Mindestlohn Zoff bis zum Schluss

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Besteht Einigkeit über die Wirkungen des Mindestlohns?


Unbestritten ist, dass die Beschäftigung insgesamt und auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs trotz der Einführung des Mindestlohns weiter gestiegen sind. Das gilt auch in Branchen wie dem Gastgewerbe oder dem Handel, die besonders lautstark vor massenhaften Arbeitsplatzverlusten gewarnt haben.  Unbestritten ist auch, dass die Zahl der Minijobs gesunken ist. Zu einem nicht unerheblichen Teil wurden sie in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt. Niemand kann allerdings wissen, wie viele Arbeitsplätze neu geschaffen worden wären, wenn es die gesetzliche Lohnuntergrenze nicht gäbe.

Hier spüren Verbraucher den Mindestlohn

Auch ist unklar, wie der Arbeitsmarkt bei einer konjunkturellen Abkühlung reagieren wird. Die Arbeitgeber halten es deshalb für verfrüht, schon zum jetzigen Zeitpunkt eine umfassende Bewertung des Mindestlohngesetzes vorzunehmen. Die Gewerkschaften werden dagegen deutlich machen, dass die befürchteten Horrorszenarien von massenhaften Jobverlusten nicht Wirklichkeit geworden sind.  

Welche Effekte hat die Anhebung des Mindestlohns?
Wer im Alter eine Rente oberhalb der staatlichen Grundsicherung beziehen will, müsste nach Angaben des Arbeitsministeriums bei 38,5 Wochenstunden und 45 Beitragsjahren eigentlich mindestens 11,68 Euro verdienen. In der Antwort auf eine Anfrage der Linken gestand die Bundesregierung zudem kürzlich ein, dass die 8,50 Euro in vielen Ballungsräumen wegen hoher Mieten nicht zum Leben reichen.

Wo Mindestlöhne gelten
Die zwei-Millionen-AusnahmeFünf Millionen Menschen könnten vom gesetzliche Mindestlohn profitieren. Doch es gibt immer mehr Ausnahmen. Minijobber, Rentner, Schüler, Studenten und hinzuverdienende Arbeitslose sollen den Mindestlohn nicht bekommen. Nach einer Analyse der Böckler-Stiftung sind rund zwei Millionen Menschen davon betroffen. Das wäre weit mehr als ein Drittel der rund 5 Millionen Menschen in einem Arbeitsverhältnis, die derzeit für einen Stundenlohn unterhalb von 8,50 Euro arbeiten. In vielen Berufen in Deutschland gibt es bereits Mindestlöhne. Quelle: dpa
AbfallwirtschaftEin gesetzlicher Mindestlohn würde den staatlichen Haushalt entlasten, heißt es in einer aktuellen Studie des Forschungsunternehmens Prognos. Bei einer Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde könnte der Staat mit Mehreinnahmen von mehr als sieben Milliarden Euro im Jahr rechnen. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Staaten existiert in Deutschland bislang kein gesetzlicher Mindestlohn. Bislang wurde die Lohnuntergrenze nur in einigen Bereichen festgelegt. wiwo.de hat ermittelt, welche Mindestlöhne aktuell in Branchen gelten. Im Lohn-Mittelfeld liegen etwa die Mitarbeiter in der Abfallwirtschaft. Die Branche mit 175.000 Arbeitnehmern hat zurzeit einen Mindestlohn von 8,68 Euro. Quelle: ZBSP
BauhauptgewerbeRund 432.200 der Beschäftigten im westdeutschen Bauhauptgewerbe sind durch Mindestlöhne geschützt. Sie sind differenziert nach sogenannten Werkern (11,10 Euro) und Fachwerkern (13,95 Euro, Berlin: 13,80 Euro). Für die 128.000 Werker in den neuen Bundesländern beträgt der Mindestlohn 10,50 Euro. Die Mindestlöhne der westdeutschen Beschäftigtengruppe sollen ab dem 01. Januar 2015 auf 11,15 Euro (Werker) bzw. 14,20 Euro (Fachwerker) angehoben werden, in Ostdeutschland auf 10,75 Euro. Quelle: dpa
BergbauspezialistenDer Mindestlohn betrifft hier nur rund 2.500 Arbeitnehmer. Bei einfacheren Tätigkeiten gilt der Mindestlohn I in Höhe von 11,92 Euro. Bei Hauern und Facharbeitern gilt der Mindestlohn II in Höhe von 13,24. Quelle: dpa
DachdeckerhandwerkIm Westen und Osten galt bis jetzt für rund 71.900 Beschäftigte ein Mindestlohn von 11,55 Euro. Zum 1. Januar 2015 ist ein Anstieg auf 11,85 Euro geplant. Quelle: dpa
Elektrohandwerk (Montage)Betroffen sind rund 295.700 Beschäftigte, die bisher mindestens 10,00 Euro (Ostdeutschland inkl. Berlin: 9,10 Euro) erhalten mussten - zum 01. Januar 2015 wird dieses Limit auf 10,10 Euro (West) bzw. 9,35 Euro (Ost) angehoben. Quelle: dpa
GebäudereinigerhandwerkVon rund 700.000 Arbeitnehmern ist in der Branche nur etwa die Hälfte sozialversichert. Im Bereich Glas-, Fassaden- und Verkehrsanlagenreinigung beträgt der Mindestlohn aktuell 10,31 Euro in den neuen und 12,33 Euro in den alten Bundesländern. Ab dem 01. Januar 2015 sollen die Mindestlöhne auf 12,65 Euro (West) bzw. 10,63 Euro (Ost) angehoben werden. Im Segment der Innen- und Unterhaltsreinigung steigen die Mindestlöhne in den neuen Bundesländern von aktuell 7,96 Euro auf 8,21 Euro und von 9,31 Euro auf 9,55 Euro pro Stunde in den alten Bundesländern. Quelle: dpa

In München etwa bringt ein Vollzeitjob mit Mindestlohn 156 Euro weniger ein als der Staat einem Hartz-IV-Empfänger in der bayerischen Landeshauptstadt zubilligen würde. Gewerkschafter wie Verdi-Chef Frank Bsirske nutzen solche Zahlen für die Forderung, den Mindestlohn auf neun Euro anzuheben und dann „in schnellen Schritten in Richtung zehn Euro“ weiterzuentwickeln. Es könne nicht das Ziel sein, dass ein Beschäftigter sein Leben lang nur zum Mindestlohn arbeite, kontern die Arbeitgeber.

Bei beruflichem Aufstieg würden solche Rechenmodelle schnell obsolet. Die Wirtschaft treibt eher die Sorge um, dass mit der anstehenden Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns der Abstand zu tariflich ausgehandelten Entgelten im unteren Lohnsegment immer kleiner wird. Zögen die Tarifpartner nicht nach und erhöhten die Einstiegsentgelte, würde der Mindestlohn immer mehr tarifvertragliche Regelungen ersetzen und überflüssig machen, warnt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands in Baden-Württemberg, Peer-Michael Dick: „Tarifbindung und Tarifautonomie wäre damit ein Bärendienst erwiesen.“        

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