Martin Kannegiesser im Interview: "Gleich in die Vollen"

Martin Kannegiesser im Interview: "Gleich in die Vollen"

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Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser über die Lage der Metallindustrie, die Risiken der kommenden Tarifrunde – und die Personalprobleme seines Verbandes.

WirtschaftsWoche: Herr Kannegiesser, Sie führen ein eigenes Unternehmen, werden im November 67 Jahre alt und machen den Job bei Gesamtmetall seit fast acht Jahren. Warum wollen Sie beim Verband noch mal zwei Jahre dranhängen?

Martin Kannegiesser: Weil die Nachfolge in einem Verband ebenso schwierig zu organisieren ist wie in einem Unternehmen.

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Warum? Gibt es keine geeigneten Kandidaten?

Doch. Sogar eine ganze Reihe. Aber diese Kollegen stehen aus verschiedenen Gründen nicht – oder noch nicht – zur Verfügung. Es ist ja auch nicht einfach, als aktiver Unternehmer gleichzeitig einen Verband zu führen. In jedem Fall aber wird die nächste Amtszeit auch meine letzte sein – das wissen meine Kollegen in den Führungsgremien.

Sie kandidieren in einer volkswirtschaftlich kritischen Phase: Die USA taumeln am Rande der Rezession, der Euro steigt, die Inflation schießt nach oben. Wie lange hält die exportabhängige Metall- und Elektroindustrie dem noch stand?

2008 wird nach derzeitigem Stand ein gutes Jahr. Die Auftragsbücher sind immer noch ordentlich gefüllt. Wir rechnen daher in diesem Jahr mit einem Produktionswachstum von mindestens fünf Prozent. Das ist deutlich weniger als die fast zehn Prozent im Vorjahr, aber immer noch ein ansehnliches Ergebnis. 2009 allerdings droht ein konjunktureller Wendepunkt. Viele Unternehmen stellen sich auf Szenarien ein, in denen der Absatz um 10 bis 20 Prozent wegbrechen könnte. Dass wir die negative Begleitmusik wie Finanzmarktkrise und ungünstige Wechselkurse bisher scheinbar unbeeindruckt wegstecken, wird vielen unheimlich. Das ist wie bei einem bevorstehenden Unwetter: Man spürt, dass etwas Bedrohliches kommt. Man weiß nur nicht genau, was und wann.

Wie gefährlich ist die Inflation für die Branche?

Das ist ein Riesenproblem! Anders als die Gewerkschaften glauben, können wir steigende Energie- oder Materialkosten nicht voll auf die Endpreise überwälzen, dazu ist der weltweite Wettbewerb viel zu hart. Das drückt die Gewinnmarge. Die Gewinne sind in den vergangenen drei Jahren zwar kontinuierlich gestiegen, die Umsatzrendite dürfte sich 2008 etwas über dem Vorjahr von damals gut 3,5 Prozent bewegen. Doch das liegt nicht an höheren Preisen, sondern an Skaleneffekten, also den sinkenden Stückkosten durch steigende Produktionsmengen. Im Übrigen haben steigende Ölpreise nichts mit klassischer Inflation zu tun, sondern bedeuten Abfluss von Kaufkraft ins Ausland, die wir nicht aus den Betrieben pressen können.

Gleichwohl dürfte die IG Metall die gute Gewinnlage zum Anlass nehmen, saftige Lohnforderungen zu stellen, wenn Ende Oktober der Tarifvertrag ausläuft.

Ja, die Gefahr besteht. Die Tarifrunde wird aber auch deshalb schwierig, weil der Zeitgeist den Gewerkschaften in die Hände zu spielen scheint. Wir erleben nicht nur eine Renaissance der Umverteilungsideologie, sondern auch eine ständige Einmischung der Politik in Tariffragen. Jene Politiker, die höhere Löhne fordern, sollten lieber dafür sorgen, dass die Schere zwischen Brutto- und Nettoeinkommen geringer wird. In der Metall- und Elektroindustrie gibt es keine Reallohnverluste, hier sind die Einkommen seit Jahren real gestiegen. Man darf unsere Industrie aber tarifpolitisch nicht überfordern – wir sind derzeit zwar Speerspitze der deutschen Wirtschaft, aber wegen unserer extremen Weltmarktabhängigkeit keinesfalls Projektionsfläche für die Sehnsüchte deutscher Sozialpolitiker.

Welche Lohnerhöhung bieten Sie denn an?

Dafür ist es noch viel zu früh. Wir werden wieder an die Grenze dessen gehen, was möglich und ökonomisch vertretbar ist. Wobei der IG Metall klar sein muss, dass sie mit uns einen Flächentarif für rund 4000 Unternehmen verhandelt. Sie kann ihre Forderung nicht an der Geschäftslage von Spitzenreitern orientieren – und auch nicht an Vergangenheitswerten.

Darf die Inflationsrate eingerechnet werden?

Nein. Die Betriebe leiden selbst unter den hohen Rohstoff- und Energiekosten! Leitlinie der Lohnpolitik muss das Produktivitätswachstum sein. Allerdings bin ich Realist genug, um zu wissen: Unsere Mitarbeiter erwarten einen Inflationsausgleich.

Wie ist der Zeitplan für die Tarifrunde?

