Mitbestimmung: Die neue Macht der Gewerkschaften

Mitbestimmung: Die neue Macht der Gewerkschaften

Bild vergrößern

Gruppenbild mit Kanzlerin. Die Gewerkschaftsbosse finden in der Politik wieder mehr Gehör, auch bei Angela Merkel

Die Finanzkrise und ein neuer Zeitgeist haben den Niedergang der Gewerkschaften gestoppt. Jetzt wollen IG Metall und Co. ihren Einfluss in den Betrieben massiv ausbauen – durch Kapitalbeteiligungen der Arbeitnehmer.

Die Terminkalender deutscher Spitzengewerkschafter sind in diesen Tagen randvoll mit wichtigen Verabredungen. Am vergangenen Montag lud die SPD zum Wahlkampfauftakt mit After-Show-Party nach Hannover ein. Am Dienstag bat Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier die Gewerkschaftsspitzen zum Lunch ins Auswärtige Amt. Bereits am Freitag letzter Woche hatten die Gewerkschaftsbosse im Kanzleramt mit Angela Merkel diniert. Man könne sich doch öfter sehen, sagte die Kanzlerin bei Kalbsschnitzel mit Kartoffelpüree, sie würde die Gewerkschafter gern zu vier Treffen im Jahr einladen. „Wir kommen auch sechsmal“, entgegnete Franz-Josef Möllenberg, Chef der Gewerkschaft NGG.

Keine Frage: Die Gewerkschaften, jahrelang als Neinsager der Nation verschrien, sind wieder im Geschäft. Selten war es für sie leichter, ihre Wünsche in der Politik unterzubringen. Das Arbeitsministerium will die Ende des Jahres auslaufende Altersteilzeit verlängern. Die Kanzlerin verspricht, den Kündigungsschutz nicht anzutasten. Die SPD trommelt für Mindestlöhne, sägt an der Rente mit 67 und hat reihenweise Gewerkschaftsfunktionäre mit guten Listenplätzen für die Bundestagswahl versorgt.

Anzeige

Die Gunst der Stunde nutzen

Ausgerechnet die Rezession hat den Gewerkschaften zu einer Renaissance verholfen. Regulierung und der Ruf nach dem Staat stehen seit jeher auf ihrer Agenda; jetzt weht auch der Zeitgeist aus dieser Richtung. 35 Prozent der Deutschen haben plötzlich „viel“ oder „ziemlich viel“ Vertrauen in die Gewerkschaften, ergab eine Allensbach-Umfrage. Die Gewerkschaften liegen damit knapp vor dem Bundestag (33 Prozent), deutlich vor den Unternehmerverbänden (22 Prozent) und meilenweit vor den Parteien (12 Prozent).

Kein Wunder also, dass sie jetzt die Gunst der Stunde nutzen. Und es geht ihnen nicht nur darum, die Regierung mit politischen Forderungen zu füttern. Künftig wollen die Gewerkschaften auch die Unternehmen stärker mitsteuern, etwa bei Investitionsplänen und Standortverlagerungen. Um die Mitbestimmung auszuweiten, haben sie auch schon ein Vehikel gefunden – die Kapitalbeteiligung der Belegschaften an den Betrieben.

Die Idee: Die Mitarbeiter kriselnder Unternehmen verzichten auf Lohn, das Geld wird aber nicht mehr (wie früher) im Tausch gegen eine Beschäftigungsgarantie eingespart, sondern in Unternehmensanteile umgewandelt. Das neue Heer der Kleinkapitalisten soll seine Stimmrechte dabei nicht selbst wahrnehmen, sondern an von Betriebsräten und Gewerkschaften kontrollierte Beteiligungsfonds abtreten.

Huber: Gute Kontakte zu Wirtschafts-Größen

Die Schlüsselfigur dabei ist Berthold Huber, der Erste Vorsitzende der IG Metall, der mit 2,3 Millionen Mitgliedern größten Gewerkschaft der Welt. Der 59-Jährige ist im Verlauf der Wirtschaftskrise zu einem der einflussreichsten Gewerkschaftsführer der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgestiegen. Huber ist stellvertretender Aufsichtsratschef von Siemens und Audi und hat – anders als seine Kollegen – einen guten Draht zu Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Als ehemaliger IG-Metall-Bezirksleiter von Baden-Württemberg ist er auch bei industriellen Schwergewichten im Südwesten wie Daimler, Porsche oder Bosch bestens verdrahtet. In seinem Büro im 15. Stock der Frankfurter IG-Metall-Zentrale bettelte die Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler um Unterstützung für ihren taumelnden Konzern. Im Zuge der Opel-Verhandlungen wurde der gelernte Werkzeugmacher jüngst sogar von Russlands Premier Wladimir Putin empfangen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%