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Nach Glos-Rücktritt: "Den heutigen Akteuren fehlt Fachkenntnis"

von Reinold Rehberger

Der Rücktritt des amtsmüden Wirtschaftsministers Michael Glos zeigt: Gebt Quereinsteigern in der Politik eine Chance. Fachkenntnis sollte stärker gefragt sein als etwa Regionalproporz. meint Kommunikationswissenschaftlerin Andrea Römmele im wiwo.de-Interview.

Andrea Römmele Quelle: International University in Germany, Bruchsal
Andrea Römmele Quelle: International University in Germany, Bruchsal

WirtschaftsWoche: Nun hat die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel ihren ersten politisch motivierten Rücktritt – eine respektable Quote nach drei Jahren Amtszeit. Woran ist Michael Glos gescheitert?

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Römmele: Da gibt es ein Bündel von Faktoren: Erstens muss man sich daran erinnern, dass Glos wegen Stoibers Rückzug das Amt übernommen hat. Zweitens war Glos schon amtsmüde – und das für jeden sichtbar –, als er das Amt angetreten hatte. Inhaltliche Akzente hat er während seiner gesamten Amtszeit nicht gesetzt und auch nicht setzen können. Und drittens hat ihm der eigene Parteichef, Horst Seehofer, massiv in die Speichen gegriffen. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Glos sagte: Das mache ich nicht mehr länger mit. Das alles mag man, menschlich betrachtet, verstehen, andererseits aber finde ich einen derartigen Abgang in Zeiten der Weltwirtschaftskrise vor allem den Bürgern gegenüber als verantwortungslos.

Worüber staunt die Kommunikationswissenschaftlerin in diesem Fall ganz besonders?

Eigentlich ist das Procedere nichts Neues: Die Parteien reden mittlerweile in den Medien und damit öffentlich übereinander und nicht in den dafür bestimmten Gremien miteinander.

Stimmt Sie das traurig?

Traurig nicht, aber es ist schon bemerkenswert, wenn Themen statt in den dafür vorgesehenen Gremien auf dem Sofa von Frau Will diskutiert werden oder wenn, wie im Falle Glos, samstags die „Bild am Sonntag“ bemüht wird.

Ist die Seehofer-Strategie, die offensichtlich dem „bayerischen Weg“ folgt, nicht eine Renaissance der mitunter sehr eigenwilligen Politik des legendären Franz Josef Strauß?

Das kann man noch nicht sagen. Die Momentaufnahme aber sagt: Er poltert schon ganz schön. Wenn man so will, ist das natürlich eine maßlose Überschätzung eines der Landesverbände. Hier wackelt der Schwanz des Dackels mit dem Hund! Denn die Sachlage am vorletzten Wochenende war folgende: Ein wichtiger – und in Zeiten einer Wirtschaftskrise – ganz zentraler Ministerposten ist vakant geworden, Nun gilt es, einen  fachlich kompetenten Ersatz zu finden. Der CSU kommt es bei dieser Stellenbesetzung erneut  vorrangig auf den Regionalproporz an, Wirtschaftskompetenz ist erwünscht, aber nicht zwingend. Wenn sie genau hinschauen, sind derartige „Stellenbeschreibungen“ und Stellenbesetzungen alarmierend. Wir sind leider an einer Grenze unserer Parteiendemokratie angelangt.

Das klingt aber ziemlich düster!

Ich habe nicht gesagt „am Ende“, sondern „an einer Grenze“. Wir haben – egal in welche Partei Sie schauen – eine extrem dünne Personaldecke. Wir haben keine Fachleute mehr, die das alles wirklich stemmen können.

Und was fehlt den heutigen Akteuren?

Fachkenntnis, aber auch Leidenschaft für die Sache. Da sind vielleicht die Namen Paul Kirchhoff und Jobst Stollmann noch in Erinnerung – der eine ein brillanter Steuer-Experte, der andere ein erfolgreicher Unternehmer. Beide sind aber gescheitert, weil sie die Spielarten und die Usancen des Systems entweder nicht beherrschten oder sich dafür breitschlagen ließen: Kirchhoff hatte kein ordentliches Mediencoaching und die Schröder-Erfindung Stollmann galt den meisten Sozialdemokraten als zu innovativ und zu erfolgreich.

Wie lässt sich so etwas künftig verhindern? Anders ausgedrückt: Ist dieses Land, das im internationalen Wettbewerb steht, jetzt ewig auf Gedeih und Verderb ungeeigneter Politiker ausgeliefert?

Überhaupt nicht! Man muss aber den Mut haben, die Reißleine zu ziehen: In den Ortsverbänden ebenso wie in den Fraktionssälen. Es muss erfolgreichen Seiteneinsteigern die Chance gegeben werden, sich in der Politik mit Aussicht auf Erfolg zu engagieren. Schauen Sie sich die Regierungsbildung von US-Präsident Obama an: Da nimmt eine inhaltliche Größe nach der anderen am Kabinettstisch Platz. Wir müssen verstärkt über die Rekrutierung unseres politischen Personals nachdenken!

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6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 16.02.2009, 16:29 UhrAnonymer Benutzer: Gottfried Meier

    Als Mitarbeiter in einer Kommune bekomme ich tagtäglich mit, welchen Mist Politiker als Gesetz beschließen. Würde man Praktiker zu Rate ziehen, würden viele Gesetze ganz anders aussehen oder gar nicht erst beschlossen. Mich wundert daher immer wieder, dass die bürger diesen Politikern, die uns mangels Fachkenntnis immer weiter hineinreiten, ihr Vertrauen schenken. Vielleicht sollten sich die Wähler einmal ein beispiel an der bayernwahl nehmen.

  • 15.02.2009, 21:00 UhrAnonymer Benutzer: Michael Dirks

    Wunderbar, dass wenigstens eine "Kommunikationswissenschaftlerin" weiß und uns sagt, was Sache ist. Mehr als angelesenes Zeitungswissen hat sie aber auch nicht zu verbreiten. Das mit den "Seiteneinsteigern" ist fast immer gescheitert (Jost Stollmann, da war doch mal was!) und ausgerechnet Obamas Kabinettsbildung als Vorbild heranzuziehen ist ein schlechter Witz. Mit inzwischen 4 gescheiterten Minister-berufungen in weniger als 4 Wochen hält er (leider) einen Negativrekord!

  • 15.02.2009, 12:05 UhrAnonymer Benutzer: M. Müller

    Ein sehr gelungenes analytisches interview - mehr von der Sorte!

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