Martin Patzelt: "Wenn das Elend heranrückt, müssen wir teilen"

InterviewMartin Patzelt: "Wenn das Elend heranrückt, müssen wir teilen"

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Der Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt und die beiden Flüchtlinge aus Eritrea Haben (links) und Awet.

von Max Haerder

Martin Patzelt sitzt für die CDU im Bundestag. Vor zwei Monaten nahm er zwei Flüchtlinge in seinem Haus in Brandenburg auf – und trotzt Morddrohungen. Ein Gespräch über Politik als praktizierte Nächstenliebe.

WirtschaftsWoche: Herr Patzelt, Sie haben Awet und Haben, zwei junge Asylbewerber aus Eritrea, bei sich aufgenommen. Wie kam es dazu?

Martin Patzelt: Wir waren immer schon eine Familie, die ein offenes Haus gepflegt hat. Wir haben stets Gäste willkommen geheißen, seien es Freunde oder auch ausländische Studenten der nahegelegen Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder. Insofern ist das keine neue Erfahrung für uns. Spätestens als ich vergangenes Jahr in einer Zeitung die Notiz las, dass Flüchtlinge in Deutschland nun in beheizten Zelten untergebracht werden müssen, war mir klar: Wir müssen etwas tun.

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Zur Person

  • Martin Patzelt

    Martin Patzelt, 68, ist seit 2013 direkt gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter. Der studierte Soziapädagoge war von 2002 bis 2010 Oberbürgermeister von Frankfurt/Oder.

Und dann?

Ich habe die beiden jungen Männer, die nun bei uns wohnen, im Gottesdienst unserer Gemeinde kennengelernt. So fing es an. Die beiden wiederum haben sich im Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt angefreundet. Sie sind vor dem brutalen Drill des Militärdienstes geflohen, dem sie bereits in ihrer schulischen Ausbildung massiv ausgesetzt waren. Sie wollten kein Kanonenfutter werden, sie wollten nicht als junge Menschen sterben.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Gar nicht so sehr. Wir verbringen allerdings als Familie mehr Zeit miteinander, als das vorher der Fall war. Awet und Haben schätzen Rituale und geregelte Abläufe, also essen wir sehr oft gemeinsam, sprechen ein Tischgebet. Früher gab es vielleicht etwas mehr Raum für individuelle Muße, der wird nun eben anders gefüllt. Anders, wahrlich nicht schlechter.

Fühlen Sie sich als Vorbild? Wollen Sie überhaupt eines sein?

Wir können nicht erwarten, dass viele Bürger willens und in der Lage sind, das zu tun, was wir tun. Ich will jedenfalls kein Beispiel geben, um anderem ein schlechtes Gewissen oder Druck zu machen. Ich hoffe nur, dass wir anderen Menschen Angst nehmen und stattdessen Hoffnung geben können. Auch ich habe mir keine Flüchtlinge in Deutschland gewünscht, allein aus dem Grund, weil kein Mensch zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen sein sollte. Aber die Menschen kommen zu uns, ob wir es wollen oder nicht. Und ohne Hilfe aus der Gesellschaft wird es die Politik nicht bewältigen können.

Bund, Länder und Kommunen investieren doch gerade Milliarden und mobilisieren alle Kräfte. Das reicht nicht?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die gegenwärtige Flüchtlingswelle ist eine gewaltige logistische, finanzielle und auch eine mentale Herausforderung für Deutschland, die wir meistern können. Nur: Ein Bett, fließendes Wasser und ausreichend Essen sind das eine, das andere sind die seelischen Grundbedürfnisse der Flüchtlinge. Auch die müssen gestillt werden. Wenn das Elend so nah an unser Land heranrückt, will ich teilen. Ich kann jedenfalls mit meinen Enkeln nicht an einer Flüchtlingsunterkunft vorbeigehen und danach unerschüttert mein komfortables Leben einfach weiterführen.

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