Mindestlohndebatte: "Eigentlich lebt man vom Trinkgeld"

Mindestlohndebatte: "Eigentlich lebt man vom Trinkgeld"

Die FDP hat den Eindruck einer Kehrtwende beim Mindestlohn zurückgewiesen. Am Montag soll ein neues Positionspapier im Parteipräsidium beraten werden. Arbeitnehmer, für die Stundenlöhne von unter fünf Euro normal sind, sind gespannt.

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Für viele wird der Traumberuf zum finanziellen Albtraum: Friseure gehören zu den Billiglöhnern.

Die Frau schüttelt ungläubig den Kopf. „3,82 Euro, wirklich?“ Ja, sagt die 33 Jahre alte Friseurmeisterin zu ihrer Kundin, der sie gerade in einem schicken Erfurter Salon eine Kurzhaarfrisur verpasst. Mit dem kleinen Stundenlohn und einer Umsatzbeteiligung - wenn das Geschäft gut lief und sie ihr Monatssoll von 1800 Euro überbot - habe sie sich als Berufseinsteigerin einige Jahre herumgeschlagen. „511 Euro netto waren das oft nur am Monatsende. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, sagt die Friseurin. Sie ist kein Einzelfall in einer Branche mit rund 261 000 Beschäftigten, in der beim Waschen, Schneiden, Färben ein harter Preiskampf tobt.

8,50 Euro pro Stunde Bundesrat stimmt für Mindestlohn

Der Bundesrat hat sich für die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes ausgesprochen. Der Entwurf für das Gesetz sieht einen Stundenlohn von 8,50 Euro vor. Im Bundestag droht ihm jedoch ein Scheitern.

«8,50» steht in großen Ziffern vor dem Bundeskanzleramt in Berlin, die für einen Mindestlohn von 8,50 Euro stehen (Foto vom 23.02.2011). Die rot-grüne Mehrheit im Bundesrat will eine Gesetzesinitiative für einen bundesweit einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn auf den Weg bringen. Quelle: dpa

Der Thüringer Tarifvertrag aus den 1990er Jahren, für den es bisher noch keinen verbindlichen Ersatz gibt, sieht als Einstieg einen Stundenlohn von 3,82 Euro plus Umsatzbeteiligung ab bestimmten Schwellenwerten vor. Er gilt als wohl niedrigster Tariflohn bundesweit. „Viele warten, dass endlich etwas mit Mindestlöhnen passiert“, sagt die 30-jährige Simone, auch sie ist ausgebildete Friseurin in Thüringen.

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Friseurinnen wie Simone könnten von einem Mindestlohn, über den die Parteien mit Blick auf die Bundestagswahl streiten, profitieren. In Berlin hat die neue rot-rot-grüne Mehrheit im Bundesrat am Freitag einen Gesetzesantrag zur Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde beschlossen. Unterstützung dafür gab es auch von der CDU-geführten saarländischen Landesregierung. Aber Schwarz-Gelb hat schon angekündigt, die Initiative im Bundestag wieder zu Fall zu bringen.

FDP will branchenspezifische, regional differenzierte Mindestlöhne

Es gehe nicht darum, Lohnuntergrenzen für alle Branchen des deutschen Arbeitsmarktes zu vereinbaren, sagte Parteisprecher Peter Blechschmidt am Samstag in Berlin. In einem Papier, das zwischen dem Parteivorsitzenden Philipp Rösler und Fraktionschef Rainer Brüderle abgestimmt sei, heiße es vielmehr, die Höhe der Lohnuntergrenzen sollte „Branche für Branche festgelegt werden - dezentral und differenziert“. Die FDP wolle so die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Tarifpartner in eigener Regie Untergrenzen fänden. Die Forderung nach branchenspezifischen, regional differenzierten Mindestlöhnen sei schon immer die Position der FDP gewesen, sagte Blechschmidt. Jetzt gehe es darum, vor dem Bundesparteitag am nächsten Wochenende noch einmal klar Position zu beziehen. Die Beschlussvorlage soll am Montag im Parteipräsidium beraten werden.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat der FDP vorgeworfen, mit ihrem Schwenk hin zum Einsatz für Lohnuntergrenzen nur Nebelkerzen zu werfen. „Die FDP versteht nicht, worum es geht“, sagte Gabriel am Samstag der Deutschen Presse-Agentur am Rande eines Bürgerkonvents in Berlin. „Es ist jetzt die Zeit für Entscheidungen und nicht für irgendwelche Positionspapiere.“ Unverbindliche Lohnuntergrenzen führten nicht dazu, „dass die Menschen auch von ihrer Arbeit leben können“. Union und FDP müssten im Bundestag Farbe bekennen, wenn über den Bundesratsvorstoß für einen bundesweiten, gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro entschieden werde. „Ein Mindestlohn ist der Lohn, den man braucht, um trotz Vollzeitarbeit nicht zum Sozialamt gehen zu müssen“, sagte der SPD-Vorsitzende.

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