Maybrit Illner: „Eine Deindustrialisierung Deutschlands wäre Gift für unsere Wirtschaft“

Maybrit Illner: „Eine Deindustrialisierung Deutschlands wäre Gift für unsere Wirtschaft“

, aktualisiert 15. September 2017, 02:56 Uhr
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Maybrit Illner und ihre Gäste diskutieren über den Diesel-Skandal.

von Christian BartelsQuelle:Handelsblatt Online

Maybrit Illners Talkshow zum Thema Diesel-Skandal mit einem Volkswagen-Vorstand und zwei Bundesministern zeigte vor allem eines: Beim Thema Auto ist sich Deutschland ziemlich einig.

BerlinClaus Kleber hatte am Ende des „heute-journals“ in der Überleitung zur Talkshow noch auf „eine Prise Wahlkampf“ gehofft, weil einerseits Bundesumweltministerin Barbara Hendricks von der SPD bei Maybrit Illner zu Gast sein würde, andererseits die bayerische Regionalpartei CSU sogar anderthalbmal vertreten war: Generalsekretär Andreas Scheuer saß ebenfalls im Studio, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wurde von der gerade eröffneten Automobilmesse IAA zugeschaltet.

Doch war es dann eine deutlich kleinere Prise als in anderen Talkshows und erst recht in sonstigen Wahlkampf-Sendungen dieser Tage. Beim Thema Auto ist sich Deutschland eben ziemlich einig: Das machte Illners Talkshow zum Thema „Auto-Skandal – und keiner ist schuld?“ deutlich. Gewiss wollen alle, dass die Autokäufer auf ihre Kosten kommen. Aber dass der deutschen Automobilindustrie geschadet wird, möchte auch niemand. Das Wort „Image“ wurde fast genauso oft verwendet wie das Wort „Verbraucher“. Die Unterschiede zwischen den Parteien sind graduell.

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Vor im Studiohintergrund eingeblendetem dichtem Stau auf der Autobahn saß eine sechsköpfige Runde - inklusive der Moderatorin. Der Einzige, der sie hätte aufmischen können, Marcus Hausser von der Baumot Group, die nach seinen Angaben sozusagen disruptive Abgas-Reinigungssysteme für Dieselfahrzeuge herstellt, wurde erst kurz vor Schluss der Sendung für ein separates Einzelinterview herbeigeholt und anschließend wieder im Studiopublikum platziert (aus dem er sich dann noch wiederholt zu Wort meldete).

In der Runde wurden die bekannten Argumente und Ansichten ausgetauscht. VW-Markenvorstand Herbert Diess bekundete, dass Volkswagen „zutiefst“ bereue, sich in den USA Marktanteile mit dort „nicht zulassungsfähigen“ Autos gesichert zu haben. In Deutschland habe der Konzern Stickoxide-Emissionen „nicht so auf dem Schirm gehabt“. Das war die schärfste Selbstkritik, die der VW-Vertreter äußerte. Inzwischen seien VW-Kunden, an deren Wagen Software-Updates durchgeführt wurden, „hochzufrieden“, sagte Diess.

Ansonsten nickte er oft verständig. Er war, wie Illner sagte, einer von wenigen Autokonzern-Vertretern, die zu einem Auftritt bereit waren. Vielleicht hätte ein weiterer Ingenieur in der Runde zu schärferen Kontroversen beitragen können – ob das Publikum davon viel verstanden hätte, ist natürlich eine andere Frage. Die üblichen Einspielfilme versuchten jedenfalls nicht, technische Vorgänge verständlich zu machen, sondern durch Martin-Schulz- und Angela-Merkel-Zitate („stocksauer!“) die Diskussion anzufeuern.

Umweltministerin Hendricks suchte am ehesten den Disput mit Diess, wünscht sich aber ebenfalls eine „Pole Position“ für die deutsche Autoindustrie. Der Verband der Automobilindustrie sage immer, er schaffe es nicht, wenn neue umweltpolitische Regeln eingeführt werden sollen. Sind die Regeln erst Gesetz, schaffe er es dann doch. Das habe sie etwa beim Katalysator erlebt.

Dass die Autoindustrie „unter Druck immer am besten“ sei, glaubt auch CSU-Generalsekretär Scheuer. Er sei noch am Tag der Sendung im BMW-Werk in Dingolfing gewesen und erinnerte daran, dass die in Niederbayern aktuell verschwindend geringe Arbeitslosenquote einst bei 35 Prozent gelegen habe. „Eine Deindustrialisierung Deutschlands wäre – siehe Großbritannien – Gift für unsere Wirtschaft“, rief Scheuer aus.

Sein Parteifreund Dobrindt wurde anfangs zu einem Einzel-Kurzinterview zugeschaltet, sprach von der „verdammten Verantwortung“ der Industrie und beteuerte, keineswegs generell etwas gegen Musterfeststellungsklagen zu haben, sondern bloß gegen den Entwurf des Justizministers. Das war also ein Teil der kleinen Prise Wahlkampf.

Klaus Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband, vorgestellt als „Chef aller Verbraucherzentralen“, wünschte sich erwartungsgemäß für deutsche Autokunden ähnliche Regeln, wie sie für US-amerikanische Verbraucher gelten. Er überraschte mit einem Lob für die Minister Maas und Schäuble: dafür, dass sie die Finanzaufsicht durch ein Verbraucherschutzmandat gestärkt hätten. So etwas brauche der Autobereich auch: „Wenn es der deutschen Automobilindustrie besser gehen soll, muss Wettbewerb für sie anstrengend sein“, sagte Müller mit Blick auf die Kartellvorwürfe gegen deutsche Hersteller, über die jedoch kaum gesprochen wurde.

Der Wissenschaftssendungsmoderator Ranga Yogeshwar schnitt schließlich in langen Bögen eine Menge weiterer Themen an: die Digitalisierung, also drohende Konkurrenz durch Google, aber auch durch „die Chinesen“, das Carsharing („Ein Carsharing-Auto ersetzt zwanzig andere“) und die Elektromobilität etwa.

Kurzum: Ungefähr alles, was mit Autos zusammenhängt, also ziemlich vieles, kam zur Sprache, daher naturgemäß jeweils nur kurz. Freuen kann sich über diese Sendung wohl am ehesten der viel kritisierte Volkswagen-Konzern, dessen Vorstandsmitglied sie lässig und bemerkenswert unangefochten absolvierte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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