Meinung: Wo die Liebe hinfällt

Meinung: Wo die Liebe hinfällt

, aktualisiert 06. Dezember 2011, 15:38 Uhr
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Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

von Oliver StockQuelle:Handelsblatt Online

Peer Steinbrück begeistert viele - nur leider nicht die SPD. Sigmar Gabriel erhält den längsten Applaus - nur leider nicht außerhalb der SPD. Die Partei steckt damit in ihrem alten Dilemma. Ein Kommentar.

Die SPD steckt in einem Dilemma, seit Willy Brandt vor 37 Jahren zurückgetreten ist. Das Dilemma lautet: Die Partei liebt stets einen anderen Spitzenmann als das Volk. Ihr Herz schlägt weiter links, als es mehrheitsfähig wäre. Das war so bei Helmut Schmidt und Herbert Wehner. Das was so bei Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Und das ist so bei Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel. Nur wenn die SPD den eigenen Favoriten nicht zum Kanzlerkandidaten macht, kann sie gewinnen. Und umgekehrt: Wer Kanzler auf dem Ticket der SPD werden will, muss es aushalten, innerhalb der Partei einen verdammt einsamen Job zu machen. Das ist das eigentliche Ergebnis des Parteitags der Sozialdemokraten.

Es ging am Ende nicht mehr um Frank-Walter Steinmeier, den fleißigen Parteisoldaten und Wahlverlierer von 2009, der aber seither Sympathiepunkte gewonnen hat. Und es ging auch noch nicht wirklich um Hannelore Kraft, die in der SPD-Herzkammer Nordrhein-Westfalen eine Regierung zusammengestellt hat, die zwar wackelig ist, die aber immerhin unter ihrer Führung vor sich hin arbeitet. Es ging am Ende um die Frage, ob Gabriel klar macht, dass er kein politisches Leichtgewicht ist, und ob es Steinbrück gelingen würde, die Genossen hinter sich zu scharen.

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Warten auf den Königsmord

Sigmar Gabriel hat seinen Part gemeistert. Er ist nach diesem Parteitag der Kanzlerkandidat der sozialdemokratischen Herzen. Mit seiner schwungvollen Rede hat er die alte sozialdemokratische Geschichte von der gerechten Welt runderneuert, in der die, die viel haben, denen, die wenig haben, so viel abgeben, dass beide davon gut leben können. Es ist der Traum von der Chancengleichheit, und es lohnt sich, ihn immer wieder zu erzählen. Es lohnt sich für jeden Kandidaten der SPD, mit diesem Traum immer wieder aufs neue die Phantasie der Genossen zu beflügeln. Das hat Gabriel geschafft.

Anders Steinbrück. Auch er setzte bei seiner Rede heute da an, wo Gabriel seinen Weg in die Herzen begonnen hatte: „Wir müssen unsere Glaubwürdigkeit behalten und - wie bei einem Fischer, der sich am Nordstern orientiert und ihn nie erreicht - so orientieren wir uns an einer gerechten Gesellschaft. Wir werden nie angekommen sein, aber wir werden immer unterwegs sein. Wir müssen die Avantgarde sein“, sagte Steinbrück. Doch dann dozierte er über das Verbot von Derivaten, verbiss sich in die Steuerdebatte, und die Sozialdemokraten fremdelten ein wenig. Als er schließlich noch den ehemaligen Kanzler Schröder lobte, wurde klar, dass er seine Zuhörer auf diesem Parteitag verloren hatte.

Wenn jetzt alles so läuft wie bei Schmidt-Schröder, dann passiert folgendes: Steinbrück wird sich dennoch durchsetzen, weil sich genügend Genossen finden, denen klar ist, dass sie nur mit ihm eine Chance haben, Angela Merkel abzulösen. Und falls er dann tatsächlich ins ersehnte Kanzleramt einzieht, müssen wir alle nur ein bisschen warten: bis zum nächsten Königsmord. So sieht es nämlich aus, das Dilemma der SPD.

Quelle:  Handelsblatt Online
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