Martin Luther: Der Antikapitalist

Martin Luther: Der Antikapitalist

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500 Jahre Martin Luther: Moderne Geldwirtschaft lehnte er ab.

von Dieter Schnaas

Die Reformatoren haben den Kapitalismus erfunden? Heiliger Unsinn! Martin Luther machte mobil gegen die Macht des Geldes und die „Ökonomisierung der Lebensverhältnisse“ – und hat die Entwicklung zur modernen Besitzbürgergesellschaft um 200 Jahre verzögert.

Die Reformatoren haben den Kapitalismus erfunden – dieser Unsinn ist in Umlauf, seit der Soziologe Max Weber 1904/5 den Berufsfleiß der Calvinisten zum „protestantischen Geist“ der modernen Wirtschaftsform erklärt hat. Die historische Wahrheit ist eine ganz andere: Für einen Fundamentalchristen wie Martin Luther war die Liebesbotschaft des Evangeliums prinzipiell unvereinbar mit der modernen Geldwirtschaft.

Fundamentalchrist, das bedeutet: Luthers Leben war ganz Gott und Glaube. Sein Denken kreiste um das Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit und leitete sich unmittelbar aus den Geboten der Bibel ab. Sein Mönchsleben widmete er der bußfertigen Erfahrung von Gott und dessen Gewährung grundloser Gnade.

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Für die Entwicklung einer noch so rudimentären Wirtschaftstheorie fehlte es ihm an Erfahrung, Kenntnis und Interesse. Seine Invektiven gegen Spekulation und Monopole, Zinsnahme und Gewinnstreben waren alltagskonkret, unsystematisch und weitgehend orientiert an der Tradition seit Aristoteles und Thomas von Aquin. Wonach ihm der Sinn stand, war keine Analyse der Wirtschaftsform seiner Zeit, sondern die Verchristlichung des Einzelnen, die Hebung der allgemeinen Sittlichkeit – ein Lebensalltag, der in der festen Burg des Glaubens eingeschlossen war. Einerseits.

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Martin-Luther-Statue. Quelle: Ian Danbury - Fotolia

Andererseits hat Luther die weltbelebende Kraft des Geldes als handfeste Bedrohung des Glaubens machtvoll empfunden und sehr genau geahnt, dass die „Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse“ das Liebesgebot des Evangeliums sprengt. Sein Veto gegen den Ablasshandel war nicht nur ein Veto gegen die Kommerzialisierung des Heiles und die Frömmigkeitswirtschaft der Institution Kirche, sondern gegen die Entgrenzung des Geldes an sich.

Luther weiß nicht vom Anfang seines berühmten Thesenanschlags (1517) an, dass er mit der Ablassfrage Grundsätzliches verhandelt, aber im Laufe der Jahre wird ihm klar: Das Freikaufen von Frevel und Laster, durch Stiftungen, Schenkungen, Reliquienkauf und soziale Wohltaten, ist selbst ein Frevel:

Wenn „Sünde“ sich mit monetarischen Mitteln vergelten und „Schuld“ sich in Form von Schulden tilgen lässt, wenn dem Geld das Vermögen innewohnt, „Gnade“ zahlenhaft auszudrücken, und „Buße“ zu einer bloßen Tauschware degradiert wird, ja: Wenn dieses menschengemachte Geld sogar die Macht besitzt, mit „Gott“ das schlechthin Unverfügbare in Händel zu verstricken, dann droht sich alles „Credo“ in Kredit aufzulösen – dann ist das nicht mehr die Welt, in der sich Gottesmenschen wie Luther aufgehoben fühlen können.

Luther war, wenn man so will, katholischer als der Papst. Für ihn war Gottes Wirken unergründlich und „die vernunft des teuffels hure“ – gerade deshalb bekämpfte er den Ablass als satanisches Finanzprodukt des Vatikans, als Produkt menschlicher Anmaßung – als protokapitalistische Basisinnovation, die alles Heilige korrumpiert.

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Luther beharrte darauf, dass Christentum und Geldwirtschaft sich nicht vertragen, und er verzögerte mit seinem protestantischen (Rück-)Besinnungsprojekt die Entwicklung zur neuzeitlichen Besitzbürgergesellschaft in Europa um 200 Jahre.

Es ist historischer Unfug, wenn er uns heute in Sonntagsreden als Wegbereiter eines „protestantischen Geistes“ vorgestellt wird, eines christlich-diesseitigen Arbeitsethos, in dem die Prinzipien der Marktwirtschaft oder das Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ vorgeprägt seien. Luther dachte nicht mal im Traum daran. Im Gegenteil. Insofern er die alle Bereiche des Lebens durchdringende Multidimensionalität des Geldes als Kapital, Kredit, Vermögen und Eigentum entschieden ablehnte, war er als Christ gleichsam natürlich auch: ein Antikapitalist.

Neugierig geworden? In der Titelgeschichte 22 der WirtschaftsWoche finden Sie ein ausführliche Widerlegung der berühmten Max-Weber-These, dass der „protestantische Geist“, also das verinnerlichte Arbeitsethos der Calvinisten und Puritaner dem Kapitalismus den Weg bereitet habe. Statt dessen begegnet uns Martin Luther als Reaktionär, der gegen Geld und Unternehmertum mobil macht. Mit dem WiWo-Digitalpass erhalten Sie die Titelgeschichte bereits am Donnerstag, und die komplette Ausgabe 22 bereits am Donnerstagabend in der App oder als eMagazin. Alle Abo-Varianten finden Sie auf unserer Info-Seite.

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