Muss der Westen den Rest der Welt missionieren?
Bild: APNähmaschinenhersteller Pfaff
Die chinesische Beteiligungsgesellschaft SGSB Group hat den Industrienähmaschinenhersteller Pfaff übernommen. Der Konkurrent Dürkopp-Adler ist bereits seit 2005 in der Hand von SGSB. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung sollen die Betriebe nun bei Vertrieb, Entwicklung und Produktion zusammenarbeiten. Pfaff existiert seit 1862 und beschäftigte in den 1930er Jahren fast 3.000 Menschen. Heute zählt die Belegschaft inklusive Zeitarbeitern und Auszubildenden etwa 250 Mitarbeiter. SGSB will laut Betriebsrat 25 Millionen Euro investieren, 60 Mitarbeiter müssen allerdings gehen. Für 160 Beschäftigte gibt es eine Arbeitsplatzgarantie, die zunächst drei Jahre gilt. Zuvor hatte Pfaff dem deutschen Unternehmer Joachim Richter gehört, der 2009 nach Insolvenz eingestiegen war. Die Marke Pfaff für Haushaltsnähmaschinen war bereits 1999 von der Industriesparte getrennt worden.
Bild: ScreenshotAweco
Der chinesische, börsennotierte Mischkonzern Zhejiang Sanhua kauft den süddeutschen Hausgerätezulieferer Aweco für 21,9 bis 55 Millionen Euro. Der exakte Preis hängt vom Geschäftserfolg in den nächsten zwei Jahren ab. Sanhua produziert vor allem Komponenten für Kühlschränke und Klimaanlagen und übernahm im Mai 2011 schon die Kühlschranksparte von Aweco. Über den Kauf erhoffen sich die Chinesen Zugang zum deutschen Markt. Der Konzern setzte 2011 rund 1,3 Milliarden Dollar um und beschäftigt 7000 Mitarbeiter.
Aweco erwartet für 2012 einen Umsatz von 110 Millionen Euro und zählt in Deutschland, Österreich und Polen insgesamt 2000 Arbeitskräfte. Für Aweco soll sich bis 2015 nichts ändern, auch das Management bleibt. „Die Restrukturierung hat bereits stattgefunden“, sagt Gerhard Teschl, Vice President von Sanhua. Erst in diesem Sommer hatte Aweco in Deutschland 110 Mitarbeitern gekündigt.
Bild: prMAG Group
Der chinesische Staatskonzern Sinomach und der japanische Komatsu-Konzern - bekannt durch Baumaschinen und Bagger - bieten für den schwäbischen Werkzeugmaschinenbauer MAG Group. Beide haben nach Angaben von gut informierten Personen sowohl für den europäischen als auch den amerikanischen Teil der MAG geboten - und zwar bis zu 700 Millionen Euro.
Der Erlös kommt zum größten Teil Mo Meidar zugute. Der US-Investor hatte die MAG-Gruppe vor sieben Jahren unter anderem aus Teilen von IWKA (Ex-Cell-O, Boehringer) und ThyssenKrupp (Hüller Hille, Witzig & Frank) geschmiedet. Mit einem riskanten Finanzgebaren hatte er das Vertrauen der Banken verspielt. In Europa musst er die Führung abgeben, im US-Geschäft hat er weiterhin das Sagen. Im Zuge des Verkaufs soll ein französisches Werk an den US-Teil angedockt werden, im Tausch gegen eine US-Fabrik, die wie MAG Europa vor allem für die Automobilindustrie produziert.
MAG Europe ist der fünftgrößte Werkzeugmaschinenhersteller in Deutschland. Das Unternehmen mit Sitz in Göppingen, nahe Stuttgart, beschäftigt 1.600 Mitarbeiter, weltweit arbeiten 3.500 Menschen für die MAG Group. Zu den Kunden zählen u.a. die Luft- und Raumfahrt, Automotive und Nutzfahrzeugbau, Schienenverkehr und erneuerbare Energien. Die MAG-Group setzte 2011 rund 900 Millionen Euro um, davon 562 Millionen Euro in Europa.
Bild: dpaKion
Das chinesische Unternehmen Weichai Power steigt mit 25 Prozent beim führenden Gabelstaplerbauer Kion in Wiesbaden ein. Der Nutzfahrzeughersteller aus China wird insgesamt 738 Millionen Euro investieren. Kion, einer der weltweit größten Hersteller von Stapelfahrzeugen mit Marken wie Linde und Still, gehört den Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Goldman Sachs. Kion war bis 2006 Teil des Industriegase-Konzerns Linde. Mit weltweit rund 22.000 Beschäftigten setzte Kion zuletzt 4,4 Milliarden Euro um. Jährlich produziert das Unternehmen 150.000 Stapler. Der Weltmarkt liegt bei einer Million Fahrzeuge, ein Viertel davon entfällt allein auf China. Weichai gehört zum chinesischen Baumaschinenproduzenten Shandong Heavy Industry. Der Einstieg gilt als bisher größte Investition Chinas in Deutschland.
