Neonazi-Mordserie: Schlüsselfrau des Terror-Trios schweigt eisern

Neonazi-Mordserie: Schlüsselfrau des Terror-Trios schweigt eisern

, aktualisiert 14. November 2011, 15:11 Uhr
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huGO-BildID: 24089344 ARCHIV - Polizisten führen die 36-jährige Beate Z. am Mittwoch (09.11.2011) aus einem Gebäude der Staatsanwaltschaft Zwickau, wo sie auch dem Haftrichter vorgeführt wurde. Für die Morde an einer Polizistin in Heilbronn sowie an acht Türken und einem Griechen ist nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft eine Gruppe Rechtsextremer verantwortlich zu der Beate Z. gehört haben soll. Beate Z. will nach einem Bericht der «Bild am Sonntag» (Ausgabe vom 13.11.2011) nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird. Das Blatt beruft sich auf Ermittlerkreise. Die 36 Jahre alte Frau sitzt in Untersuchungshaft. Foto: Jan Woitas dpa/lsn +++(c) dpa - Bildfunk+++

von Hannes VogelQuelle:Handelsblatt Online

Was wusste der Verfassungsschutz von den rechtsextremen Terroristen? Welche politischen Ziele hatten sie? Diese Fragen kann wohl nur Beate Z. beantworten. Doch die Schlüsselfigur des Killer-Trios gibt nichts preis.

DüsseldorfBeate Z. verabschiedete sich mit einem großen Knall. Doch was für die 36-jährige mutmaßliche Mörderin offenbar das Ende einer langen Serie unheimlicher Verbrechen war, wurde für die Bundesrepublik zum Anfang einer unheimlichen Erkenntnis. Am Nachmittag des 4. November verließ Z. ihr Wohnhaus in Zwickau, Minuten später äscherte eine Brandbombe das Gebäude ein. Inzwischen ist klar: Zusammen mit Uwe M. und Uwe B., die am selben Tag erschossen in einem Wohnwagen bei Eisenach gefunden wurden, soll Z. über ein Jahrzehnt lang eine rechtsextreme Terrorgruppe gebildet haben, der inzwischen mehr als zehn Morde an Einwanderern und ein Nagelbombenattentat zugerechnet werden - den „Nationalsozialistischen Untergrund (NSU)“.

Nach und nach kommen neue Details, immer neue Taten ans Tageslicht, die auf das Konto der rechten Terroristen gehen sollen. Die Analyse der Bekenner-DVD des Trios „durch die Ermittler des Landeskriminalamtes hat jetzt Hinweise auf einen bisher unaufgeklärten Sprengstoffanschlag in der Kölner Innenstadt im Jahr 2001 ergeben“, teilte am Montag der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger mit. Damals war eine 19-jährige Deutsch-Iranerin bei einem Sprengstoffanschlag auf ein Kölner Lebensmittelgeschäft schwer verletzt worden.

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Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am Sonntag Haftbefehl gegen Z. wegen des dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord erlassen. Seit 1998 sollen Z., B. und B. im Untergrund eine rechtsextremistische Terrorzelle gebildet haben. Auf ihr Konto sollen die sogenannten Döner-Morde an acht türkischstämmigen Männer und einem Griechen in den Jahren 2000 bis 2006 und der Mord an einer Heilbronner Polizistin im April 2007 gehen. Z. soll ihre Wohnung in Brand gesetzt haben, „um Beweismittel zu vernichten“.    

Der Verdacht ist ungeheuerlich - nicht nur für die deutsche Öffentlichkeit und das Ansehen Deutschlands in der Welt, sondern vor allem auch für die Ermittler: er dürfte unheimlich schwer aufzuklären sein. Die einzige Person, die das könnte, ist Beate Z. Doch die schweigt bislang. Einem Zeitungsbericht zufolge will die mutmaßliche Rechtsterroristin nur unter der Bedingung einer Kronzeugenregelung aussagen. Die Frau mache ihre Zusammenarbeit mit der Polizei von einer Strafmilderung abhängig, hieß es in einem am Samstag vorab veröffentlichten Bericht der „Bild am Sonntag“. Vergangene Woche hatte sich Z. der Polizei gestellt.

