Nahrungsmittel: Industrie fürchtet virtuellen Pranger

Nahrungsmittel: Industrie fürchtet virtuellen Pranger

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Nahrungsmittel

von Christian Ramthun

Ministerin Ilse Aigner will den Verbraucherschutz verbessern. Die Industrie fürchtet einen virtuellen Pranger.

Goldene Windbeutel verteilt Thilo Bode. Der selbst ernannte Essenswächter und frühere Greenpeace-Aktivist stigmatisierte mit der gefürchteten Auszeichnung zuletzt den Joghurt-Hersteller Zott für sein zuckriges Milchgetränk „Monte Drink“. Davor gewann Danone die Auszeichnung – für „Actimel“, den „schlimmsten Fall von Etikettenschwindel“. Der Imagewert des Wohlgefühl versprechenden Milchprodukts brach prompt um 55 Prozent ein, jubelte Foodwatch. Bodes Organisation ist der Schrecken der Ernährungsindustrie.

Und nun attackiert uns auch noch die Bundesregierung, entsetzt sich die Branche. Es könne doch nicht sein, mahnt Matthias Horst vom Lobby-Verband Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), „dass die Bundesverbraucherministerin mit Steuergeldern einen öffentlichen Pranger aufstellen lässt“.

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Tatsächlich bereitet Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner eine Initiative mit dem Arbeitstitel „Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln“ vor. Mehrere Hunderttausend Euro will Aigner dafür aus ihrem Haushalt lockermachen. Zentrales Element soll dabei ein Internet-Portal sein, in dem Verbraucher ihre Kritik veröffentlichen dürfen.

Tendenziöse Inhalte

Die Wirtschaft stört sich vor allem daran, dass dieses Internet-Portal von den – aus ihrer Sicht tendenziösen – Verbraucherzentralen betrieben werden soll. Sie sollen die Kundeneingaben bearbeiten, von den betroffenen Unternehmen Stellungnahmen einfordern, eine eigene Kommentierung hinzufügen und alles zusammen anschließend ins Netz stellen.

Die Industrie bewertet das als elektronischen Pranger. Für das Ministerium geht es um „ein Informations- und Meinungsforum, das einen fairen und sachlichen Austausch zwischen Verbrauchern und Wirtschaft ermöglicht“.

Die Emotionen schlagen hoch und erinnern an Auseinandersetzungen aus den Achtzigerjahren. Damals wurde vor allem die Chemie- und Rohstoffindustrie von Ökoaktivisten attackiert. Damals kämpfte der Umweltaktivist Bode an vorderster Front, heute mischt der Verbraucherschützer Bode die Industrie auf. Und damals profilierte sich Klaus Töpfer (CDU) als Umweltminister, während Ilse Aigner (CSU) heute spürt, wie der Verbraucherschutz für die Bürger an Bedeutung gewinnt.

Pizzen mit Analogkäse, von Enzymen gebundenes Klebefleisch, schweinefreier Schinken aus pflanzlichen Zutaten, fruchtarme Joghurts mit prallen Kirschen auf dem Etikett, Aromastoffe aus Buchenspänen oder Saale-Unstrut-Weine, die mit badischen Trauben aufgefüllt werden – die Liste tatsächlicher oder vermeintlicher Verbrauchertäuschungen wird immer länger und die Wut der Verbraucher immer größer.

Die Ernährungsindustrie, die hierzulande mit einer halben Million Beschäftigten rund 155 Milliarden Euro umsetzt, fühlt sich in die Ecke gedrängt. „Wir haben bereits ein umfassendes Recht“, sagt BLL-Hauptgeschäftsführer Horst. Das Wettbewerbsrecht sei ein scharfes Schwert gegen unlautere Werbung und irreführende Deklarationen. Das deutsche und europäische Lebensmittelrecht sorge für sichere Nahrungsmittel. Im Lebensmittelbuch sei niedergelegt, was in einer Jagdwurst oder einer Marmelade drin sein müsse. Und schließlich gebe es die Kennzeichnungspflicht. Allerdings gebe es auch Pflichten für die Bürger, so Horst: „Die Verbraucher müssen lesen.“

Kein Schinken im Schinkenbrot

Oft wird die Wahrheit aber kleingedruckt, mit wohlklingenden Worten verschleiert wie bei Vanillinzucker (ohne Vanille) oder durch irreführende Illustrationen („Serviervorschlag“) an den Rand geschoben. Mit solchen Methoden macht sich eine ganze Branche verdächtig.

Bode schlägt mit Foodwatch daraus Kapital. Die 2002 gegründete Organisation lebt von Spenden und hat nach eigenen Angaben inzwischen 17 000 Förderer. Foodwatch braucht öffentlichkeitswirksame Auftritte, sie bilden ihr Fundament. Wo Bode kocht, wird es schon mal heiß. Da attackiert er selbst ein traditionelles Nahrungsmittel wie das norddeutsche Schinkenbrot, weil es keinen Schinken enthält. Oder einen Schwarzwälder Schinken, weil dieser dort nur geräuchert sein muss, das Rohfleisch aber oft aus Westfalen stammt.

Das Verbraucherministerium ist über die „Skandalisierer“ nicht erbaut. Man werde denen „nicht das Feld überlassen“, heißt es im Hause Aigner. Mit ihrer Initiative „Klarheit und Wahrheit“ will die Ministerin sachlich die Verbraucher aufklären. Umso mehr erschreckt die CSU-Politikerin, dass die Ernährungsindustrie Sperrfeuer schießt und gleich ein Rechtsgutachten gegen ihre Initiative einholte. Trotzdem will das Verbraucherministerium den Entwurf ihrer Initiative noch in diesem Monat vorstellen. Im Frühjahr dann soll das Portal im Internet aufgebaut werden – ob nun als Plattform oder Pranger, das entscheiden letztlich die Nutzer.

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