Mindestlohn: Wo mehr Lohn ist, ist mehr Schatten

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Mindestlohn: Wo mehr Lohn ist, ist mehr Schatten

von Henning Krumrey

Tübinger Wissenschaftler haben hochgerechnet: Durch den neuen Mindestlohn nehmen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung um 1,5 Milliarden Euro zu.

Wer sich über diese Meldung wundert, hat in den vergangenen 24 Monaten geschlafen: Seit im Bundestagswahlkampf 2013 die Diskussion um den Mindestlohn vehementer wurde und dann auch die Unionsparteien auf diese Linie einschwenkten – mithin die Einführung einer solchen Untergrenze immer wahrscheinlicher wurde -, häuften sich auch die Warnungen, dass dadurch die Schwarzarbeit zunehmen werde. Das Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen hat nun eine Prognose für das Jahr 2015 erstellt. Das Ergebnis ist eindeutig: Der jahrelange Rückgang der Schattenwirtschaft erlahmt. Der Mindestlohn macht’s möglich.

Gemeinsam mit Friedrich Schneider, Professor an der Universität Linz und führender Experte für die Erforschung der Schattenwirtschaft im deutschsprachigen Raum, haben die Tübinger Wissenschaftler hochgerechnet, welche Rolle die illegale Beschäftigung in diesem Jahr spielen wird.  Dazu gehören sowohl die klassische Schwarzarbeit als auch illegaler Verleih von Arbeitnehmern und andere kriminelle Machenschaften jenseits des offiziellen Arbeitsmarktes.

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Hier spüren Verbraucher den Mindestlohn

  • Friseur

    Das Friseurhandwerk gilt als klassische Niedriglohnbranche. Über einen Branchentarifvertrag gibt es hier schon seit mehr als einem Jahr einen Mindestlohn, der zum 1. August 2015 auf 8,50 Euro steigt.

    Zum 1. August 2013 hatten sich Handwerk und die Gewerkschaft Verdi auf eine bundesweite Lohnuntergrenze geeinigt, die nun schrittweise steigt. Vor allen in Großstädten machen sich Friseure große Konkurrenz. Stundenlöhne um vier Euro waren in früheren Zeiten nicht ausgeschlossen. Deutliche Preissteigerungen gab es schon und wird es nach Ansicht der Branche vor allem dort geben, wo die Löhne bisher nicht stimmten.

  • Taxi

    Auch hier werden Kunden bald tiefer in die Tasche greifen müssen. Bisher zahlt die Branche nach Schätzungen des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands rund 6,50 Euro pro Stunde. Der Lohn ist dabei oft am Umsatz orientiert. Die Tarife werden von den Kommunen festgelegt.

    An ihre Adresse gibt es bereits viele Anträge auf Preiserhöhungen, im Schnitt von 20 bis 25 Prozent. Die Branche rechnet aber auch damit, dass Unternehmen die Anzahl ihrer Wagen reduzieren und Stellen streichen könnten. Branchenkenner halten Tricksereien für möglich, um den Mindestlohn zu umgehen. In jedem Fall steht die Branche vor großen Umstrukturierungen.

  • Lebensmittel

    Viele Obst- und Gemüsebauern gehen davon aus, dass ihre Preise steigen, zum Beispiel für Erdbeeren, Spargel, Sauerkirschen und Äpfel. Denn der Mindestlohn gilt auch für Erntehelfer - allerdings noch nicht sofort.

    Für Saisonarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau soll der Stundenlohn hier schrittweise ab 2015 von 7,40 im Westen und 7,20 im Osten auf einheitliche 9,10 Euro im Jahr 2017 steigen. Viele Landwirte sehen das als Wettbewerbsnachteil in der EU. In anderen Staaten gebe es zwar auch Mindestlöhne, aber sie lägen deutlich niedriger.

  • Pflege

    Einen Mindestlohn in der Pflegebranche gibt es bereits seit Mitte 2010. Zurzeit liegt er im Westen bei 9 und im Osten bei 8 Euro. Ab Januar 2015 sind es dann 9,40 Euro und 8,65 Euro. Das gilt für Betriebe - vom Pflegeheim bis zu ambulanten Diensten. In zwei Schritten soll der Mindestlohn bis Januar 2017 auf 10,20 Euro pro Stunde im Westen und 9,50 Euro im Osten steigen. Ab 1. Oktober 2015 solle der Pflegemindestlohn neu auch für Betreuungs- und Assistenzkräfte in Heimen gelten.

    Privathaushalte, die eine Pflegekraft beschäftigen, sollen ab Januar den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen. Der Arbeitgeberverband Pflege geht davon aus, dass Pflege damit teurer wird - allerdings nicht sofort und auch nicht in riesigen Sprüngen. Denn bereits jetzt verdiene die Mehrzahl der Pflegehilfskräfte mehr als den Mindestlohn, sagte Sprecher Steffen Ritter. Auch stiegen die Beiträge zur Pflegeversicherung in den kommenden Jahren um rund einen Prozentpunkt an und federten die Lohnsteigerungen ein wenig ab.

Durch den Mindestlohn, so erwarten die Experten, werde die Schwarzarbeit, deren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahren gesunken war, nun nicht weiter zurückgehen. Allein die Lohnuntergrenze verursache ein Plus von 1,5 Milliarden Euro, das allerdings durch die sinkenden Rentenbeiträge kompensiert werde. Dadurch bleibt das Gesamtniveau bei rund 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts konstant. Knapp 340 Milliarden Euro erwirtschaften Deutschlands schwarze Schafe an Fiskus und Sozialversicherungen vorbei.

Der Wirkungsmechanismus beim Mindestlohn ist einfach. Durch die steigenden Kosten müssen die Unternehmen entweder die Preise erhöhen oder Arbeitskräfte abbauen. Steigende Preise machen es für die Kunden attraktiver, die gewünschte Leistung ohne offizielle Rechnung zu bekommen. Und entlassene Kräfte werden versuchen, ihre Fähigkeiten auf anderem Wege zu Geld zu machen.

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Leicht anschaulich wird dies am Beispiel der Friseurinnen. Wenn ein Salon die Preise erhöht und die Zahl der Mitarbeiter ausdünnt, wachsen die Haare der Kunden längst nicht langsamer. Aber es ist nun für die Friseurin wie die Verbraucher attraktiver, die Fachkraft zu Haarschnitt oder Dauerwelle in die eigene Wohnung kommen zu lassen.

Man kann diese Berechnungen freilich auch einfach zynisch hinnehmen: Es ist zwar ein Beispiel für die negativen Wirkungen des Mindestlohns, es wird aber nicht das einzige bleiben.

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