Lieferboykott: Machtkampf um die Milch

Lieferboykott: Machtkampf um die Milch

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Protest: Milchbauern demonstrieren vor der Molkerei Breisgau-Milch in Freiburg

Fast eine Woche nach Beginn des Lieferboykotts der Milchbauern bekommen auch Verbraucher und Einzelhandel erste Folgen zu spüren.

Zwar versucht die Milchindustrie nach Angaben des Milchviehhalterverbandes, die deutschen Lieferstopps mit Importen aus europäischen Nachbarländern zu umgehen. Weil dort aber ebenfalls die Bauern streiken, sind einige Milchmärkte in der EU bereits jetzt wie leer gefegt.

„Punktuell kann es sein, dass es wegen der Molkereiblockaden zu einem verringerten Angebot in den Supermärkten kommt“, formuliert vorsichtig ein Sprecher der Lebensmittelkette Edeka.

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Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sagt dagegen: In ländlichen Regionen werde die Milch nach Berichten von Mitgliedern bereits rationiert. Die Industrie versuche deshalb offenbar, Milch von sehr weit her nach Deutschland zu karren - Gerüchten zufolge aus Ländern wie Polen und der Slowakei. „Es scheint wirklich erste Lücken zu geben“, betont BDM-Sprecherin Jutta Weiß.

Der Milchindustrie-Verband (MIV) betont dagegen, mit Ausnahme Tschechiens werde keine Milch aus Osteuropa importiert, um den deutschen Boykott zu unterlaufen, sagt MIV-Hauptgeschäftsführer Eberhard Hetzner. Aus Westeuropa käme höchstens aus dem französischen Grenzgebiet Milch nach Deutschland. Wegen der Molkereiblockaden der Bauern sei die Milchverarbeitung ohnehin unterbrochen: „Die Fahrzeuge können nicht mehr fahren. In vielen Betrieben bewegt sich nichts mehr“, klagt Hetzner. Wenn es so weiter gehe, werde der Boykott in wenigen Tagen deutlich spürbar.

Milchmärkte in Nachbarländern leergekauft

Auf den Märkten von Milchproduzenten wie Italien, Österreich, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz ist es nach Angaben der europäischen Vereinigung der nationalen Milcherzeugerverbände (EMB) bereits fast unmöglich, Milch für den deutschen Handel zu bekommen. Wegen solidarischer Lieferboykotte sei die Milch dort so knapp, dass kaum Überschüsse für den Export vorhanden seien, berichtet EMB-Sprecherin Sonja Korspeter.

Der Rückgriff auf EU-Importe sei deshalb inzwischen komplizierter, als die deutsche Milchindustrie dies darstelle. Vorübergehend könne der Boykott der Viehhalter teils noch mit H-Milch-Vorräten ausgeglichen werden, räumt der europäische Verband ein. Zudem werde normalerweise nur etwa ein Viertel aller Milchlieferungen als Frischmilch verkauft - drei Viertel würden zu Joghurt, Käse und anderen Milchprodukten verarbeitet.

Eine Umverteilung von Lieferungen zugunsten der Frischmilchproduktion könne deshalb eine Verknappung zum Teil ausgleichen. Weil sich Joghurt und Käse deutlich länger halten als Frischmilch und die Vorräte größer sind, schlägt eine solche Umverteilung laut EMB kurzfristig kaum auf das Marktangebot durch.

Die Molkereien haben sich nach Einschätzung der Milchviehhalter zudem wohl mit Vorratskäufen aus Holland und Belgien frühzeitig auf den Boykott vorbereitet. „Die Milchindustrie hat offenbar im Vorfeld umfangreich eingekauft“, sagt BDM-Sprecherin Weiß.

Eine Angst vor flächendeckenden Lieferproblemen hält deshalb auch Edeka für unbegründet. Die Metro-Gruppe, zu der die Lebensmittelabteilungen bei Kaufhof und der Discounter Real gehören, sieht nach eigener Aussage bislang überhaupt keine Engpässe. „Und wenn das Angebot knapp werden würde, ist der Handel so flexibel, dass er sich anderweitig im Ausland orientiert“, erklärt ein Sprecher.

Welche Länder bei einem länger dauernden Boykott neben ihrem eigenen Bedarf auch den Milchkonsum Deutschlands bedienen könnten, wollte er nicht sagen.

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