Leuschnerdamm 25, „Henne“: Wenn sich alles ändert, ändern wir – nichts

Leuschnerdamm 25, „Henne“: Wenn sich alles ändert, ändern wir – nichts

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Zwei Weltkriege, der Mauerbau fünf Meter entfernt, nur die Henne blieb wie immer.

Dies ist keine Kneipe, sondern eine Zeitmaschine. Auf der Speisekarte: Halbe Hähnchen und ein bisschen Weltgeschichte.

Wenn Angela Leistner ihre Wohnung verlässt, braucht sie nur ein paar Treppen hinab zu steigen, schon steht sie in der „Henne“. Hier unten liegt sowieso ihr „Wohnzimmer“. Ein nicht ganz gewöhnliches Wohnzimmer, so viel ist sicher. Leistner ist die Pächterin des Wirtshauses, das seit 1908 existiert. Die dunkle Schankwand hinter der Theke mit den schimmernden, flaschengrünen Kacheln oder die  hölzernen Wandvertäfelungen, alles ist noch original 1908. „Das einzige, was hier neueren Datums ist, sind die Lampen“, sagt Leistner. Die sind wohl nur aus den Dreißigern.

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Die „Henne“ ist keine Kneipe, sondern eine Zeitmaschine. Draußen ereigneten sich zwei Weltkriege. Dann errichtete die DDR eine Mauer, von der niemand die Absicht hatte, sie zu bauen. Die Betonwand stand fünf Meter vom Eingang entfernt. Nur hinter der Tür änderte sich – nichts.

Angela Leistner kam 1986 aus Oberfranken nach Berlin, auf der Suche nach einem Ort, wo sie ihre Meisterprüfung als Fotografin machen konnte. „Es klingt kitschig, aber hier wusste ich sofort: Ich will bleiben.“ Sie  brauchte ein Job, auf ihre Annonce meldete sich die damalige Besitzerin der „Henne“. Leistner fing an zu kellnern. Fünf Jahre später, 1991, übernahm sie den Laden als Pächterin.

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Als sie anfing, sah sie die Mauer jeden Tag durch die Scheiben, aber so war das eben. Ganz normaler Wahnsinn, von heute aus gesehen. Manchmal brachten westdeutsche Gäste Ostmark von ihren Ausflügen mit und ließen es als Trinkgeld da. Ab und an schmiss Leistner dann einen Sack mit gesammeltem Ostgeld einfach über die Grenze. War gar nicht so leicht, lacht sie. Die Mauer war hoch und die Ostmark war so leicht.

Mittlerweile kommen viele Touristen aus dem Ausland, so viel Englisch wurde hier noch nie gesprochen. Die Gegend um die „Henne“ verändert sich, wieder einmal. Leistner erinnert sich noch an die Zeiten, als man durch diese Ecken von Kreuzberg besser nicht mit einem Mercedes fuhr, falls er heil bleiben sollte. Wenn sie manchmal Fotos aus dem Jahren kurz vor der Wende betrachtet, sagt sie: „Ich habe damals schon gesehen, wie schlimm es hier aussah. Aber ich habe es nicht so empfunden.“

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Die „Henne“ ist seit Jahrzehnten berühmt für ihre halben Hähnchen mit Kartoffel- oder Krautsalat. 7,90 Euro kostet das Tier derzeit, 3,50 die Beilage. Gut hundert Hähnchen kommen hier Abend für Abend auf die Tische, sechs Tage die Woche. Früher kam das Geflügel aus Dänemark, heute aus Thüringen – ein bisschen was ändert sich selbst drinnen wohl doch.

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