Mindestlohn-Debatte: Warum der Mindestlohn nichts an der Armut ändert

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InterviewMindestlohn-Debatte: Warum der Mindestlohn nichts an der Armut ändert

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Karl Brenke

von Max Haerder

Der Ökonom Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung über die Gefahren des Mindestlohnes, Sinn und Unsinn von Ausnahmen und die Frage, ob 8,50 Euro gegen Armut helfen.

Herr Brenke, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will Jugendliche bis 18 Jahre vom Mindestlohn ausnehmen. Ist das der richtige Weg?

Die Idee dahinter ist ja, Jugendlichen keine Anreize zu liefern, den Aushilfsjob für 8,50 Euro pro Stunde einer Ausbildung vorzuziehen. Frau Nahles geht wohl davon aus, dass es überhaupt zahlreiche unter 18-Jährige gibt, die weder zur Schule gehen noch Azubis sind. Das halte ich nach der Datenlage für sehr unwahrscheinlich. Also kann man sagen: Eine solche Ausnahme wird nicht schaden, aber auch nicht viel bringen.

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Was würde denn etwas bringen?

Problematisch könnte es für all die Jobs werden, die nach Stücklöhnen oder per Umsatzbeteiligung bezahlt werden – nehmen Sie etwa das Taxigewerbe oder die Zeitungsausträger. Da reden wir von etwa einer Million Arbeitnehmern in Deutschland. In den USA existieren Ausnahmen für klar definierte Arbeitsplätze, die auch nicht einfach ersatzlos wegfallen können. Darüber sollte man nachdenken.

Wirtschaftsvertreter, aber auch Stimmen aus der Union, fordern außerdem, dass der Mindestlohn nicht für Langzeitarbeitslose gelten dürfe. Was halten Sie davon?

Ich bin da skeptisch. Den meisten fehlt es an einem Bildungsabschluss, viele aber haben nach Jahren ohne Beschäftigung ganz grundsätzliche Probleme: Mit der Motivation oder ihrer Gesundheit. Außerdem es gibt häufig familiäre Einschränkungen. Das lösen weder Ausnahmen noch die bekannten Lohnkosten-Zuschussmodelle. Die entwickeln schnell ein Eigenleben, wo Langzeitarbeitslose in eine geförderte Stelle kommen und nach Ende der Förderung schnell wieder draußen sind. Und dann beginnt das Ganze wieder von vorn. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Wie definiere ich denn dann langzeitarbeitslos? Wenn ich kurz einen geförderten Job hatte, falle ich da noch drunter? Das ist also komplizierter als es in der öffentlichen Debatte klingt.

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Ganz allgemein: Wie bewerten Sie den geplanten Mindestlohn?

Ich gehören nicht zu den kategorischen Gegnern, aber: Ich bin sehr skeptisch, ob die politisch gesetzte Höhe ohne Schaden für den Arbeitsmarkt bleiben kann. Der Mindestlohn ist ein gewaltiges Experiment bei dem die Bundesregierung mit einer sehr hohen Dosis beginnt. Da hätte die Politik vorsichtiger sein müssen.

Im Wahlkampf würde der Mindestlohn sehr gern als Instrument der Armutsbekämpfung in Stellung gebracht. Zu Recht?

Nicht wirklich. Ich illustriere das gerne an den rund 1,3 Millionen Aufstockern, die arbeiten, aber trotzdem zusätzlich Hartz-IV-Leistungen bekommen. Die allermeisten dieser Aufstocker arbeiten in Teilzeit; insbesondere als Minijobber. Sie haben in erster Linie ein Unterbeschäftigungsproblem. Nur bei einem kleinen Teil handelt es sich um Vollzeitkräfte, die als Alleinverdiener eine Familie zu ernähren haben. Sie bekommen das Geld tatsächlich zumeist wegen der Größe des Haushalts und nicht nur wegen sehr niedriger Löhne. Der Single, der Vollzeit arbeitet und von seinem Gehalt nicht leben kann, ist eine absolute Seltenheit. Dagegen: Wer alleine eine vierköpfige Familie ernähren will ohne auf Grundsicherung angewiesen zu sein, muss schon zehn Euro oder besser mehr Stundenlohn nach Hause bringen. Sonst wird auch er oder sie aufstocken müssen. Daran wird der Mindestlohn nichts ändern.

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