Bornholmer Straße 65: Sauna, Freiheit, Dosenbier

Bornholmer Straße 65: Sauna, Freiheit, Dosenbier

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Grenzübergang Bornholmer Straße

Ein Abend, der nicht nur das Land verändert. Sondern auch das Leben einer Frau, die noch sehr berühmt werden wird.

Am Abend, der Geschichte machen wird, kommt die junge Wissenschaftlerin ganz normal aus dem Labor. Alles ist wie üblich. Die 35-Jährige ist noch mit einer Freundin für die Sauna verabredet, so wie eigentlich jeden Donnerstag. Im Fernsehen sieht sie vorher eine Pressekonferenz, aber sie versteht nicht genau, worum es geht. Die beiden treffen sich gegen acht Uhr und freuen auf ein paar entspannte Stunden. Die Nacht, die alles im Leben dieser Frau verändern wird, wirklich alles, sie beginnt – wie immer.

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Als die Physikerin gegen elf Uhr wieder zurück in ihre kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Schönhauser Allee 104 möchte, sieht sie an der Kreuzung Bornholmer, Ecke Schönhauser plötzlich die Leute. So viele Leute. Noch heute ist da dieses eine Bild in ihrem Kopf: eine Großmutter, die ihre Enkelin an der Hand mit sich zerrte. Die Dame hatte sich nur einen Mantel über ihr Nachthemd geworfen.

Geschichten entlang des Grenzstreifens Wo die Mauer blüht

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Gelegenheit, Geschichten zu erzählen die heute genau dort passieren, wo einst die Mauer Berlin teilte.

Geschichten entlang des Grenzstreifens: Wo die Mauer blüht

Menschen strömen die Bornholmer Straße hinunter, zum Grenzübergang. Die junge Frau geht jetzt nicht nach Hause, sondern schließt sich der Menge an; sie läuft einfach hinterher, die Saunatasche noch unterm Arm. In den wenigen Stunden, die sie schwitzend mit ihrer Freundin verbracht hat, implodiert an der Grenze eine Epoche – wegen der Sätze, die SED-Funktionär Günter Schabowski Stunden zuvor in der Pressekonferenz fast nebenbei verkündet hatte („Haben wir uns dazu  entschlossen, heute ein Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen (…). Nach meiner Kenntnis ist das sofort.“). Die junge Frau hatte nicht so genau hingehört. Andere sehr wohl.

Als gegen halb zwölf an jenem Abend die Grenztruppen entscheiden, den Schlagbaum zu heben, weil sie dem Andrang nichts mehr entgegenzusetzen haben, keine Argumente, keinen Willen und erst recht keinen Sinn mehr, beginnt der Anfang vom Ende der deutschen Teilung:

Als die Physikerin an den Grenzposten ankommt, ist der Weg schon frei. Eine neue Welt ist offen.

Die Wissenschaftlerin, sie läuft und läuft mit, erstmal rüber in den Wedding, irgendwann landet sie mit einem Grüppchen Unbekannter in einer Wohnung. Sie trinken plötzlich Bier aus Dosen, so haben sie Bier noch nie getrunken, und ziehen die Luft der historischen Nacht in ihre Lungen. Dann wollen einige weiter zum Ku’damm, Kapitalismus gucken. Die junge Frau nimmt den letzten Schluck und entscheidet dann, nicht mit ihnen zu gehen. Es ist längst tiefe Nacht geworden und sie will am Morgen lieber wieder pünktlich im Labor sein. „Ich war“, sagt sie, „ein ordentlicher Mensch.“

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Es war der 9. November 1989. Dort, wo sich einst der Grenzübergang Bornholmer Straße breitmachte, steht heute eine Lidl-Filiale. Und die ordentliche Frau mit dem Dosenbier ist amtierende Bundeskanzlerin.

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