschaftsdelegationen.

Chronik der Kredit-Affäre

  • 25. Oktober 2008

    Christian Wulff erhält von Edith Geerkens, der Gattin des Unternehmers Egon Geerkens, einen privaten Kredit über 500.000 Euro. Wulff benötigt das Geld zum Kauf eines Hauses in Großburg-Wedel. Als Zinssatz werden vier Prozent vereinbart.

  • Dezember 2009

    Auf Anregung von Egon Geerkens nimmt Wulff Gespräche mit der BW-Bank auf.

  • Februar 2010

    Ministerpräsident Wulff verneint im niedersächsischen Landtag die Frage, ob er geschäftliche Beziehungen zum Unternehmer Egon Geerkens unterhalte.

  • 21. März 2010

    Wulffs Gespräche mit der BW-Bank führen am 21. März 2010 zur Unterzeichnung „eines kurzfristigen und rollierenden Geldmarktdarlehens mit günstigerem Zinssatz als zuvor“. Der Privatkredit von Geerkens wird damit abgelöst. Der Zinssatz der Stuttgarter BW-Bank variiert zwischen einem Prozent und zuletzt 2,1 Prozent.

  • Herbst 2010 bis Herbst 2011

    Mehrere Nachrichtenmagazine und Tageszeitungen stellen Recherchen zu Wulffs Hauskredit an.

  • 25. November 2011

    An diesem Tag wird ein neuer Zinssatz für das jüngste Darlehen des Bundespräsidenten bei der BW-Bank „fixiert“. Das sagt  Wulffs Anwalt Gernot Lehr gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Ein Banksprecher bestätigte auf Anfrage, dass am 25. November der neue Zinssatz schriftlich vereinbart wurde.

  • 12. Dezember 2011

    Wulff ist auf Staatsbesuch in der Golfregion. Von dort aus versucht er telefonisch Bild-Chefredakteur Kai Diekmann zu erreichen. Er hinterlässt eine Nachricht auf dessen Mailbox und droht mit dem „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag, sollte diese „unglaubliche“ Geschichte – gemeint ist der private Kredit von Unternehmer Geerkens -  im Blatt erscheinen.

  • 13. Dezember 2011

    Die Bild-Zeitung veröffentlicht einen Bericht über den Privatkredit Wulffs von Unternehmer Geerkens.

  • 15. Dezember 2011

    Wulff äußert sich in einer schriftlichen Erklärung zum Privatkredit von Geerkens. Er bedauert, den niedersächsischen Landtag nicht über den Kredit informiert zu haben. Weiter heißt es: „Inzwischen habe ich das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen festgeschrieben.“

    Nach Angaben der BW-Bank hatte Wulff den Vertrag, mit dem der kurzfristig refinanzierte Geldmarktkredit in ein langfristiges Darlehen geändert wurde, aber noch nicht unterzeichnet. Der Vertrag sei am 12. Dezember 2011 von der Bank unterschrieben an Wulff geschickt worden, teilte das Geldinstitut in Stuttgart mit.

  • 21. Dezember 2011

    Wulff unterzeichnet den Vertrag über das langfristige Darlehen der BW-Bank am 21. Dezember. Am 27. Dezember geht er bei der BW-Bank ein.

  • 22. Dezember 2011

    Wulff informiert die Presse. Er bedauere die Irritationen, vertritt aber die Position, er habe jedoch alle notwendigen Auskünfte erteilt.

  • 16. Januar 2012

    Die Laufzeit des langfristigen Darlehens bei BW-Bank beginnt. Zu Konditionen und zur Höhe der Kreditsumme machte das Institut mit Verweis auf das Bankgeheimnis keine Angaben. Der effektive Jahreszins soll – so wollen verschiedene Medien erfahren haben – bei 3,62 Prozent liegen.

Der Versuch, als Staatsoberhaupt missliebige Recherchen mit Druck und Drohung zu unterbinden, ist eine neue Qualität in Wulffs Umgang mit der Wahrheit. Nur zwei Quellen kommen für diese ebenso delikaten wie detaillierten Informationen in Frage: der entlassene Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker oder der Bild-Chefredakteur Diekmann selbst. Denn nur diese beiden können den Wortlaut des hitzigen Anrufs des Präsidenten kennen. Und beide Möglichkeiten sind für Wulff alles andere als komfortabel:

  • Wäre Glaeseker die Quelle, könnte sich der Präsident nicht mehr auf die Verschwiegenheit seines langjährigen Vertrauten und Medien-Steuermanns verlassen. Vielleicht, weil dieser sich für seine Entlassung rächen will? Schließlich bestehen immer noch Zweifel, ob Glaeseker freiwillig aus dem Dienst des Staatsoberhauptes schied.
  • Hätte Diekmann die Gesprächsfetzen elegant an die Kollegen anderer Medien weitergespielt, so wäre dies ein eindeutiges Signal an Wulff: Herr Präsident, Sie sind jetzt im Hause Springer zum Abschuss freigegeben. Eine Drohung, über die schon in den vergangenen Wochen mit Gerüchten über weitere Details aus dem Privatleben des Ehepaares Wulff spekuliert wurde.

Dass Wulff bei seinem Versuch, die Medien einzuschüchtern, auch noch Spuren hinterlässt, zeigt, dass hier Etliches fehlt: das Gespür für richtig und falsch; Cleverness; Nervenstärke. Als er noch als möglicher Kanzlerkandidat und Merkel-Nachfolger gehandelt wurde, hatte Wulff einst kokettiert, er eigne sich nicht als „Alphatier“. Das zumindest war wenigstens die Wahrheit.

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