Jemand anders können die Ermittler kaum fragen. Ihre beiden Männer, mit denen sie gemeinsam in dem Haus in Zwickau lebte, sind tot. Mit beiden hatte sie offenbar eine merkwürdige Dreiecksbeziehung: „Mal war sie mit dem einen zugange, mal mit dem anderen“ berichtet ein früherer Bekannter laut „Bild-Zeitung“. Beate Z. hat viele Trümmer hinterlassen in ihrem Leben. In denen haben die Ermittler allerdings Einiges gefunden, was eine Reihe brisanter Fragen aufwirft.


„Taten statt Worte“

Da wäre vor allem die Frage, warum die mutmaßlichen Terroristen in über zehn Jahren niemals ein Bekennerschreiben veröffentlichten oder sonst irgendwie auf ihre Taten aufmerksam machten. Sie agierten aus dem Untergrund, im Verborgenen, finanzierten ihre Verbrechen mit 14 Banküberfällen, traten aber niemals mit Forderungen oder Erklärungen an die Öffentlichkeit. Möglicherweise waren sie aber kurz davor, diesen Schritt zu gehen. In den Trümmern des Hauses in Zwickau fanden die Fahnder mehrere DVDs: In einem 15-minütigem Propagandafilm dokumentiert die Terror-Truppe NSU mit blutigen Bildern die Mordserie an den ausländischen Ladenbesitzern. Ihr Motto: „Taten statt Worte“.

Das erklärt vielleicht, warum über Jahre niemand einen möglichen rassistischer Hintergrund bei den Morden erkannte oder sie in einen Zusammenhang brachte. Selbst in der rechten Szene konnte so niemand etwas von den Taten erfahren. Umso mehr stellt sich aber die zweite Frage: Was wussten die Verfassungsschützer von den Aktivitäten der mutmaßlichen Neonazis?

Alle drei Verdächtigen stammen aus der Jenaer Neonazi-Szene, gründeten dort schon in den 90er Jahren den „Thüringer Heimatschutz“, eine rechtsextreme Gruppe, die von Anfang an unter Beobachtung des Verfassungsschutz stand. Ihr Anführer entpuppte sich später als V-Mann. Die drei hetzten gegen Ausländer, verschickten Briefbombenattrappen und bastelten dann auch an echten Bomben. Die Polizei wurde aufmerksam und alle drei tauchten ab: bis die beiden Männer vor anderthalb Wochen ebenso plötzlich auftauchten, wie sie Ende der 90er spurlos verschwunden waren - tot in einem Wohnwagen.

In den Blickpunkt rückt deshalb die Frage, warum die Rechtsextremen so lange unbehelligt blieben - oder die Verfassungsschützer etwas von den Plänen wussten. Es sei „sehr beunruhigend, dass zwischen der Mordserie in ganz Deutschland und der rechtsextremen Szene in Thüringen kein Zusammenhang erkannt wurde“, sagte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) der „Bild“-Zeitung (Montag). Nach derzeitigem Ermittlungsstand gebe es aber keine Kontakte zwischen den bekannten Tätern und Verfassungsschutz oder Bundeskriminalamt.

Mit dem Fall soll sich an diesem Dienstag auch das Kontrollgremium des Bundestags (PKG) für die Geheimdienste befassen. Dass das Jenaer Neonazi-Trio 13 Jahre lang unbemerkt bleiben konnte, sei in keiner Weise nachvollziehbar, sagte der parlamentarische Geschäftsführer Thomas Oppermann, der auch Vorsitzender des PKG ist, im ZDF. Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat bereits dringend Aufklärung vom Verfassungsschutz gefordert. Aber eigentlich müsste er nur Beate Z. fragen.

Mit Material von Reuters und dpa

Quelle:  Handelsblatt Online
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