Nachruf: Ralf Dahrendorf und die Soziale Freiheit

Nachruf: Ralf Dahrendorf und die Soziale Freiheit

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Der deutsch-britische Politiker und Soziologe Lord Ralf Dahrendorf ist am Mittwoch im Alter von 80 Jahren gestorben

Mit dem Tod von Ralf Dahrendorf verliert der politische Liberalismus in Deutschland seine wichtigste intellektuelle Stimme.

Ralf Dahrendorf hatte eine große Gabe. Er konnte über schwierige Dinge einfach reden. In einem vor zwei Jahren erschienenen Essay über „Freiheit - eine Definition“ sagte er: „Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang. Menschen sind in dem Maße frei, indem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können“. Das sei die Freiheit, wie sie von allen modernen Liberalen verstanden worden sei: als Recht auf Eigensinn, auf das, was jeder Einzelne für richtig hält und sich von keiner Gesellschaft, von keinem Staat, von keiner Nation ausreden lässt. Es gebe für jeden Bürger einen privaten Bereich, der unbedingt vor Bevormundung geschützt werden müsse, weil er zur Menschenwürde gehört.

Bei diesen banal anmutenden, aber in Wahrheit fundamentalen Einsichten blieb er freilich nicht stehen. Zur Modernität des Liberalen Dahrendorf gehörte es, dass er das Soziale mitdachte, also die unvermeidlichen Einschränkungen der individuellen Freiheit nicht nur als Begrenzungen, sondern auch als notwendige Bereicherungen verstand. Absolute Freiheit, meinte er, tendiere zur Anarchie. Wohlverstandene Freiheit hingegen, die er auch „soziale Freiheit“ nannte, brauche eine Verfassung, nicht um Zwang auszuüben, sondern um dem Recht Geltung zu verschaffen. Das Gesetz, sagte Dahrendorf, „gehört allen freien Bürgern“ – weil es sie vor Machtmissbrauch schützt.

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Dahrendorf forderte als Liberaler Freiheit  -  politisch, ökonomisch und kulturell. Die wirtschaftlichen Freiheiten, der freie Handel, die unternehmerische Unabhängigkeit hatten für ihn allererste Priorität. Dafür nahm er auch Ungleichheit in kauf, sie war für ihn „Ausdruck von Freiheit“. Wo die freie Marktwirtschaft herrscht, so glaubte er mit dem indischen Ökonomen Amartya Sen, seien Armut und Unterentwicklung „weniger wahrscheinlich“.

Aber er ignorierte bei allem Pathos zur Freiheit nie die gesellschaftlichen Bedingungen, die erst zur Freiheit ertüchtigen. Dahrendorf war Soziologe - ein weißer Rabe unter den Liberalen. Der Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf promovierte 1952 mit einer Studie über den „Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx“ und focht Anfang der Sechzigerjahre mit Theodor W. Adorno, Karl Popper und Jürgen Habermas den sogenannten Positivismusstreit aus. Er lehrte Gesellschaftswissenschaft  in Hamburg, Tübingen und Konstanz, trat 1967 der FDP bei und arbeitete, mit dem damaligen FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach, an der programmatischen Neuausrichtung der Partei, in einer Zeit, da, wie er einmal sagte, „die Freiheitspartei und die Gleichheitspartei eine Koalition bildeten“.

Dahrendorf kannte keine Berührungsängste. Er war sein Leben lang neugierig. Legendär wurde seine Diskussion mit Rudi Dutschke, auf dem Dach eines Autos während einer Studentendemonstration im Jahr 1968. Im selben Jahr zog er als FDP-Abgeordneter in den baden-württembergischen Landtag ein, wurde später Staatssekretär in der Regierung Brandt, wechselte 1970 als Kommissar der Europäischen Gemeinschaft nach Brüssel und leitete 1974 bis 1984 die London School of Economics.

Dahrendorf war ein unruhiger, beweglicher, kosmopolitischer, wahrhaft freier Geist. England wurde dem gebürtigen Hamburger schließlich zur zweiten Heimat. Der politische Pragmatismus der Briten, ihr Antiaffekt gegen die Überhöhung des Staates, wie er in Kontinentaleuropa, zumal in Deutschland Tradition hat, kam seinem intellektuellen Temperament entgegen. 1993 wurde er zum Baron erhoben, als Mitglied der Liberal Democrats hatte er einen Sitz im britischen House of Lords – und nahm doch immer wieder am politischen Leben in Deutschland teil, zuletzt als Vorsitzender der Zukunftskommission der nordrheinwestfälischen Landesregierung. Gestern ist er nach langer Krankheit im Alter von 80 Jahren in Köln gestorben. Mit dem Tod von Ralf Dahrendorf verliert der politische Liberalismus in Deutschland seine wichtigste intellektuelle Stimme.

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