Bild: dpaTailored Blanks
Ende August 2012 macht die Nachricht die Runde, dass ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger den Geschäftsbereich der lasergeschweißten Autobleche an die Chinesen verkaufen will. Der fünftgrößte Stahlhersteller der Welt, Wuhan Iron and Steel (Wisco), soll interessiert sein. Der Flachstahlhersteller machte zuletzt einen Umsatz von 700 Millionen Euro.
Bild: dapdSolibro
Das Tochterunternehmen Solibro der insolventen Q-Cells AG geht an die chinesische Hanergy Holding Group. Der Vertrag wurde im Juni unterzeichnet. Solibro werde von Thalheim aus die europäischen Kunden von Hanergy bedienen, teilte das Unternehmen mit. Hanergy wiederum wolle alle 430 Beschäftigten in Thalheim übernehmen. Die Q-Cells Tochter stellt Dünnschichtsolarmodule her.
Bild: PressebildMAG Group
Der Staatskonzern Shenyang Machine Tool (SMTCL) führt Gespräche über eine Übernahme des schwäbischen Werkzeugmaschinenbauers MAG in Göppingen, nahe Stuttgart. Das Unternehmen steht zum Verkauf seit der US-Investor Mo Meidar die Kontrolle über den europäischen Teil des Unternehmens MAG Europe an einen Treuhänder übergeben musste. Den US-Teil leitet er nach wie vor. Unklar ist, ob beide Teile zusammen verkauft werden können. MAG arbeitet für Luft- und Raumfahrt, Automotive, Schwerindustrie, Schienenverkehr, Solarenergie und Windkraftanlagenbauer. MAG Europe setzte 2011 rund 562 Millionen Euro um, schrieb dabei aber 50 Millionen Euro Verlust. 1600 Menschen arbeiten für MAG Europe. Nach Umsatz sind die Schwaben der fünftgrößte Werkzeugmaschinenbauer in Deutschland.
Neben SMTCL sollen auch andere chinesische Firmen wie Dalian, Quier Machine Tools und YierMT Interesse an der MAG haben. Das wurde jedoch nicht offiziell bestätigt.
Bild: ScreenshotSchwing
Der chinesische Maschinenbaukonzern XCMG hat Ende April für 300 Millionen Euro die Mehrheit am Baumaschinenhersteller Schwing im nordrhein-westfälischen Herne übernommen. XCMG ist einer der größten Baumaschinenhersteller weltweit (Umsatz 2011: 11 Milliarden Euro), Schwing ein 1934 gegründetes Familienunternehmen (Umsatz 2010/2011: 500 Millionen Euro). In den vergangenen beiden Jahren hatte Schwing einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe eingefahren. XCMG hat eine strategische Partnerschaft vereinbart. Die Familie Schwing wird am Unternehmen beteiligt bleiben.
Bild: dpaSunways
Der chinesische Solarkonzern LDK Solar steigt Ende April 2012 beim Konstanzer Solarzellen Hersteller Sunways ein. Über eine Kapitalerhöhung hatte die Tochterfirma LDK Solar Germany Holding GmbH bereits vor einigen Wochen zuvor einen Anteil von mehr als 30 Prozent der Stimmrechte erworben und schließlich auch die restlichen Aktien erworben. LDK Solar hält damit rund 71 Prozent des Grundkapitals von Sunways. Der Preisverfall hatte dem deutschen Hersteller mit knapp 350 Mitarbeitern schwer zugesetzt. Zuletzt setzen die Konstanzer 117 Millionen Euro um. LDK Solar erwirtschaftete 2010 gut 1,9 Milliarden Euro.
Bild: ScreenshotKiekert
Der Weltmarktführer von Pkw-Schließsystemen und nach eigenen Angaben Erfinder der modernen Zentralverriegelung wird vom börsennotierten chinesischen Automobilzulieferer Lingyun (Peking) übernommen. Lingyun sei mit den Eigentümern von Kiekert, einer Investorengruppe um die Finanzinvestoren BlueBay Asset Management, Silver Point Capital und Morgan Stanley, einig geworden. Der Verkauf steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörden.
Kiekert hatte 2011 mit 4000 Beschäftigten 41 Millionen Schließsysteme produziert und mehr als 500 Millionen Euro umgesetzt. Das 150 Jahre alte Traditionsunternehmen besitzt Entwicklungs- und Produktionsstandorte in Deutschland, Tschechien, USA, Mexiko und China. Kunden sind unter anderem BMW und VW.
