Nach den Übergriffen von Köln: #Medienkrise

kolumneNach den Übergriffen von Köln: #Medienkrise

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Silvester-Übergriffe in Köln: Druck auf die Polizei wächst, Verunsicherung in der Bevölkerung steigt.

Kolumne von Dieter Schnaas

Meinungsmanagement auf der Basis von Vorurteilen - der Journalismus stellt sich mit der Berichterstattung über ausländische Sexhooligans in Köln ein schlimmes Zeugnis aus. Was tun? Blöde Frage. Zurück zu den Fakten natürlich! Eine Kolumne.

Zu den größten Illusionen, die sich so mancher Ü-30-Leser noch immer von den digitalen Medien macht, gehört die altmodische Vorstellung, ein Ereignis müsse seiner journalistischen Bewertung vorausgehen. Das ist erkennbar nicht mehr der Fall. Vielmehr ist es so, dass die Bewertung eines Ereignisses in Redaktionen und Textwerkstätten heute wortwörtlich „auf Taste“ liegt, das heißt: Der in der ständigen Gegenwart des Nachrichtenflusses arretierte Online-Redakteur oder Blogger greift nicht mehr bei Bedarf in den Schrank sorgfältig ausgesuchter Argumente, sondern streut seine Vorurteile auf Verdacht aus, wann immer er seinen Meinungsvorrat übers Internet mit der Welt kurzschließt und dabei versehentlich den Copy-and-Paste-Modus aktiviert.

So jedenfalls steht es entweder in seinem Arbeitsvertrag - oder so jedenfalls sieht es sein Selbstverständnis vor. Nachgereicht wird dem Leser allenfalls die Schilderung eines Ereignisses, dessen aktivistische Bewertung und Einordnung längst vorgenommen wurde. Anders gesagt: Was Kriminalisten die Verheißung eines Predictive-Crime-Managements im Wege datengestützter Wahrscheinlichkeitsrechnung ist, ist Echtzeit-Journalisten die Realität eines Preemptive-News-Managements auf der Basis prästabilierter Engstirnigkeit.

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Nach den Übergriffen in Köln 7 Fragen entscheiden über ein politisches Leben

Nach der Entlassung des Kölner Polizeipräsidenten gerät NRW-Innenminister Ralf Jäger selbst in den Fokus. An diesen Fragen entscheidet sich nun seine politische Karriere.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) während einer Pressekonferenz in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen).  Quelle: dpa

Die Berichterstattung über die systematische sexuelle Belästigung und Nötigung vieler Frauen rund um den Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht bietet Beispiele zuhauf für diesen bestürzenden Befund. Während Politiker die Gewaltsamkeiten wie üblich reflexhaft und wortreich befloskelten („Mit der vollen Härte des Gesetzes“… „wird in keiner Weise toleriert“… „wird konsequent zur Rechenschaft gezogen“…) und in einen Überbietungswettbewerb der realpolitisch so sinn- wie folgenlosen Sofortreaktion einstiegen (schnellere Abschiebung, noch schnellere Ausweisung…), stürzten sich viele Journalisten sogleich in die aktivismuspublizistische Ausbeutung der Ereignisse: in vergleichende Verharmlosung und akademische Relativierung, in xenophobe Zuspitzung und giftige Generalisierung - ganz so, als wären die Gewalttaten und Leiden der Opfer ohne ihre standrechtliche Auslegung nicht der Rede wert.

Übergriffe in Köln CDU-Spitze beschließt harte Konsequenzen

Knapp zwei Monate sind es noch bis zu wichtigen Landtagswahlen. Führende CDU-Politiker sehen bei den Anhängern eine desaströse Stimmung und fordern schärfere Gesetze.

Angela Merkel bei der Klausurtagung des CDU-Bundesvorstands gemeinsam mit Armin Laschet, Volker Bouffier, Peter Tauber, Guido Wolf, Julia Kloeckner and Thomas Strobl. Quelle: REUTERS

Was hat man nicht alles für einen Stuss gelesen in den vergangenen Tagen? Einige hielten es für angebracht, an Vergewaltigungen während des Oktoberfests zu erinnern: Ja mei, trinken, grapschen, schänden - ist halt eine Universalie… Andere wiesen auf deutsche Männer hin, die ihr Erspartes gerne im Puff verjubeln: Schweine auch sie, sollen jetzt bloß nicht moralisch tun… Und natürlich musste Verleger Jakob Augstein mal wieder eilig darauf hinweisen, dass seiner Meinung nach „ein paar grapschende Ausländer“ reichen, damit in Deutschland „der Firnis der Zivilisation“ reißt: „Jeder wollte sofort daran glauben“, so Augstein, dass in Köln „1000 Nordafrikaner“ ihr Unwesen getrieben haben, weil „der triebhafte Araber eine Erfindung des Westens“ und „der Orient seit jeher der Ort“ für unsere „sexuellen Projektionen“ sei.

Man fragt sich wirklich, wie weltentrückt und empathiearm, wie gefangen in theroriestabilen Weltbildern, wie goldgekettet an seinen Kolumnisten-Schreibtisch man eigentlich sein muss, um Opfer sexueller Gewalt mit Balzac-Lektüren und Serail-Fantasien zu behelligen. Man sollte Augstein dazu verdonnern, Aug’ in Aug’ mit den verunsicherten Frauen aus Köln, Hamburg, Düsseldorf über „Erfindungen“ und „Projektionen“ zu sprechen.

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