
An dem langen Tisch in einem der vielen Säle in der Großen Halle des Volkes in Beijing (Peking) kommt Wen Jiabao heute Vormittag auf immerhin vier persönliche Treffen mit Angela Merkel und fünf Telefonate. Das alles sei ein Zeichen, dass die Kanzlerin „Wert auf die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland legt“, fügt der wie immer adrett gescheitelte Wen höflich hinzu. Und doch irgendwie scheint diese Kanzlerin dem chinesischen Ministerpräsidenten nicht ganz geheuer zu sein, was gleichwohl sein Interesse noch wachsen lässt. „Sie benutzen selten Sprechzettel und kommen gerne direkt zur Sache“, sagt Wen in dem mit dicken roten Teppichen ausgelegten Saal. „Diesen Stil mag ich.“ Seine Feststellung kommt unerwartet, weil er gewöhnlich an dieser Stelle mit anderen Gästen erst einmal nur diplomatische Belanglosigkeiten austauscht. Wen eröffnet ein Spiel bei diesem Besuch, der aus seiner Sicht „unvergesslich“ werden soll. Wer kann an diesem Tag den anderen mehr überraschen? Sonst ist es oft Merkel, die in Gesprächen eine ungewöhnliche Eröffnung wählt. Diesmal versucht der Chinese, den Spieß umzudrehen. Und einmal am Zug, überlässt der Chinese Merkel auch, zunächst ihre Fragen zu stellen, ohne lange Eingangsfloskel. Die sonst recht schlagfertige Kanzlerin ist einen Moment verblüfft: „Oh!“ Dann redet die Kanzlerin über Wirtschaftsbeziehungen. Allem Anschein nach scheint sich in den vergangenen zwei Jahren eine stabile Arbeitsbeziehung, vielleicht sogar eine Vertrauensbasis zwischen der Deutschen und dem Chinesen aufgebaut zu haben. Sie schenken sich in der anschließenden Pressekonferenz nichts, gehen dabei aber auch rücksichtsvoll vor, um kein Porzellan zu zerdeppern. Wen widerspricht ausdrücklich der Beobachtung einiger, dass sich die Atmosphäre zwischen Berlin und Beijing nach Merkels Amtsantritt verschlechtert habe. Das Gegenteil sei der Fall, gibt er zu verstehen. Es gehe „vorwärts und nicht rückwärts“. Und natürlich wird der Chinese zu den vermeintlichen Hacker-Angriffen des chinesischen Militärs gefragt. Wen sagt ernst, die Führung habe den Berichten sofort „große Aufmerksamkeit gewidmet“. "Spielregeln sind einzuhalten" Und dann folgt zwar nicht ein Schuldeingeständnis, aber immerhin das Versprechen, „entschlossen Maßnahmen zu ergreifen, um Hacker-Angriffe auszuschließen“. Die Kanzlerin sagt zu den Berichten direkt nichts. Sie erinnert nur daran, dass in einer zusammenwachsenden Welt „Spielregeln einzuhalten sind“ - um dann aber nicht auf Computer-Spionage, sondern auf Produktpiraterie zu kommen. Ohnehin verfolgen viele in der Delegation die Berichte über die angeblichen chinesischen Trojaner eher mit einem leichten Lächeln. Denn auch aus Staaten, die Deutschland noch näher stünden als China, gebe es Angriffe auf deutsche Regierungscomputer, heißt es. Wie Wen verteilt auch die Kanzlerin vor dem schweren Ölgemälde mit der chinesischen Mauer und der untergehenden Sonne ein Zückerchen. Einer Anerkennung Taiwans erteilt sie eine Absage und bekennt sich zur Ein-China-Politik. Zuletzt waren die Chinesen nervös geworden, dass die Taiwanesen im Windschatten von Olympia 2008 in Peking international ihre Anerkennung durchsetzen könnten. Sie hatten sehr auf das Wort der Kanzlerin gehofft und es kam, wenngleich erst auf die gezielte Frage eines Journalisten des chinesischen Staatsradios. Merkel übt sich in der Kunst des Sowohl-Als-Auch. Sie lobt die Entwicklung in China, um dann daran zu erinnern, dass beide Seiten auch „offen darüber reden, wo sie Fragen, wo sie Bedenken haben“. Das Wort Menschenrechte nimmt sie am Montag nicht in den Mund. Aber am Dienstag trifft sie sich mit chinesischen Publizisten, die mit den Behörden in Konflikt geraten sind. Das wird auch in Beijing als durchaus starkes Signal verstanden. Die Liste der Konfliktthemen bleibt auch nach diesem Besuch der Kanzlerin bei der chinesischen Führung. Auch im Klimaschutz muss der „Klimabotschafterin“ Merkel noch einige dicke Bretter bohren. Wen sagt am Ende nur, auch Chinesen wollten „blauen Himmel, grüne Berge und sauberes Wasser“. Ansonsten wiederholt er die alte Position: Er verweist auf die Verantwortung der reichen Industrienationen für die Ansammlung der Treibhausgase in der Atmosphäre, gleichwohl stellt er strengere Selbstverpflichtungen Chinas ab 2011 in Aussicht. Mit dieser Antwort hatte die Kanzlerin allerdings gerechnet.













