Mindestlohn: Wirtschaftsexperten warnen vor schnellem Mindestlohn-Anstieg

Mindestlohn: Wirtschaftsexperten warnen vor schnellem Mindestlohn-Anstieg

Nach etwa einem halben Jahr flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland spüren nur wenige Branchen negative Auswirkungen - vor allem in Ostdeutschland. Doch Experten mahnen zur Vorsicht.

Eine schnelle Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland ist keine gute Idee, sagen Wirtschaftsforscher. „Ich wäre jetzt erst einmal extrem vorsichtig, den Mindestlohn anzuheben“, sagte der Arbeitsmarktexperte Ronald Bachmann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Einführung der neuen Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde zum Jahresstart sei dank der guten konjunkturellen Lage ohne größere negative Auswirkungen gelungen.

Trotzdem sei Vorsicht geboten. „Eine Kombination aus einer sich irgendwann wieder abkühlenden Konjunktur und einem steigenden Mindestlohn könnte sehr gefährlich werden“, sagte der Experte. „Dann würden die Kosten der Arbeit steigen und die Firmen hätten gleichzeitig weniger Nachfrage“, erklärte Bachmann. Damit würde auch der Bedarf an Arbeitskräften sinken. „Und wenn diese gleichzeitig noch teurer werden, ist die Gefahr von Entlassungen sehr hoch.“

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Hier spüren Verbraucher den Mindestlohn

  • Friseur

    Das Friseurhandwerk gilt als klassische Niedriglohnbranche. Über einen Branchentarifvertrag gibt es hier schon seit mehr als einem Jahr einen Mindestlohn, der zum 1. August 2015 auf 8,50 Euro steigt.

    Zum 1. August 2013 hatten sich Handwerk und die Gewerkschaft Verdi auf eine bundesweite Lohnuntergrenze geeinigt, die nun schrittweise steigt. Vor allen in Großstädten machen sich Friseure große Konkurrenz. Stundenlöhne um vier Euro waren in früheren Zeiten nicht ausgeschlossen. Deutliche Preissteigerungen gab es schon und wird es nach Ansicht der Branche vor allem dort geben, wo die Löhne bisher nicht stimmten.

  • Taxi

    Auch hier werden Kunden bald tiefer in die Tasche greifen müssen. Bisher zahlt die Branche nach Schätzungen des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands rund 6,50 Euro pro Stunde. Der Lohn ist dabei oft am Umsatz orientiert. Die Tarife werden von den Kommunen festgelegt.

    An ihre Adresse gibt es bereits viele Anträge auf Preiserhöhungen, im Schnitt von 20 bis 25 Prozent. Die Branche rechnet aber auch damit, dass Unternehmen die Anzahl ihrer Wagen reduzieren und Stellen streichen könnten. Branchenkenner halten Tricksereien für möglich, um den Mindestlohn zu umgehen. In jedem Fall steht die Branche vor großen Umstrukturierungen.

  • Lebensmittel

    Viele Obst- und Gemüsebauern gehen davon aus, dass ihre Preise steigen, zum Beispiel für Erdbeeren, Spargel, Sauerkirschen und Äpfel. Denn der Mindestlohn gilt auch für Erntehelfer - allerdings noch nicht sofort.

    Für Saisonarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau soll der Stundenlohn hier schrittweise ab 2015 von 7,40 im Westen und 7,20 im Osten auf einheitliche 9,10 Euro im Jahr 2017 steigen. Viele Landwirte sehen das als Wettbewerbsnachteil in der EU. In anderen Staaten gebe es zwar auch Mindestlöhne, aber sie lägen deutlich niedriger.

  • Pflege

    Einen Mindestlohn in der Pflegebranche gibt es bereits seit Mitte 2010. Zurzeit liegt er im Westen bei 9 und im Osten bei 8 Euro. Ab Januar 2015 sind es dann 9,40 Euro und 8,65 Euro. Das gilt für Betriebe - vom Pflegeheim bis zu ambulanten Diensten. In zwei Schritten soll der Mindestlohn bis Januar 2017 auf 10,20 Euro pro Stunde im Westen und 9,50 Euro im Osten steigen. Ab 1. Oktober 2015 solle der Pflegemindestlohn neu auch für Betreuungs- und Assistenzkräfte in Heimen gelten.

    Privathaushalte, die eine Pflegekraft beschäftigen, sollen ab Januar den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen. Der Arbeitgeberverband Pflege geht davon aus, dass Pflege damit teurer wird - allerdings nicht sofort und auch nicht in riesigen Sprüngen. Denn bereits jetzt verdiene die Mehrzahl der Pflegehilfskräfte mehr als den Mindestlohn, sagte Sprecher Steffen Ritter. Auch stiegen die Beiträge zur Pflegeversicherung in den kommenden Jahren um rund einen Prozentpunkt an und federten die Lohnsteigerungen ein wenig ab.

Eine Mindestlohn-Kommission soll künftig alle zwei Jahre prüfen, ob der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn der allgemeinen Einkommensentwicklung angepasst werden muss. Die Kommission will erstmals im Mai oder Juni 2016 einen Vorschlag unterbreiten, wie hoch der Mindestlohn ab dem 1. Januar 2017 sein sollte.

Der stellvertretende Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller, sagte: „Je höher der Mindestlohn wird, desto größer werden auch die Arbeitsplatzverluste ausfallen.“

100 Tage Mindestlohn 8,50 Euro - umkämpft wie am ersten Tag

Seit hundert Tagen gilt der gesetzliche Mindestlohn. Ein ökonomisches Debakel ist ausgeblieben - jedenfalls bislang. Politisch ist der Streit um Wohl und Wehe von 8,50 Euro trotzdem noch lange nicht ausgefochten.

Illustration zum Mindestlohn: Kein Lohn unter 8,50 Euro. Quelle: dpa

Der Mindestlohn habe auch Auswirkungen auf das gesamte Lohngefüge. „Alle, die vorher 9,50 Euro verdient haben, wollen auch mehr verdienen, um den Abstand wieder herzustellen. Das heißt, die Lohnstückkosten steigen insgesamt in Deutschland.“

In den ersten sechs Monaten seien die Auswirkungen des Mindestlohns aus gesamtwirtschaftlicher Sicht überschaubar gewesen, sagte der Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner.

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„Wir haben eine kräftige Konjunktur, wir haben eine super Arbeitsmarktsituation und viele Unternehmen haben hohe Gewinne, weil die Energiepreise niedrig sind.“ Das habe es leichter für die Firmen gemacht, den Mindestlohn erst einmal wegzustecken.

„Aber man sollte ein bisschen vorsichtig sein, weil auch wieder schwierigere konjunkturelle Zeiten kommen werden und uns dann möglicherweise noch mal eine Rechnung präsentiert wird“, sagte Fichtner. „Es ist vorstellbar, dass im nächsten Abschwung die Arbeitsmarkteffekte etwas ausgeprägter sind als sie es ohne den Mindestlohn wären.“

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