Nähmaschinenhersteller Pfaff
Die chinesische Beteiligungsgesellschaft SGSB Group hat den Industrienähmaschinenhersteller Pfaff übernommen. Der Konkurrent Dürkopp-Adler ist bereits seit 2005 in der Hand von SGSB. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung sollen die Betriebe nun bei Vertrieb, Entwicklung und Produktion zusammenarbeiten. Pfaff existiert seit 1862 und beschäftigte in den 1930er Jahren fast 3.000 Menschen. Heute zählt die Belegschaft inklusive Zeitarbeitern und Auszubildenden etwa 250 Mitarbeiter. SGSB will laut Betriebsrat 25 Millionen Euro investieren, 60 Mitarbeiter müssen allerdings gehen. Für 160 Beschäftigte gibt es eine Arbeitsplatzgarantie, die zunächst drei Jahre gilt. Zuvor hatte Pfaff dem deutschen Unternehmer Joachim Richter gehört, der 2009 nach Insolvenz eingestiegen war. Die Marke Pfaff für Haushaltsnähmaschinen war bereits 1999 von der Industriesparte getrennt worden.
Aber es geht nicht nur um China. Vermutlich wird sich während des dreitägigen Regierungsausflugs keiner der Minister vor den Kamerawald stellen und mangelnde Menschenrechte anprangern, auch wenn es angesichts steigender Repression viel zu sagen gäbe und manch einer mit ausgeprägter Profilneurose eingecheckt hat. Sicher hat die Kanzlerin, der Sensibilität der Themen wohl bewusst, ihre Mannschaft längst auf Linie gebracht.
Was fehlt in Deutschland, ist die rote Linie: Merkels Pragmatismus zum Trotz neigt Deutschlands politische Elite zur Moralpolitik. Im Juni ließen sich einige mäßig dem Ballsport zugeneigte Politiker wie Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) zum Boykott der Fußball-EM in der Ukraine hinreißen, weil dort eine Oppositionspolitikerin im Gefängnis sitzt. Seit Frühjahr liegen mit dem Ölland Aserbaidschan die Beziehungen in Scherben, da Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) den Spagat zwischen Menschenrechts- und Wirtschaftspolitik nicht schaffte.
Auf dem Flug nach Peking wäre heute viel Zeit, um diese Fragen mal im Kabinett zu debattieren: Wie viel Menschenrechte verträgt Wirtschaftspolitik? Was kann, was muss ein deutscher Politiker in China ansprechen? Wieso halten viele Politiker bei Menschenrechtsverletzungen in China den Mund, um in Russland umso härter draufzuhauen? Kann, soll, muss der Westen den Rest der Welt missionieren?
Manchmal hat es den Anschein, als verberge unsereins mit Moralpolitik die Unsicherheit in der zunehmend überkomplexen Welt. Und immer wieder entsteht der Eindruck, dass knallharte wirtschaftliche Interessen wie in China dennoch zum Konterkarieren der eigenen Werte führen.
Dabei muss trotz der Imageprobleme keine Demokratie der Welt ihr Licht unter den Scheffel stellen – im Gegenteil: Demokratien besitzen einen entscheidenden Standortvorteil: die freiheitliche Grundordnung. Denn freies Denken führt zu Kreativität. Und Kreativität, gepaart mit Schnelligkeit, ist Schlüssel zur Innovation – und die brauchen die Unternehmen wiederum, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Es gilt, immer einen Schritt schneller zu sein als die globale Konkurrenz, erst Recht, wenn sie aus Bangkok oder Bangalore kommt statt aus Kalifornien.
So gesehen, ist das hiesige Wertesystem mit all seinen universalen Freiheiten und Menschenrechten der große Standortvorteil für Deutschland. Vielleicht sollte man gar nicht erst versuchen, es in alle Welt zu exportieren? Aber das würde die Kanzlerin nie sagen – nicht einmal hinter verschlossenen Türen. Muss sie auch nicht. Die Chinesen folgen schauen sowieso nicht auf den Zeigefinger.
- Seite 1: Passen Menschenrechte zur Wirtschaftspolitik?
- Seite 2: Muss der Westen den Rest der Welt missionieren?
















- als Spam melden
- antworten
Alle Kommentare lesen30.08.2012, 04:14 UhrAnonymer Benutzer:Joselyn
China war noch nie für die Einhaltung der Menschenrechte bekannt. Man kann zig Fakten aufzählen.
Warum sich Frau Merkel jetzt dort einmischen will, ist mir persönlich völlig unklar, außer dass sie sich einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen will und ihre Machtphantasien auslebt. Den Blick für die Realität hat diese Frau schon lange verloren.