Kritik aus Großbritannien: "Economist" attestiert Deutschland weltpolitische Faulheit

Kritik aus Großbritannien: "Economist" attestiert Deutschland weltpolitische Faulheit

Obama, Putin, Li Keqiang - internationale Regierungschefs geben sich derzeit in Berlin die Klinke in die Hand. Deutschland ist ein diplomatisches Schwergewicht geworden, doch das Magazin "The Economist" urteilt hart: Es fehlt an Reife und Strategieverständnis.

Erst vor zwei Wochen befasste sich das renommierte Wirtschaftsmagazin "Economist" mit Deutschland und titelte "Die zaudernde Macht". Das Cover zeigte einen Bundesadler, der einen Flügel abwehrend vor den Kopf hielt. In dem Artikel beschrieben die Redakteure Deutschlands Widerwillen, eine stärkere Führungsrolle zu übernehmen. Dass Deutschland die Rolle der dominierenden Wirtschaftsmacht in Europa habe, stehe außer Frage. Allerdings müsse die Bundesregierung aufhören, sich selbst zu blockieren, und diese Führungsrolle endlich annehmen. "Nachdem es Europa zweimal in den Krieg stürzte, glauben viele Deutsche, dass es die Pflicht ihres Landes sei, eine etwas größere Version der Schweiz zu sein: wirtschaftlich florierend, aber politisch bescheiden", klagte das Magazin. 

Zwei Wochen später legt der "Economist" nun nach. Der Artikel mit dem Titel "Der gelegentliche Führer" liest sich wie ein zweiter Teil, diesmal attestiert das Magazin der Bundesrepublik nun zusätzlich ein fehlendes Strategieverständnis auf der Weltbühne.

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Eurokrise Warum sie uns hassen

Die Wut auf Deutschland ist inakzeptabel. Verstehen kann und sollte man sie im eigenen Interesse dennoch – nicht ökonomisch, sondern historisch.

Ein Protestplakat in Nikosia schwingt die Nazi-Keule. Quelle: dpa

Obwohl sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade dieser Tage mit den weltpolitischen Schwergewichten in der Öffentlichkeit zeige  - Vladimir Putin, Barack Obama, der chinesische Premierminister Mai Li Keqiang - und all diese von der Bundesregierung angesichts der Stärke Deutschlands in der Eurokrise auch im politischen Weltgeschehen eine aktivere Rolle von Deutschland fordern, glaube der "Economist" nicht, dass das Land diese Forderung erfüllen werde.

Das Magazin begründet dies mit dem diplomatischen Verhalten in der Vergangenheit. So habe Deutschland sich beispielsweise 2011 im UN-Sicherheitsrat enthalten, als über das Eingreifen in den libyschen Bürgerkrieg abgestimmt werden sollte. Frankreich habe sich im Fall Mali im Stich gelassen gefühlt, als Deutschland als militärische Unterstützung lediglich ein paar Transportflugzeuge zur Verfügung stellte.

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Deutschlands Selbstzufriedenheit und Faulheit sei unreif und führe zu einem geopolitischen Vakuum mitten in Europa, zitiert der "Economist" Jan Techau, Direktor von Carnegie Europe, einem außenpolitischen Think Tank in Brüssel. Die Gründe dafür seien zahlreich: historische (in der Alliierten-Zeit war Außenpolitik vor allem durch die deutsch-deutsche Sonderrolle und dem Bestreben nach Wiedervereinigung sowie den Kalten Krieg definiert), personelle (außenpolitisches Fachwissen werde meist nicht als Karriereoption gesehen) und moralische (Techau beschreibt dies als das "Nachkriegs-Bedürfnis", nur moralisch einwandfrei zu handeln, was bei den meisten weltpolitischen Krisen eben schwierig sei). 

Am Ende des Artikels bilanziert der "Economist" trocken: Deutschland sei eher aus der Tradition heraus in die europäische Führungsrolle gerutscht. Auf der großen Weltbühne werde Deutschland allerdings auch in Zukunft vor allem durch Abwesenheit auffallen. Unabhängig von der personellen Führungsriege.

Ein hartes, treffendes Urteil der britischen Kollegen.

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