Landtagswahl: Grüne Wirtschaftsmacht oder alles beim Alten?

KommentarLandtagswahl: Grüne Wirtschaftsmacht oder alles beim Alten?

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Winfried Kretschmann, Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl, könnte neuer Ministerpräsident im wirtschaftlich geprägten Baden-Württemberg werden.

von Andreas Wildhagen

Baden-Württemberg ist ein Land der Mittelständler. Solche Leute sind Meister in der Anpassung an widrige Verhältnisse. Kuschelbedarf mit der Landespolitik haben sie nicht. Sie sind eher an Welt -, Währungs- und Sicherheitsfragen interessiert, weil sie in alle Herren Länder exportieren. Ob grüner oder schwarzer Ministerpräsident, das ist bisher noch offen, die bisherige Landespolitik ist bei ihnen unglaubwürdig geworden.

"Das Universium ist unendlich. Die Dummheit der Menschheit ist grenzenlos. Die Volksparteien haben in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren vieles versäumt…", so gibt mit dem Unterton der Empörung ein waschechter Mittelständler fünf Minuten nach der ersten Hochrechnung im Land Baden-Württemberg seinen ersten emotionalen Stoßseufzer ab. Um fünf nach sechs Uhr, sein Fernseher läuft erst seit zehn Minuten, ruft Markus Rudolph, Inhaber eines Logistikunternehmens am Stuttgarter Flughafen in der Redaktion der WirtschaftsWoche an und macht seinem Unmut mit jenem Kommentar Luft - ein Statement, das angelehnt ist an ein altes Zitat von Albert Einstein. Wenige Minuten später laufen die Telefone in der Wiwo-Redaktion in Düsseldorf heiß. Es werden eine Fülle weiterer Kommentare von vielen baden-württembergischen Unternehmern angkündigt, die in ihren Wohnzimmern vor der flimmernden Kiste zum Hörer greifen, dann mündlich oder später über Mail oder per SMS eine erste Einschätzung geben. Die meisten dieser Statements von gestandenen baden-württembergischen Mittelständlern sind ausgewogen. Es sind nachdenkliche Bemerkungen darunter: "Wir haben keine Erfahrungen mit so einem Wahlergebnis", sagt einer. Und: "Die wahren Gefahren gehen nicht von diesem Wahlergebnis aus sondern von einer Währungskrise in Europa."

Unternehmer verstanden Mappus nicht mehr

Wie sieht das Verhältnis zwischen mittelständischem Wagemut und politischer Verirrung im Land aus? Sollte es der Grüne Winfried Kretschmann tatsächlich schaffen, neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden, wird die Riege der Cleverles umdenken müssen. Doch das ist offen. Das komplizierte Wahlsystem kann Schwarz-Gelb doch noch im Amt belassen. Es wird für alle Beteiligten, egal welcher Coleur, also zur Zitterpartie.

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Stefan Mappus war zum Schluß kein Liebling mehr der Unternehmer im leistungsstärksten Bundesland Deutschlands. Obwohl ein CDU-Mann mit landestypisch konservativer Ausrichtung, traf Mappus nicht mehr den Ton der knorrigen, selbstbewussten Unternehmergilde. Erst für Atomkraftwerke und vehement für Laufzeitverlängerung. Okay, das traf, wenn auch nicht auf Liebe, so doch auf Verständnis der Mittelständler. Man muss technologisch führend sein, und allein mit Gaskraftwerken, die nur den Strombedarf in den Bedarfsspitzen decken können, ist keine Energie in das Land ohne Küsten zu holen. Und Windräder können dies erst recht nicht. Das war allgemeine Meinung im Ländle. Also war der Pro-Kernkraftkurs von Mappus gelitten, er entsprach alter CDU-Wirtschaftspolitik.

Dann der plötzliche Dreh von Mappus über Nacht zum unglaubwürdigen Atomskeptiker. Und schließlich monieren viele Mittelständler, dass der Noch-Ministerpräsident am Wahltag in der "Bild am Sonntag" wieder einen Rückzieher vom Rückzieher machte. Er plädierte plötzlich grundsätzlich wieder für Atomkraft als "Brückentechnologie". Verstanden haben das die wenigsten. Wie immer man zur Kernkraft stehen mag: Als klare Kante, klaren Kurs, auf den man in der baden-württembergischen Wirtschaft soviel Wert legt, konnte das nicht mehr interpretiert werden.

Da Mittelständler, wie sie in Baden-Württemberg anzutreffen sind, mit Exportquoten von 90 bis 98 Prozent nicht so sehr an der Landespolitik, sondern an der Weltpolitik und mehr an Währungs- und Stabilitätsfragen interessiert sind, ist der Kuschelbedarf der Selfmade-Unternehmer der Politik sowieso eher gering. Hier und da einen Trollinger bei einem persönlichen Gespräch mit dem CDU-Landesvater Erwin Teufel vor Jahrzehnten - da ging man gerne hin. Auch ein Platz am Kamin des Lothar Späth war willkommen. Ansonsten widmen sich die Unternehmer in Baden-Württemberg ihrem Unternehmen.

Knabbern an der Krise

Unter der Ägide Mappus war das Erfolg gewohnte Land aber auch nicht mehr was es war. Das lag am Krisenjahr 2009, aus dem sich das Land bisher noch nicht befreit hat. Zuletzt freute man sich über eine Wachstumsrate von 4,7 Prozent und eine Arbeitslosenquote von 4,5 Prozent, und das sind 0,1 Prozent weniger als in Bayern. Das leistungsstarke Nachbarland wurde immer mehr zum großen Wirschaftsbruder, an dem man sich mit Ach und Krach messen lassen musste. Der Wirstchaftsminister sagte daher kürzlich schon etwas für baden-württembergische Verhältnisse sehr melancholisches: "Jeder Tag, an dem Baden-Württemberg besser ist als Bayern, ist ein guter Tag."

Und jetzt kommt dieser "Kretsch", wie er bei den Clerveles jetzt schon heißt. Das klingt nicht ganz freundlich. Aber einen Spitznamen zu haben im Land der hocheffizienten Politikskeptiker ist auch schon mal was. Bisher kann man von Kretschmann sagen, er sei auch äußerlich der Mittelständler an sich. In seiner eigenen Partei, den Grünen, bisher eher eine Randerscheinung in Auftreten und Habitus, kann der katholische Ex-Gymnasiallehrer dann als möglicher Ministerpräsident für Sympathien im Mittelstand werben. Ein grüner Ministerpräsident? Abwarten, sagt ein Mittelständler, der diesmal nicht genannt werden will. "Zumindet sieht er wie ein CDU-Mann aus".

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