Migranten in Deutschland: Arm, aber glücklich

Migranten in Deutschland: Arm, aber glücklich

, aktualisiert 03. Mai 2016, 16:27 Uhr
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Die Migranten in Deutschland sind im Schnitt jünger als der Rest der Bevölkerung.

von Barbara GillmannQuelle:Handelsblatt Online

Jeder fünfte Bewohner Deutschlands ist Migrant. Im Schnitt sind sie ärmer, ungebildeter und häufiger arbeitslos – aber zufriedener. Welche Schlüsse Migrationsforscher daraus für die Integration von Geflüchteten ziehen.

BerlinFast 17 Millionen Menschen in Deutschland sind Migranten, also jeder fünfte. Sie verjüngen Deutschland deutlich, denn im Schnitt sind sie nur gut 35 Jahre alt – und damit zwölf Jahre jünger als Nicht-Migranten. Entsprechend höher ist also auch ihr Anteil in Schule und Ausbildung: In den Grundschulen stellen sie mehr als ein Drittel der Schüler. Das zeigt der jüngste Datenreport des Statistischen Bundesamtes und dreier Institute.

Im Schnitt sind Migranten geringer gebildet, seltener erwerbstätig, sie verdienen weniger und sind vermehrt von Armut bedroht. Bei der Schulbildung wurden zuletzt allerdings deutliche Fortschritte erzielt: Die jüngsten Pisa-Tests der 15-Jährigen fielen vor allem deshalb besser aus als früher, weil die Migranten kräftig aufgeholt haben.

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Migranten sind per Definition solche, die – unabhängig von der Nationalität - entweder selbst im Ausland geboren sind oder zumindest ein Elternteil haben, das aus dem Ausland stammt. Mehr als die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsbürger, ein Drittel ist Deutschland geboren.

Der über 400 Seiten starke Bericht hat auch das Ziel, in der aktuellen Flüchtlingsdebatte Fakten zu liefern. So fordert er, leichtere Zugänge für Bildungsangebote zu schaffen. Denn je besser qualifiziert die Menschen sind, umso seltener sind sie erwerbslos. 2014 waren 65 Prozent der 15- bis 64-Jährigen mit Migrationshintergrund erwerbstätig – elf Prozent weniger als in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), forderte bei der Präsentation der Studie Konsequenzen aus der Erfahrung älterer Zuwanderer. Für die aktuelle Situation Geflüchteter müsse gelernt werden, „was wir anders und richtiger machen können“.

Heinrich Alt, Ex-Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit, forderte eine Beschleunigung der bürokratischen Abläufe. „Wir müssen diese elend langen Asylverfahren verkürzen. Auf eine Zeit von maximal drei Monaten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Ein bis zwei Jahre warten - das ist Elend pur. Das hält Menschen von Arbeit ab, erzeugt Frust, Schwarzarbeit und Kleinkriminalität.“.´


Wie stark sich Migranten benachteiligt fühlen

Ein Grund für das geringere Einkommen der Migranten ist das Alter: Weil ein größerer Anteil noch in Ausbildung ist, zieht dies den Schnitt nach unten. Daneben spielt die niedrigere Erwerbstätigkeit der Frauen eine Rolle: 37 Prozent aller Migrantinnen zwischen 15 und 64 standen 2014 dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Bei Frauen ohne Migrationshintergrund waren es nur 24 Prozent. Bei Männern ist der Unterschied deutlich geringer: Hier liegen die Anteile bei 21 und 16 Prozent.

Trotz ihrer geringeren Einkommen sind Migranten im Durchschnitt aber „sogar etwas zufriedener als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund und blicken optimistischer in die Zukunft“, schreiben die Migrationsforscher. Ihre Lebenszufriedenheit in fünf Jahren schätzen sie sogar deutlich besser ein als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Benachteiligung wegen ihrer Herkunft empfinden insgesamt acht Prozent der Migranten. Bei Menschen mit türkischer Abstammung sind es 18 Prozent. Besonders verbreitet ist Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Dahinter steckten „rassistische, zum Teil völkisch anmutende Anschauungen in der Gesellschaft“, sagte Thomas Krüger, der Präsident der Bundesanstalt für politische Bildung. Integration erfordere Anstrengungen von beiden Seiten.

Die regionale Verteilung der Migranten in Deutschland ist nicht nur sehr ungleich – und fordert damit die Integrations- und Bildungspolitiker auf höchst unterschiedliche Weise. Sie hat sich seit 2005 auch stark verändert: Am stärksten ist der Anteil in Hessen, Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz gestiegen.

Die höchsten Migrantenquote von 26 bis 28 Prozent gibt es derzeit in Bremen, Hamburg, Baden-Württemberg und Hessen. In NRW sind es 25, in Bayern nur 20 Prozent. In den fünf ostdeutschen Ländern leben dagegen nicht einmal fünf Prozent Migranten – der Anteil ging dort zudem noch zurück.

Ein relativ neues Phänomen sind die überdurchschnittlich schlecht gebildeten und entsprechend einkommensschwachen Senioren unter den Migranten, mit deren Situation sich der Datenreport zum ersten Mal befasst. 2013 waren 4,1 Millionen Migranten mindestens 50 Jahre alt. Unter den älteren Migranten aus Gastarbeiter-Anwerbeländern hatten fast zwei Drittel keinen berufsqualifizierenden Abschluss, und nur die Hälfte arbeitet noch. Mehr als ein Viertel bezieht bereits eine Rente, meist aufgrund von Erwerbsunfähigkeit. Entsprechend hoch ist die Armutsquote: Knapp ein Viertel der 50- bis 64-Jährigen und gut ein Drittel der über 65-Jährigen sind armutsgefährdet – das ist sehr viel mehr als bei den gleichaltrigen Nicht-Migranten. Dort liegen die entsprechenden Quoten bei 11 und 12 Prozent.

Etwas besser ist die Lebenssituation der älteren Aussiedler: Drei Viertel der 50- bis 64-Jährigen besitzen einen Berufsabschluss, drei Viertel gehen noch einer Erwerbstätigkeit nach. Trotzdem ist auch bei ihnen die Armutsquote mit 18 Prozent vergleichsweise hoch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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