Es gibt nach Ablauf des Vertrags nicht die übliche vierwöchige Friedenspflicht, sondern es geht gleich in die Vollen. Ab November könnte die IG Metall theoretisch streiken. Sie hat die 19-monatige Laufzeit des Vertrages nur akzeptiert, weil sich so eine mögliche Mobilisierungsphase nicht mit der Weihnachtszeit überschneidet.

2008 läuft auch der so genannte Pforzheim-Vertrag aus, der den Betrieben mehr Flexibilität bei Löhnen und Arbeitszeit gewährt, wenn sie im Gegenzug Jobs oder Investitionen zusichern. Wird dieses Pilotprojekt verlängert?

Mehr noch. Wir wollen beide die Möglichkeit zu maßgeschneiderten Tariflösungen als einen konstitutiven Teil des Systems. Mittlerweile gibt es bereits für rund 1000 Unternehmen vom Flächentarif abweichende Sonderregeln. Wir sind mitten in den Gesprächen mit der IG Metall. Ich gehe davon aus, dass wir uns bald einigen.

Hat sich das Verhältnis zur IG Metall verbessert, seit dort Berthold Huber am Ruder ist?

Wir arbeiten trotz aller Gegensätze professionell zusammen. Die IG Metall hat sich nach innen stabilisiert, ihre Mitgliederverluste gehen zurück. Das finde ich gut.

Wie bitte? Das sagt ein Arbeitgebervertreter?

Verbände brauchen gestaltungsfähige Partner. Eine Tariforganisation, die nichts durchsetzen kann, führt letztlich dazu, dass der Ruf nach dem Staat lauter wird. Kein Unternehmer kann daher etwas gegen stabile Gewerkschaften haben. Kritisch sehe ich es nur, wenn sie ihre Macht missbrauchen oder auf einem völlig anderen ordnungspolitischen Fundament als der sozialen Marktwirtschaft stehen würden.

Weniger Harmonie gibt es bei den aktuellen Verhandlungen über die Altersteilzeit. Eigentlich soll dazu bis Ende Juni ein Tarifvertrag vorliegen, die IG Metall hat mit Warnstreiks begonnen. Wie stehen die Chancen?

Ende Juni wird eng, weil wir aufgrund der politischen Unklarheiten erst verspätet mit den Verhandlungen beginnen konnten. Wir gehen von der bestehenden gesetzlichen Lage aus, und falls diese sich doch noch ändern sollte, müssen beide Seiten entsprechende Vorbehalte einbauen.

Nach derzeitigem Stand entfällt ab 2010 der Zuschuss der Bundesagentur für Arbeit für Betriebe, die Arbeitnehmer in Altersteilzeit schicken und dafür Jüngere einstellen. Die SPD will das Modell um sechs Jahre verlängern. Wären die Tarifpartner dann aus dem Schneider?

Nein. Wir dürfen den demografischen Wandel nicht ignorieren und die Lösung des Problems nicht verschleppen. Natürlich weist niemand einen Zuschuss gerne zurück. Wenn man es den Beteiligten aber zu leicht macht, ändert sich nichts an der Mentalität – auf beiden Seiten. Über das Kernprinzip sind wir uns mit der IG Metall einig: Wir müssen aufhören, Ältere aus dem Arbeitsmarkt herauszudrängen. Wir brauchen trotzdem flexible Übergänge zwischen Arbeitsleben und Rente.

Das kostet Geld.

Ja, klar. Ich habe das für mein Unternehmen mal ausrechnen lassen. Wenn ein durchschnittlich verdienender Mitarbeiter sechs Jahre Altersteilzeit macht – also drei Jahre arbeitet und drei Jahre freigestellt wird – und ich die Stelle neu besetze, kostet das nach dem Wegfall der Zuschüsse insgesamt 53.000 Euro.

Was schlagen Sie also vor?

Wer kerngesund in Frührente gehen will, soll das bitte selbst bezahlen. Wer aber im Arbeitsleben besonders belastet war und nicht mehr kann, soll weiterhin ein Recht haben, früher in Rente zu gehen. Wir müssen einen neuen Finanzierungsmix finden, die Lasten können nicht allein den Betrieben aufgebürdet werden.

Könnte ein Teil der kommenden Tariferhöhungen in einen Topf für die Altersteilzeit fließen?

Manches ist denkbar – was wir in den nächsten Wochen zunächst stellvertretend für alle in Baden-Württemberg verhandeln.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Zeitarbeit. Mit einer bundesweiten Kampagne versucht die IG Metall, eine gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft durchzusetzen. Lassen sich die Arbeitgeber weichkochen?

Nein. Die Zeitarbeit ist in den vergangenen beiden Jahren das dynamischste Element auf dem Arbeitsmarkt gewesen. Ich gestehe zu, dass die Lohndifferenzen bisweilen hoch sind. Generell aber gilt: Bei gleichem Lohn würden Zeitarbeitnehmer für viele Betriebe teurer als die Stammbelegschaft – schließlich kommt für die Betriebe ja noch die Einsatzgebühr an den Zeitarbeitsbetrieb dazu. Viele Zeitarbeiter würden ihren Job verlieren, weil die Unternehmen weniger Zeitarbeit nachfragen – und stattdessen die Überstunden hochfahren oder das Outsourcing von Leistungen erneut vorantreiben.

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