Manfred Güllner im Interview: „Garant für den Misserfolg“

Manfred Güllner im Interview: „Garant für den Misserfolg“

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Forsa-Chef Manfred Güllner

Forsa-Chef Manfred Güllner über mögliche Koalitionen, miese Kandidaten und die selbstverschuldeten Verluste der Union und der SPD.

WirtschaftsWoche: Herr Güllner, die SPD öffnet sich nach links, die CDU zu den Grünen. Welche Öffnung verspricht mehr Erfolg?

Güllner: Der SPD bringt die Öffnung nach links überhaupt nichts. Im Gegenteil: Der Linksrutsch schadet der Partei. Seit der Abkehr von der Agenda 2010 auf dem Hamburger Parteitag verlieren die Sozialdemokraten bei Landtagswahlen mehr als bei den sechs Landtagswahlen zuvor. Die SPD befindet sich im Abwärtstrend, stärkt dabei die Linke und spielt andererseits in das Lager der bürgerlichen Parteien.

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Hat die CDU mit den Grünen bessere Karten?

Anders als bei der SPD ist das keine inhaltliche Öffnung, sondern eher eine Koalitionsfrage, reine Arithmetik – und das noch in einer Großstadt. Die Grünen kommen ursprünglich aus dem bürgerlichen Lager, sie sind nicht, wie oft vermutet, aus dem Fleisch der SPD geschnitten. Das sind heimgekehrte Bürgersöhnchen – Joschka Fischer ist das beste Beispiel dafür. Fischer genoss auch bis weit ins bürgerliche Lager immer hohe Sympathiewerte – noch nicht einmal die Prügeleien seiner Jugend haben ihm geschadet. Die Grünen von damals sind 20 Jahre älter, viele haben in der Gesellschaft individuell Karriere gemacht – nur ihre Grundbefindlichkeit bleibt gleich. In Umfragen geben sie an, links zu sein – egal, wie bürgerlich sie selbst leben. Schwarz-Grün in Hamburg wäre quasi eine Wiedervereinigung. Aber eine inhaltliche Öffnung wäre auch für die CDU strategisch falsch.

Warum?

Die Volksparteien müssen ein breites Spektrum abdecken, um Interessen einer großen Wählerschaft in sich zu vereinen. Genau das gelingt ihnen nicht. Die Bindungskraft der Volksparteien lässt nach – und zwar kontinuierlich. Sie verlieren ihre Wähler vor allem an die wachsende Gruppe der Nichtwähler.

Können Volksparteien alle Gruppen gleichzeitig ansprechen – obwohl sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert?

Ich sehe nicht, dass die Gesellschaft in zahlreiche Milieus zerfällt. Die Parteien fallen da auf Marketingstrategen rein und ruhen sich auf Fehleinschätzungen aus. Die Volksparteien beten jede Torheit nach, verlieren den Kontakt zur Realität – und kämpfen nicht um die noch immer breite Mitte. Für die Klientelparteien sieht die Lage anders aus, da sie nur bestimmte Gruppen ansprechen. Für die FDP sind das die leitenden Angestellten, der klassische Mittelstand, Selbstständige und Freiberufler – die Besserverdienenden eben. Die Grünen dagegen bedienen eine Wertegemeinschaft, sie sind für urbane Postmaterialisten attraktiv. Die Linke, das sind im Osten die Verlierer der Einheit.

Deutschland erlebt einen gefühlten Linksrutsch. Lässt er sich demoskopisch erhärten?

Nein, nach den Daten gibt es keinen Linksrutsch. Die Leute bezeichnen sich zwar selbst in Umfragen als links – und zwar 45 Prozent im Osten und 30 Prozent im Westen. Das zeigt eine Befindlichkeit, sagt aber nicht, dass sie auch links wählen. Oft wird ins Feld geführt, dass 80 Prozent der Bürger für den Mindestlohn sind. Aber auch das ist kein Indikator für den Linksrutsch, sondern ein Zeichen dafür, dass die Menschen noch eine soziale Ader haben – übrigens auch viele in der Union.

Und was sagen die Wahlergebnisse?

Da kann von einem Linksrutsch erst recht keine Rede sein. Zwischen 1998 und 2005 ist das linke Lager deutlich schwächer geworden, während das bürgerliche Lager fast gleichgeblieben ist. Nach 2005 haben SPD, Grüne und die Linke insgesamt knapp vier Millionen Stimmen verloren – das sind 34 Prozent weniger. Im bürgerlichen Lager ging es zwar auch bergab, aber nur um 22 Prozent. Beide Lager verlieren also – aber das linke verliert mehr.

Kurt Beck hat versucht, die SPD aus ihrer Selbstgefangenschaft zu befreien. Warum klappt das nicht?

Die Abkehr vom Modernisierungskurs Schröders vergrault die Wähler der Mitte, die diese Politik wollten. Die Leute haben bei der letzten Bundestagswahl nicht Schröder abgewählt, sondern die Partei, die nicht hinter ihm stand. Das zweite Problem ist die Person Beck. Seine Umfragewerte sind im Keller, nur noch 13 Prozent wollen ihn als Kanzler sehen. Und nur ein Viertel der eigenen Parteifreunde steht zu ihm. Beck muss weg – als Kanzlerkandidat wäre er ein Garant für Misserfolg.

Wer könnte bei der nächsten Bundestagswahl für die SPD das Ruder rumreißen?

Als Kanzlerkandidat bleibt nur Frank-Walter Steinmeier. Doch ein Garant für Erfolg ist auch er nicht. Steinmeier würde sicher besser abschneiden als Beck und könnte verlorenes Vertrauen wiedergewinnen. Wenn Beck schlau wäre, könnte er als Parteichef im Hintergrund stehen und Steinmeier den Rücken freihalten.

Welches Dreierbündnis ist 2009 wahrscheinlich – Ampel oder Jamaika?

Beides wird schwierig. Denn die Anhänger von FDP und Grünen passen einfach nicht zusammen. Nicht nur, dass im politischen Spektrum sich die einen rechts und die anderen links einsortieren. Auch die Inhalte sprechen dagegen. Beispiel Energiepolitik: Die einen sind für Atomkraft, die anderen strikt dagegen. Das wahrscheinlichste nach 2009 ist nach wie vor eine große Koalition.

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